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„Wer fit ist, sollte weiterhin arbeiten dürfen“

Straßenumfrage: Erst mit 70 in Rente? Passanten in der Fußgängerzone haben unterschiedliche Meinungen

Für eine freiwillige Rente mit 70 plädiert der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise. Was halten die Menschen aus der Region von dieser Idee? Der Teckbote hat sich umgehört.

Die 69-jährige Barbara Steglich arbeitet im Modehaus Bantlin in Kirchheim. Sie will sich etwas dazuverdienen und unter Leute kom
Die 69-jährige Barbara Steglich arbeitet im Modehaus Bantlin in Kirchheim. Sie will sich etwas dazuverdienen und unter Leute kommen.Fotos: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. „Flexible Ausstiege aus dem Erwerbsleben in Rente sind grundsätzlich ein gutes Modell“, sagte Weise vor Kurzem. Die Regierung habe den früheren Ausstieg mit der Rente mit 63 ermöglicht. Angesichts des Fachkräftemangels sollte man „nun auch Anreize dafür setzen, dass Arbeitnehmer, die fit sind, freiwillig bis 70 arbeiten können“.

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Von dieser Überlegung hält Günther Albrecht aus Kirchheim jedoch nicht viel. Der Chef der Bundesarbeitsagentur spreche zwar von einer „freiwilligen“ Rente mit 70, „aber daran glaube ich

Rente bis 70 - Umfrage

Günther Albrecht

nicht. Das geht alles in Richtung Erhöhung des Renteneintrittsalters“, winkt der 52-Jährige ab, der freiberuflich im Bereich Ingenieursdienstleistung tätig ist. Seit Jahren würden die Sozialleistungen reduziert und die Löhne gedrückt, ergänzt Günther Albrecht, der mit 60 Jahren aufhören möchte zu arbeiten. Irgendwann einmal müsse Schluss sein mit der Arbeit; man benötige dann Zeit für andere Dinge im Leben, gibt er zu bedenken.

Das sieht Gerhard Hörsch aus Kirchheim genauso. „Ab einem gewissen Alter läuft es halt nicht mehr mit der Arbeit“, sagt der 78-Jährige, der früher als Werkzeugmacher tätig war und nun ab

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Gerhard Hörsch

und an seiner Frau in deren Kirchheimer Geschäft „TeeEcke“ aushilft. Er glaubt, dass sich viele ältere Arbeitnehmer überschätzen würden. „Das würde nicht gut gehen“ – vor allem nicht bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten, betont er. „Bei Bürojobs und mit flexiblen Arbeitszeiten wäre es vielleicht einfacher.“

Patrick Bosch aus Kirchheim würde die freiwillige Rente mit 70 hingegen begrüßen. „Wenn die Leute fit sind, ist es doch gut, wenn sie weiter arbeiten können“, sagt der 37-jährige Meister im

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Patrick Bosch

Bereich Installations- und Heizungsbau, der selbstständig tätig ist. Ein Bekannter von ihm sei nach dem Eintritt in die Rente in ein großes Loch gefallen, erzählt Patrick Bosch. „Ihm war langweilig, er hatte keine Aufgabe mehr.“

Christine Maier aus Aichwald ist ähnlicher Meinung. Es gebe ältere Menschen, die noch fit sind – warum sollten sie nicht weiterhin ihrem Beruf nachgehen, fragt die 34-Jährige. Sie findet den

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Christine Maier

Vorschlag von Frank-Jürgen Weise gut. Wichtig sei aber die Freiwilligkeit. „Das Ganze ist abhängig vom Beruf und der Person“, gibt sie zu bedenken. Wer zum Beispiel auf dem Bau arbeitet, könne vermutlich nicht bis 70 malochen. „Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die es sich finanziell gar nicht leisten können, in Rente zu gehen“, sagt die Sekretärin eines Wirtschaftsprüfers, die sich derzeit in Elternzeit befindet. Christine Maier sieht allerdings die Gefahr, dass sich so manche ältere Arbeitnehmer zu viel zumuten würden. Sie fürchteten sich womöglich vor dem großen Loch im Ruhestand und fänden deshalb kein Ende im Beruf, ergänzt die 34-Jährige. Sie selbst kann sich nicht vorstellen, bis 70 ihren Beruf auszuüben. „Irgendwann will man doch auch mal das Leben genießen.“

„Wenn jemand fit ist, er seinem Beruf gerne nachgeht und er sich zu Hause langweilen würde,

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Gisela Gübele

dann ist er doch auf der Arbeit besser aufgehoben“, sagt Gisela Gübele aus Kirchheim. Die 61-jährige Hausfrau begrüßt die Idee des Chefs der Bundesagentur für Arbeit – vor allem deshalb, weil die Arbeitnehmer selbst über ihre Zukunft entscheiden könnten. Für eine verpflichtende Rente mit 70 würde sich die Kirchheimerin indes nicht aussprechen.

Auch Barbara Steglich aus Hochdorf plädiert für die freiwillige Rente mit 70. Die 69-Jährige arbeitet auf 400-Euro-Basis im Modehaus Bantlin in Kirchheim, um ihre Rente aufzubessern. „Ich habe vorher fast zehn Jahre meine Eltern gepflegt und mich um den Haushalt gekümmert. Aber das allein hat mich nicht erfüllt“, erinnert sich die rüstige 69-Jährige. „Mir war dann irgendwann langweilig zu Hause.“ Deshalb habe sie im Modehaus Bantlin angefragt, ob man dort eine jung gebliebene, ältere Mitarbeiterin benötigt, was zum Glück der Fall gewesen sei. „Seit ich wieder arbeite, habe ich mehr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen“, freut sich die 69-Jährige. Jedem, der länger erwerbstätig sein wolle, könne sie es nur empfehlen. „Es tut der Seele gut“, betont Barbara Steglich. Wenn man mit der Zeit feststelle, dass man kräftemäßig nicht mehr kann, könne man immer noch aufhören. „Dann findet man sicherlich eine Einigung“, gibt sie zu bedenken. „Es wird ja keiner dazu gezwungen, bis 70 zu arbeiten.“