Lokalsport

Keine Windeln unterm Baum

Für die Spieler der Knights bedeuten die freien Tage an Weihnachten mehr als nur Geschenke

Jeder sehnt sie herbei, auch wenn sie meist viel zu schnell vorüber ist. Weihnachten und die kurze Spielpause danach bedeutet für Kirchheims Basketballer, Zeit für die Familie. Für die drei US-Boys der Knights heißt es morgen nach Spielende: Koffer packen, um rechtzeitig zum Fest in der Heimat zu sein.

Keine Windeln unterm Baum
Keine Windeln unterm Baum

Kirchheim. Für die Fans ist es der Höhepunkt des Jahres, und manch einer wird das erste Mal in dieser Saison ein Heimspiel miterleben können. Der Terminplan beschert den Knights in diesem Jahr ein echtes Weihnachtsspiel. Einen Tag vor Heiligabend in eigener Halle – ein vorgezogenes Geschenk und für viele Ehemalige ein Anlass, alte Weggefährten zu treffen. Das fünfte Viertel in der Halle dürfte morgen ohne Extra-Time kaum auskommen.

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Egal, wie das Spiel gegen Düsseldorf ausgeht: Zumindest Dreien im Team wird kaum an einer rauschenden Nacht gelegen sein. Für Ahmad Smith, Cedric Brooks und ­Devin Uskoski heißt es nämlich: früh raus, um mit der ersten Maschine gen Heimat zu düsen. Für alle drei ist an Heiligabend zu Hause der Tisch gedeckt, und die Chance, einen Bissen vom Festagsbraten abzubekommen stehen gut – der Zeitverschiebung sei Dank. Wer in der alten Welt über den Verfall von Traditionen zetert, sollte einen Blick über den Atlantik werfen. Dort – so scheint es – ist Christmas noch alles im Lot. Für die drei Ritter aus Übersee jedenfalls steht Weihnachten ganz im Zeichen der Familie. Den Truthahn im Topf, Lametta am Baum und die Liebsten in Scharen um den Tisch versammelt.

Auf bis zu 20 Mitglieder schätzt Devin Uskoski die Festgemeinde im Elternhaus in Brush Prairie vor den Toren Portlands. Dort lässt man es sich mit Großeltern, Tanten und Cousins an Christmas Eve‘ – wie Heilig­abend heißt – mit einem mehrgängigen Menü gut gehen. Im Mittelpunkt, wie an der Westküste üblich, stehen Weihnachtsschinken, Gemüse und Kartoffeln. Der Familienrat muss zudem Pläne schmieden, denn das Weihnachtsfest dient diesmal nur dem Warm up für das, was kommt: Am 27. Dezember heiratet Uskoskis großer Bruder. Ein ungewöhnlicher Termin für eine Heirat. Dafür einer, an dem alle dabei sein können.

Heiligabend im Kreis der Familie mit einem riesigen Weihnachtsbaum – und Dad steht am Herd. So lautet seit jeher die Festtagsformel im Elternhaus von Cedric Brooks, wo Truthahn mit gegrilltem Gemüse und Kartoffelpüree auf dem Speiseplan steht. Viel mehr noch als auf die Kochkünste des Vaters, freut sich Kirchheims eifrigster Punktesammler auf die eigene Familie: Mit seiner Frau und seinem zweijährigen Sohn hat er seit Sommer nur per Internet-Telefonie Kontakt, dies dafür täglich. „Beide vermisse ich sehr“, sagt er leise. Die Tage nach Weihnachten wollen sie deshalb zu dritt genießen. „An Heiligabend sind wir wohl um die zehn Personen.“ Mit dabei auch der Nachwuchs seiner drei Geschwister. „Um Mitternacht“, beschreibt er die Familientradition, „darf jedes der Kinder ein Geschenk seiner Wahl öffnen, bevor es zu Bett geht.“ Die restlichen Geschenke gibt es – wie in ganz Nord­amerika üblich – erst am Weihnachtsmorgen. Dass im texanischen Houston das Thermometer draußen bis vor Kurzem an der 20-Grad-Marke kratzte, würde die Vorfreude auf das Fest nur hierzulande trüben. Weiße Weihnacht, von der halb Deutschland träumt, wäre das Letzte, was ein Texaner vermissen würde. Im engen Familienkreis und mit traditionellem Weihnachtsschinken auf dem Teller verbringt auch Knights-Spielmacher Ahmad Smith die Weihnachtstage daheim in Alexandria/Virginia. Für ihn besonders wichtig: Freunde treffen an den Tagen bis zum Jahreswechsel. „Wenn man so selten Gelegenheit dazu hat“, sagt er, „ist diese Zeit besonders kostbar.“

Das Kostbarste im Hause Menck in Unterensingen ist männlich, gut bei Stimme und hört auf den Namen Jonas. Seit 20. November ist das Paar zu dritt, und damit ist auch an Heiligabend nichts wie es einmal war. „Bisher hat jeder für sich mit seinen Eltern gefeiert“, verrät Nils Menck. „Jetzt, da wir eine kleine Familie sind, hat das natürlich ein Ende.“ Diesmal also: Heiligabend mit ihren Eltern in Köngen, am Weihnachtstag dann bei den seinen in Ulm. Geschenke für den Kleinen gibt es übrigens auch schon: „Jede Menge Kleidung, von den Söckchen bis zur Mütze“, vermutet der Papa. „Pampers zu Weihnachten wäre schließlich nicht gerade prickelnd.“

Obwohl nach Lebensjahren seinem Teamkollegen einen Schritt voraus, hinkt Radi Tomasevic beim Thema Familienplanung hinterher. Die Vorfreude, so wird behauptet, sei von allen die Schönste, und so ist auch für den Kapitän der Knights das vielleicht letzte Weihnachtsfest in Zweisamkeit ein ganz Besonderes. Nachwuchs ist in Sicht, Ende März ist Termin, „die Nachricht ist für uns das schönste Geschenk“, sagt er. Gefeiert wird mit einem großen Baum, vielen Geschenken und allem, was dazu gehört bei den Eltern seiner Partnerin in Kirchheim. Danach geht es für drei Tage zu seinen Eltern nach Frankfurt. Auch dort wird Weihnachten nach deutscher Sitte gefeiert, obwohl die Mutter Griechin, der Vater Serbe ist.

Genauso wie Knights-Coach Frenkie Ignjatovic. Deshalb hat der mit Weihnachten diesmal ein echtes Prob­lem. Heiligabend wird gemäß Kalender der serbisch-orthodoxen Kirche am 6. Januar gefeiert. Pech für den Trainer, dass er dann beim Auswärtsspiel seiner Mannschaft in Jena auf der Bank sitzen wird. Völlig ignoriert wird das Christfest im Dezember freilich nicht: „Schließlich leben meine Familie und ich seit 20 Jahren in Deutschland“, sagt er. Der inzwischen 15-jährige Sproß darf sich deshalb seit jeher gleich zweimal über Geschenke freuen. Dafür bleibt, wenn andere schlemmen, im Hause Ignjatovic die Küche kalt. Nach serbischer Tradition wird in den Wochen vor dem 6. Januar gefastet.

Sebastian Adeberg bräuchte dafür zumindest keinen fachlichen Beistand. Schließlich ist er als frischgebackener Mediziner sein eigener Ratgeber. Von Fasten an Weihnachten hält er ohnehin wenig. Im Gegenteil: Mit dem Bruder geht es zu Hause in Armsheim bei Mainz am heiligen Morgen wie jedes Jahr zum Einkaufen auf den Geflügelhof. Der Truthahn hat Tradition, wie vieles andere auch bei den Adebergs. Etwa der Kirchgang mit der ganzen Familie am Abend oder der Besuch der Großeletern am ersten Weihnachtstag. „Eigentlich läuft das bei uns immer ähnlich ab“, sagt er. „Schließlich habe ich unterm Jahr so gut wie keine Zeit für die Familie. Viel davon bleibt ihm auch diesmal nicht, denn nach Weihnachten heißt es Kartons schleppen. Nach nur knapp einem halben Jahr in Lindorf steht wieder einmal ein Wohnungswechsel an. Es geht zurück nach Heidelberg, wo er nach Neujahr an der Uni-Klinik seinen Job als Radiologe antreten wird.