Kirchheim

Polemischer Luther ruft zur Selbstkritik auf

Vortrag Karl-Josef Kuschel erklärt, wie sich auch in politisch unkorrekten Schriften des großen Reformators noch Wege zum Dialog aufzeigen lassen. Von Andreas Volz

Professor Dr. Karl-Josef Kuschel sprach in der Kirchheimer Martinskirche zum Thema „Martin Luther, die Türken und der Islam - ei
Professor Dr. Karl-Josef Kuschel sprach in der Kirchheimer Martinskirche zum Thema „Martin Luther, die Türken und der Islam - ein schwieriges Erbe als Auftrag für heute“.Foto: Markus Brändli

500 Jahre Reformationsgeschichte: Das ist in der evangelischen Kirche Anlass zum Feiern, aber auch zum kritischen Hinterfragen der eigenen Wurzeln. Dass Martin Luther - die zentrale Figur der Reformation - Schriften gegen das Judentum verfasst hat, die alles andere als politisch korrekt sind, wird im Jubiläumsjahr vielfach erwähnt. Diese Schriften werfen aus heutiger Sicht einen großen Schatten auf den Reformator. Aber Schriften gegen den Islam? Von Martin Luther? War der Islam damals überhaupt schon ein Thema in Europa?

Und wie: Zu Luthers Zeiten sprach man allerdings nicht so sehr vom „Islam“, sondern eher von den „Türken“. Mit „Türken“ wiederum waren die Soldaten des Osmanischen Reichs gemeint, die 1529 erstmals vor den Toren Wiens standen. Die Auseinandersetzung mit dem Islam fand also nicht in Form eines interreligiösen Dialogs statt, sondern im Krieg.

Karl-Josef Kuschel, stellvertretender Direktor des Instituts für Ökumenische und Interreligiöse Forschung der Universität Tübingen, hat sein Publikum in der Kirchheimer Martinskirche fundiert über die historischen Zusammenhänge aufgeklärt: Kaiser Karl V. war im Kampf gegen die osmanische Bedrohung auf die Hilfe der protestantischen Fürsten angewiesen. „Realpolitisch betrachtet, hätte Luther den Türken sehr dankbar sein können, weil sie dadurch zur Verbreitung der Reformation beigetragen haben“, sagt Karl-Josef Kuschel. Er bezeichnet es als „Ironie der Geschichte“, dass ausgerechnet die Eroberungsfeldzüge Süleymans des Prächtigen mit dazu beitrugen, dass sich die Reformation durchsetzen konnte.

Kein Krieg gegen Andersgläubige

Einen gerechten Krieg gab es für Luther nur im Verteidigungsfall: „Luther stellt klar, dass die Türken kein Recht haben, Länder anzugreifen, die ihnen nicht gehören.“ Weil sie das aber trotzdem taten, bezeichnete er sie als „Gottes Rute“ und „Teufels Diener“. Das Schwert des Kaisers sei also berufen zum bewaffneten Kampf. Das hat für Luther jedoch nichts mit dem Glauben zu tun, sondern sei eine rein weltliche Angelegenheit. Ginge es dem Kaiser darum, Ungläubige zu bekämpfen, müsse er bei sich selbst anfangen. Luther verschont eben keinen Gegner mit seiner Polemik. Er sei von einer „unbändigen Verteufelungswut“ getrieben. Das gelte für die Schriften gegen die Türken wie für die gegen die Juden oder den Papst.

Im Zweifelsfall würde es protestantischen Christen unter dem Sultan sogar besser gehen als unter der Herrschaft des Papstes, stelle Luther fest. Kuschel spricht deshalb von der „Instrumentalisierung des Islam zur Diskreditierung des innerchristlichen Gegners“. Er instrumentalisiere „die Türken“ aber auch zur Beschämung der Christen - durch das Vorbild des untadeligen Verhaltens von Nichtchristen: „Sie saufen und fressen nicht wie wir Deutschen.“ Und die türkischen Frauen hätten keine solche Sucht nach Luxus und Pracht wie die deutschen Frauen.

Luther sieht hier einen Anlass für Selbstreinigung durch Buße und Gebet: Christen haben nach seiner Ansicht Gottes Ungnade und Zorn verdient. Seine Kampfschrift gegen die Türken ist also auch eine Kampfschrift nach innen, ein Aufruf zur Selbstkritik. Zudem ruft er seine Mitchristen auf, Selbstgerechtigkeit und Überlegenheitsarroganz abzulegen.

Das ist für Kuschel bei aller Po­lemik ein sinnvoller Ansatzpunkt, um Luthers Erbe antreten zu können: „Ziel meiner interreligiösen Arbeit ist das Bemühen, sich wechselseitig besser zu verstehen - gerade in der jeweiligen Andersheit.“ Es gehe nicht um gegenseitiges Übertrumpfen. Und genau dabei helfe Luthers Idee der Selbstreinigung durch die Auseinandersetzung mit dem anderen.

Auch über eine eigene Erfahrung berichtet Karl-Josef Kuschel: „Der Papst kommt in der Polemik Luthers sogar schlechter weg als der Sultan. Als katholischer Theologe sehe ich das heute mit einem gewissen Humor.“ Das Nachvollziehen zeitgenössischer Gegebenheiten kann also zu größerer Gelassenheit im Umgang mit Luthers drastischen Schriften führen.

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