Zwischen Neckar und Alb
Teilzeit-Lehrkräfte im Kreis Esslingen erhalten Rückendeckung

Bildung Winfried Kretschmann erntet mit seinem Vorschlag, dass Lehrer in Teilzeit mehr arbeiten sollen, Verständnis, aber auch Kritik. Von Bianca Lütz-Holoch

Eine Stunde Mehrarbeit für Teilzeit-Lehrkräfte – mit diesem Vorstoß hat Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann für einen Aufschrei im Land gesorgt. Dr. Corina Schimitzek, Leiterin des Staatlichen Schulamts Nürtingen, kann nachvollziehen, wie er zustande kam. „Uns fehlen die Leute“, sagt sie. Der Kreis Esslingen sei vom Lehrermangel besonders betroffen. Viele Stellen können nicht besetzt werden, weil Bewerber fehlen. Auf Kretschmanns Seite stellen will sie sich trotzdem nicht. „Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust“, betont die Schulamtsleiterin. „Ich verstehe auch die Kollegen und Kolleginnen, die aus guten Gründen reduzieren.“ Eine gute Lösung zu finden, gleiche der Quadratur des Kreises.

14 Prozent arbeiten weniger als 50 Prozent

Corina Schimitzek schätzt, dass in ihrem Schulamtsbezirk rund 65 Prozent der Lehrkräfte in Teilzeit arbeiten. 14 Prozent haben weniger als einen halben Lehrauftrag. „Der Beruf ist sehr weiblich geworden“, sagt sie. An den Grundschulen besteht das Kollegium zu mehr als 90 Prozent, an den weiterführenden Schulen zu rund 70 Prozent aus Frauen. Bekommen sie Kinder, arbeiten sie oft jahrelang in Teilzeit weiter. 

 

Dann hat man nicht 1000 mehr, sondern 10 000 weniger Lehrkräfte.
David Warneck
Kreisvorsitzender der GEW

Das weiß auch David Warneck, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Esslingen-Nürtingen. Er übt scharfe Kritik an der Idee des Ministerpräsidenten. „Ich halte den Vorschlag für unüberlegt, weil er das Problem nicht lösen wird“, sagt Warneck. „Die Lehrkräfte haben sich ja bewusst für Teilzeit entschieden, um Familie und Beruf vereinen zu können oder um den Job so tun zu können, wie sie es sich wünschen.“ Ein Zwang aufzustocken stelle viele Lehrerinnen und Lehrer vor die Frage: Gebe ich meinen Beruf auf oder werde ich krank? „Dann hat man nicht 1000 mehr, sondern 10 000 weniger Lehrkräfte“, formuliert er es plakativ. 

Ohnehin steht für ihn fest: „Zahlreiche Lehrkräfte haben in Zeiten der Pandemie extrem viel geleistet“ – sei es in Sachen Lernbrücken, Rückenwind oder Homeschooling. „Jetzt versuchen sie noch ihr Möglichstes, um Kinder aus der Ukraine zu integrieren.“ Umso ärgerlicher findet es Warneck, dass der Ministerpräsident den Krieg zum Anlass nimmt, um den Lehrkräften noch mehr aufbürden zu wollen. „Die Richtung ist die falsche“, so der GEW-Kreisvorsitzende. 

Die Forderung: Zeitliche Entlastung und mehr Geld

Um das Problem zu lösen, braucht es aus Sicht der Gewerkschaft genau das Gegenteil: „Das Land muss die Attraktivität des Lehrberufs erhöhen“, betont David Warneck. Das bedeutet: „Zeitliche Entlastung und – insbesondere an Grundschulen – eine bessere Bezahlung, sodass auch mehr männliche Kollegen unterrichten wollen.“ Helfen würde es aus seiner Sicht zudem, wenn ältere Kolleginnen und Kollegen Stunden erlassen bekämen. „Dann würden weniger Lehrkräfte vorzeitig in den Ruhestand gehen und stünden länger zur Verfügung.“