Lokale Kultur

Über die Kunst des erfolgreichen Scheiterns

Konstantin Wecker sorgte in der ausverkauften Kirchheimer Stadthalle für stehende Ovationen

Konstantin Wecker hatte sich die Schulter gebrochen und trug eine Hand in der Schlinge. Dennoch wurde das Konzert ein Erfolg.Fot
Konstantin Wecker hatte sich die Schulter gebrochen und trug eine Hand in der Schlinge. Dennoch wurde das Konzert ein Erfolg.Foto: Genio Silviani

Kirchheim. Die Nachricht hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet und dafür gesorgt, dass die viel zu wenigen Plätze aus der Sicht treuer Fans viel

Anzeige

zu schnell verkauft waren. Dass es Veranstalter Manne Kurz gelungen war, Konstantin Wecker nach Kirchheim zu bringen, sorgte für ein von Besuchern aus nah und fern zugestelltes Parkdeck, das viel über die Attraktivität des Konzerts verriet.

Im Foyer herrschte Gedränge, die Stimmung war prächtig, und der Star wurde mit euphorischem Applaus begrüßt. Doch der Künstler war erkennbar nicht in der Lage, für ein furioses Konzert zu sorgen: Er hatte sich die Schulter gebrochen und trug eine seiner wichtigen Spielhände in der Schlinge.

Als Wecker erklärte, „Ersatz“ mitgebracht zu haben, war alles gleich viel besser. Da es der Schmerzpatient nicht aushielt, seinem „alter ego“, den kongenialen Wegbegleiter Jo Barnikel ganz das Feld zu überlassen und ihn mit seiner „gesunden Hand“ ab und an „unterstützte“, war drohendem Scheitern ein grandioser Erfolg entgegengesetzt.

Tatsächlich hatte sich Konstantin Wecker vorgenommen, über sein pralles, vielfältig gebrochenes, aber nie langweiliges oder gar angepasstes Leben zu berichten und sich biografisch dem Publikum zu stellen. „Die Kunst des Scheiterns“ hat Wecker die 2007 in Buchform vorgelegte Bilanz seines von Höhen und Tiefen bestimmten Lebens überschrieben.

Sein verstorbener Freund Dieter Hildebrand hatte ihn gewarnt, dass ein solcher Titel „ein gefundenes Fressen für jeden nicht wohlwollenden Kritiker“ sei. Wecker hatte sich aber nicht beirren lassen, denn er weiß, dass ihn die Niederlagen in seinem voller Widersprüche steckenden Leben weiterbrachten als alles, was ihm geglückt ist. Vor über drei Jahrzehnten hatte er das auch schon prägnant und poetisch auf den Punkt gebracht: „Liebes Leben, fang mich ein, halt mich auf der Erde. Kann doch, was ich bin, nur sein, wenn ich es auch werde. Gib mir Tränen, gib mir Mut, und von allem mehr. Mach mich böse, mach mich gut, nur nie ungefähr. Liebes Leben, abgemacht? Darfst mir nicht verfliegen. Hab noch so viel Mitternacht sprachlos vor mir liegen.“

Dass er schon sehr früh von zu Hause ausriss, sei die Schuld von Menschen wie etwa Georg Trakl oder Georg Heym gewesen. Kein Buch habe ihn je annähernd so beeinflusst wie das Bändchen „Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts“. Die wunderliche „Komposition der Worte“ verzauberte von Anfang an die Kindheitsträume des bekennenden „Spätpubertierers“ und überzeugte ihn davon, dass auch er unbedingt ein freier und gelegentlich wohl unbequemer Dichter werden müsse. Die ihn betörende „Verzauberung der Worte“ habe ihn nie mehr verlassen, sondern wurde noch ergänzt durch seine Liebe zur Musik.

Prägend für Weckers wildes Leben war „eine erste Gefängniserfahrung“ in Genua. Er ist überzeugt, dass sie den Grundstein legte „für seine spätere, reichlich naive Furchtlosigkeit vor Polizei, Gesetz und Knast“. Mit „Gammlern, Globetrottern und Freaks aller Nationen“ von Carabinieri weggesperrt und dennoch keine hohe Strafe erwartend, feierte er die erste Inhaftierung wie ein WG-Fest.

Er erlebte die Solidarität unter rebellierenden Jugendlichen als natürliches Ergebnis einer bewussten Verweigerungshaltung der damaligen Zeit. „Keiner wollte den anderen aus irgendeinem Job verdrängen. Die meisten waren unbeleckt von Ehrgeiz, und die wenigen Streber wurden verachtet.“ Sie alle standen zusammen gegen spießige Erwachsene und deren „engstirnige graue Welt des stumpfen Konsumierens“, der sie Fantasie und Kreativität entgegensetzen wollten.

Aus der Überzeugung heraus lebend, dass es vor allem um engagiertes Tun gehe, brachte er seine künstlerische Karriere gut voran. War er anfangs eher in kleinen Klubs aufgetreten, öffnete ihm der Erfolg der 1977 veröffentlichten Platte „Genug ist nicht genug“ mit der hymnisch gefeierten Ballade „Willy“ endgültig auch die großen Hallen.

Als er die bundesrepublikanische Enge nicht mehr ertrug und darunter litt, von den falschen Leuten instrumentalisiert zu werden, verordnete er sich in den 80er-Jahren etwas „Dolcefarniente“ in der Toskana. Die Auszeit brachte den nicht nur von italienischer Lebensfreude Berauschten dann erstmals heftig vom Weg ab. Da er seinem um einen Baum gewickelten Autowrack relativ unverletzt entsteigen konnte, wuchs zeitgleich seine verhängnisvolle Überzeugung, dass ihn die Götter zweifellos lieben.

Seinem selbstkritischen Blick auf das 1995 geschriebene düsterste Kapitel seines Lebens nahm Wecker mit einem ironischen Plädoyer für eine Art „Grundrecht auf Leid“ etwas an Schärfe, machte aber keinen Hehl daraus, dass ihn der durch Drogenbesitz und Kokain-Konsum verpfuschte Teil seines Lebens sehr viel gekostet habe.

Auch wenn Wecker vor über 40 Jahren antrat, um die Welt besser zu machen, sei vieles schlechter geworden. Mit seiner sprichwörtlichen „zärtlichen Wut“ hat er es aber immer wieder geschafft, den Mut zu finden, um sich unerschrocken für all die Themen einzusetzen, die ihm wichtig sind. Dass er viel falsch gemacht hat, weiß Konstantin Wecker. Dass ihm sein Engagement und sein bürgerlicher Ungehorsam viel genommen haben, nimmt er aber noch immer selbstbewusst und ungebeugt in Kauf. Diebisch freut er sich noch heute darüber, dass ihm sein bitterböser Richter-Song viel Applaus eingebracht hatte – wenn auch nicht von allen Seiten . Dass der von ihm einst in einem Lied unbarmherzig verspottete fiktive Richter zwar täglich und unerbittlich Sitte und Anstand vertritt, sich in seiner Freizeit aber gern auf Spielplätzen entblößt, hatte für Furore gesorgt.

Die munter präsentierte Erkenntnis „Hätte er das schon früher getrieben, wär uns ein Richter erspart geblieben“ war dann aber schon längst Teil einer gemeinsam gefeierten Zugaben-Orgie. Dabei wurden Weckers bekannteste Titel und Refrains in Erinnerung gerufen und der hellwache Kritiker seiner Zeit musste tatsächlich fürchten, dass seine Konzentration auf die „Kunst des Scheiterns“ inzwischen immer mehr nach harmonisch aufbrandender Kirchentagsstimmung klingt.