Lokalsport

Die PS-Geschwister aus der Daimlerstraße

Sport-Geschwister (7): Maximilian und Eliza Herrmann aus Notzingen fahren seit fünf Jahren Supermoto

Sie betreiben eine der spektakulärsten und anstrengendsten Arten des Motorsports: Maximilian und Eliza Herrmann aus Notzingen haben sich mit Leib und Seele dem Supermoto verschrieben – die Leidenschaft der beiden für die PS-intensive Mischung aus Straßen- und Offroadrennen konnte selbst ein schwerer Unfall vor wenigen Monaten nicht trüben.

Geschwister-Serie: Supermotofahrer Max+Eliza Herrmann (Daimlerstr.20 Notzingen)
Geschwister-Serie: Supermotofahrer Max+Eliza Herrmann (Daimlerstr.20 Notzingen)

Notzingen. Wer in der Daimlerstraße 23 in Notzingen klingelt, kann bereits auf den ersten Blick erkennen, dass Motoren und Pferdestärken hier eine große Rolle spielen. Natürlich auch deshalb, weil Frank Herrmann unter dieser Adresse eine Kfz-Werkstatt betreibt. Wenn man die Werkshalle mit ausgeschlachteten Autos, endlosen Reifenstapeln und dem so typischen Lackgeruch jedoch hinter sich lässt und den beiden Kindern des 48-Jährigen in den Werkstattkeller folgt, weiß man, was die (Motorsport-)Stunde geschlagen hat. Schließlich steht hier der ganze Stolz von Maximilian (21) und Eliza (17): zwei Supermotomaschinen im schneidigen Renn-Look.

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Seit ihrer Kindheit sind die beiden Feuer und Flamme für alles, was schnell fährt. Über Papa Frank, selbst ein aktiver Motorsportler, kamen Eliza und Maximilian vor rund fünf Jahren zum Supermoto. Die zu den spektakulärsten und anstrengendsten zählende Motorsportart entwickelte sich vor rund 30 Jahren in Amerika. Motocrosspiloten, Straßenrennfahrer, Enduropiloten und Trialartisten fuhren auf gemischten Kursen, um herauszufinden, wer der Beste ist. Supermoto wird auf Rundkursen mit 80 Prozent Asphalt- und 20 Prozent Offroadteil gefahren. Die Maschinen sind umgebaute Motocrossmaschinen mit teilweise über 70 PS, die es auf Spitzengeschwindigkeiten von 200 km/h bringen können.

Um da mitzuhalten, ist neben Technik und fahrerischem Können vor allem Kondition gefragt. „Nach einem Rennen bist du fix und fertig“, weiß Maximilian, der mit seiner Schwester elf Monate im Jahr bis zu fünf Mal pro Woche trainiert. Sei es joggend, mit dem Mountainbike, im Fitnessstudio oder auf dem Motorrad selbst – dass da für andere Hobbys keine bis wenig Zeit bleibt, nehmen beide in Kauf, auch wenn‘s manchmal schwerfällt. „Man muss schon diszipliniert sein“, weiß Eliza, die in der Männerdomäne Motorsport immer noch ein Exotendasein führt. „Klar gucken viele Männer blöd, wenn ich sie überhole, aber ich bin voll akzeptiert“, versichert die junge Frau – da besteht für den großen Bruder keine Veranlassung, den Beschützer zu spielen. „Die kann sich schon selbst helfen“, lacht Maximilian, „schließlich ist sie die zweitbeste Frau im Supermoto in Deutschland.“

Beide fahren sowohl in der nationalen als auch der internationalen deutschen Meisterschaft um Punkte, die im günstigsten Fall den Aufstieg in die nächsthöhere Klasse bedeuten. Aktuell wird das Geschwisterpärchen in der sogenannten C1-Serie geführt, in der bislang sechs von 14 Läufen ausgetragen worden sind. Als Königsklassen gelten im Supermoto die S1 und S2, in der beide eines Tages nur allzu gerne mitfahren wollen.

Allerdings ist die Saison, die Mitte September in Freiburg ihre Fortsetzung findet, zumindest für Maximilian schon vorbei. Der 21-Jährige, der im väterlichen Betrieb zum Kfz-Mechatroniker ausgebildet wurde und seitdem kräftig mit anpackt, erlitt im Mai einen schweren Unfall. Nachdem seine Bremsen versagt hatten, raste er während eines Showrennens in Göppingen gegen ein Firmenrolltor. Dass er sich dabei „nur“ unzählige Knochenbrüche einhandelte, war zu großen Teilen dem aus der Formel 1 bekannten „Head and Neck Support System“, kurz HANS, zu verdanken. „Ohne das hätte ich vermutlich nicht überlebt“ glaubt Maximilian. Auch wenn diese Worte nachdenklich über seine Lippen kommen, hat sich die Einstellung zum Supermoto wegen des Unfalls nicht geändert. „Ich würde am liebsten gleich wieder Rennen fahren, aber der Arzt hat‘s verboten“, sagt er mit schelmischem Grinsen. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als die kleine Schwester anzufeuern und mit Tipps zu versorgen – was ihm schwer genug fällt. „Wenn ich an der Strecke steh‘ und zuschaue, kribbelt‘s ganz extrem“, sagt er.

Eliza selbst fiel der erste Start nach dem Unfall nicht leicht. Schließlich war die 17-Jährige, die noch die Schulbank drückt, um später im Betrieb sowohl im Büro als auch in der Werkstatt zu arbeiten, bei dem Showrennen in Göppingen dabei. „Ich habe immer noch den Knall im Ohr, als er gegen das Tor raste“, sagt sie, die deswegen auch schon ans Aufhören dachte. Allerdings war die PS-Passion trotz Beinahe-Verlust des Bruders größer, zumal das Motto des Reiters, der nach dem Sturz vom Pferd gleich wieder in den Sattel steigt, auch in Motorsportkreisen als ungeschriebenes Gesetzt gilt. „Das erste Rennen war hart, aber es war für uns beide wichtig, dass ich weiter gefahren bin“, sagt Eliza, die trotz aller Gefahren und der entbehrungsreichen Trainingszeit das ihrer Meinung nach Wichtigste hervorhebt: „Der Spaß steht im Vordergrund.“

Dass sie dabei einen vergleichsweise teuren Spaß zum Hobby haben, ist den beiden durchaus bewusst. Kein Wunder also, dass die im Rohzustand 7 000 Euro teuren Rennmaschinen in Eigenregie umgebaut und hochgerüstet werden, bis sie gut und gerne 20 000 Euro Wert sind – vom Fach zu sein, ist im Motorsport eben von unschätzbarem Wert. „Wenn man keine Ahnung von Mechanik und Technik hat, kann man diesen Sport nicht machen“, sagen Eliza und Maximilian, die auch dank ihrer Teamzugehörigkeit finanziell ganz gut ausgestattet sind. Das talentierte Duo ist beim Supermoto-Style-Factory-Team aus Remscheid untergekommen, die außer den beiden Notzingern noch zehn andere Fahrer sponsoren. Ihr Stammverein ist der Motorsportclub Kirchheim Teck (MCKT), auf dessen Gelände in Lindorf jede Woche ein intensives Motocrosstraining ansteht.

Rivalität kommt zwischen Maximilian und Eliza, die in Szenekreisen auf den Spitznamen „Püppi“ hört, übrigens keine auf. „Man hilft sich gegenseitig“, sagt Maximilian. „Die Supermotoszene ist sowieso wie eine große Familie, da geben sich alle untereinander Tipps“, ergänz Eliza. Bleibt nur noch die Frage, wer von beiden besser ist. „Ich bin im Offroadteil stärker, Maxi auf der Straße“, sagt Eliza, während ihr Bruder zustimmend nickt. Und flüsternd schiebt sie nach: „Trotzdem will ich immer vor ihm ins Ziel kommen.“