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Das Gefühl von Erde in der HandKontakt

Neue Dachterrasse in der Wohnung für Menschen mit Demenz bietet Sinneserfahrungen

Im Gemüsebeet gedeiht der Mangold bestens, hellgrüne Salatblätter wachsen neben diversen Kräutern. Nebenan wiegen sich zartrosa Rosenblüten im Wind, eingerahmt von violettem Salbei. – Der Verein „Gemeinsam statt einsam“ hat ein kleines Idyll über den Dächern von Kirchheim geschaffen: Seit Kurzem erfreut sich die Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz an einem Dachgarten.

Demenzwohngruppe über dem "Eckpunkt" hat neue Dachterrasse für Bewohner fertiggestellt und feiert am Samstag Einweihung
Demenzwohngruppe über dem "Eckpunkt" hat neue Dachterrasse für Bewohner fertiggestellt und feiert am Samstag Einweihung

Irene Strifler

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Kirchheim. Die Macherinnen von „Gemeinsam statt einsam“ haben schon öfter Träume wahr werden lassen: Vor neun Jahren eröffneten sie die Kirchheimer Wohngemeinschaft für Demenzkranke, gefördert durch die Weihnachtsaktion des Teckboten. Viel Gegenwind gab es damals zu überwinden: Der Begriff „Demenz“ war vielen neu, Wohngemeinschaften speziell für diese Krankheitsform gab es nicht, die Pflegeversicherungen taten sich schwer mit demenziell Erkrankten.

Die Gründerinnen des Vereins, die überwiegend heute noch dabei sind, hatten damals alle selbst Mütter, die an Demenz litten, und wünschten sich für sie die ideale Betreuung. Die schufen sie schließlich aus eigener Kraft, indem sie die erste Wohngemeinschaft dieser Art in Baden-Württemberg über dem „Eckpunkt“ in der Kirchheimer Hindenburgstraße einrichteten. Die Wohngemeinschaft wurde bundesweit zum Vorzeigeobjekt. Bewährt hat sich das familiäre Miteinander, das durch die Mithilfe von Angehörigen bei der Betreuung gestützt wird, auch im Alltag. „Wir hoffen, dass noch viel mehr Wohnungen dieser Art entstehen“, betont die Vereinsvorsitzende Sybille Mauz. Bislang gibt es etwas Vergleichbares im Landkreis Esslingen nur in Ostfildern.

Entsprechend lang ist die Warteliste für die acht Plätze. Und das dürfte sich in naher Zukunft auch nicht ändern. Der Verein hat nämlich mit der Einrichtung einer Dachterrasse ein weiteres Highlight geschaffen. Eigentlich handelt es sich um weit mehr als um eine Dachterrasse, es ist ein zweites Wohnzimmer, Partyareal, Garten und vieles mehr in einem. Die Bewohnerinnen – derzeit leben ausschließlich Frauen in der Wohngemeinschaft – genießen den Umgang mit Pflanzen sichtlich. „Die meisten hatten früher selbst einen Garten“, erzählt Sybille Mauz. Unkraut zupfen, Erde auflockern, gießen oder Gemüse ernten haben sie sozusagen im Blut. Sie sind glücklich darüber, hier auch mal selbst Hand anlegen zu können. Vertraute Düfte wecken Erinnerungen.

Die Dachterrasse entführt manche in die Vergangenheit, bereichert aber vor allem die Gegenwart. „Bis zehn Uhr abends sitzen wir hier draußen manchmal zusammen“, freut sich Jutta Krehl, die die Finanzen im Verein unter ihren Fittichen hat und bei der Betreuung mithilft. Nicht nur die menschlichen Bewohner schätzen die neue Oase hoch über den Dächern von Kirchheim: Seit der Gartenbauer einen kleinen Brunnen eingebaut hat, tummeln sich auch jede Menge gefiederter Gäste auf der Terrasse.

Auch eine Wäschespinne hat hier Platz gefunden. Möglichst viel wird im WG-internen Zusammenspiel geleistet, und zu den regelmäßig anfallenden Arbeiten gehört nun mal auch das Wäscheaufhängen.

Wie schon die Gründung der WG letztlich nur mit Spendengeldern möglich wurde, so ließ sich auch der Traum der Dachterrasse nur durch großzügige Gaben verwirklichen. Diesmal war es der Notzinger Adventsmarkt, der eine ordentliche Summe in die Kasse des gemeinnützigen Vereins „Gemeinsam statt einsam“ spülte und damit den Impuls gab. Die rührigen Vereinsmitglieder sind für Spenden sehr dankbar. Die Bewohnerinnen dagegen genießen einfach: den betörenden Duft des Thymians, das tiefe Brummen der Hummeln, das beruhigende Gefühl von Erde, die durch die Hand rieselt.

 

Informationen über die Wohngruppe gibt es bei Sybille Mauz, Telefon 0 70 21/4 71 48, oder unter www.gemeinsam-statt-einsam-kirchheim.de.