Lokalsport

Talent auf der Kante

Radsport: Der Weilheimer Jannik Steimle kämpft um sein Ticket zur Junioren-Bahn-WM im August in Südkorea

Er selbst bezeichnet sich als schlampiges Talent, sagt aber auch: „Wenn ich etwas will, dann schaff‘ ich das.“ In seinem zweiten Jahr in der U19 hat Jannik Steimle die höchsten Hürden im Radsport erst noch vor sich. Wie es sich anfühlt, auf der großen Bühne zu stehen, hat er jetzt zum ersten Mal erlebt: Beim größten und traditionsreichsten Sechstage-Rennen in Berlin.

Kraftausdauer und Explosivität sind seine Stärken - An der Trainingsdisziplin will Jannik Steimle 2014 noch arbeiten. Foto: Arne
Kraftausdauer und Explosivität sind seine Stärken - An der Trainingsdisziplin will Jannik Steimle 2014 noch arbeiten. Foto: Arne Mill

Kirchheim. Er hört Musik nur, wenn sie laut ist. Wenn die Bässe aus den Lautsprecherboxen die Magenwände vibrieren lassen, und die dicke Luft in der Halle die Lungen fast zum Bersten bringt, dann fühlt Leif Lampater sich zu Hause. Der 31-jährige Bahnprofi aus Waiblingen ist nicht nur einer der erfahrensten seiner Zunft, sondern auch der erfolgreichste Deutsche zurzeit. Bei den Berliner Sixdays vor zwei Wochen, hat er mit seinem belgischen Partner Jasper de Buyst den zweiten Gesamtsieg in diesem noch jungen Jahr nur knapp verpasst. Es wäre der neunte Erfolg in mehr als 70 Rennen gewesen, in denen er 40  Mal auf dem Podium stand.

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Von einer solchen Bilanz ist Jannik Steimle noch weit entfernt. Im April wird der Weilheimer volljährig, seine Reifeprüfung als Radsportler hat er allerdings schon jetzt bestanden: vor 13 000 Zuschauern im Berliner Velodrom. Schwere Beine, noch ehe sich die Kurbel dreht, die Gänsehaut, wenn der eigene Name aus den Lautsprechern dröhnt – das sind Momente, die man als Nachwuchsfahrer nicht jede Woche erlebt. Mit seinem Stuttgarter Partner Laurin Winter, der ausgerechnet in Berlin mit einem Formtief kämpfte, ist er im U19-Rennen am Ende Siebter geworden, Beide wissen: Es wäre mehr drin gewesen. Das Einzelrennen zum Auftakt am Samstag hatte Steimle zuvor gewonnen. Auch das ist Bahnradsport. Zum Erfolg gehören immer zwei.

Berlin war eine große Sache. Der Lohn für Steimles Sieg beim Bahn-sichtungsrennen des BDR Ende September in Cottbus. Der Saisonhöhepunkt 2014 findet für den Teenager aus Weilheim allerdings weit entfernt von Berlin statt. Vom 7. bis 12. August kämpfen die besten Bahn-Junioren in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul um den Weltmeistertitel. Seinen Platz im Vierer, mit dem er im September Deutscher Juniorenmeister wurde, hat Steimle so gut wie sicher. Um sein Startrecht in den Einzeldisziplinen muss er von April an in den Qualifikationsrennen kämpfen. Die Konkurrenz ist groß. Bis zu zehn Kandidaten kommen für einen Startplatz infrage. Gleich drei Mitbewerber stammen aus den eigenen Reihen: Sven Reutter, Marc Jurczyk und Laurin Winter komplettieren den „goldenen Jahrgang“ im württembergischen Radsport. Der Bahn-Vierer des WRSV ist deutschlandweit zurzeit konkurrenzlos. Jannik Steimle geht mit viel Optimismus in eine Saison, die zum ersten Mal entscheidend sein könnte für den weiteren Verlauf seiner sportlichen Karriere. Danach wird er in die U23 wechseln, wo sich im Radsport endgültig die Spreu vom Weizen trennt.

Bis dahin heißt es, möglichst keine Chance auslassen, um Eigenwerbung zu betreiben. „Im letzten Jahr wollte ich einfach eine gute Saison fahren, ohne große Ziele. Dieses Jahr ist das anders,“ meint er und fügt bestimmt hinzu: „2014 wird ein gutes Jahr.“ Straßen-Bundesliga, Bahnsichtungsrennen, Meisterschaften – Der Terminkalender bis zum Herbst ist brechend voll. Immer dabei: Die Hoffnung, dass eines der Bundesliga-Teams bei ihm anklopft. Im Trikot des TSV Weilheim hat er seine ersten Rennen bestritten, wurde mit dem Mountainbike als 14-Jähriger Baden-Württembergischer Schülermeister. Danach wechselte er das Fach und den Verein, fuhr in den vergangenen drei Jahren für den Verein Radsport Kirchheim 17 Siege auf der Bahn und auf der Straße ein.

Jetzt will er die nächste Stufe erklimmen, das Einzelkämpferdasein beenden und mehr Disziplin an den Tag legen. Sein größtes Problem: „Ich verlasse mich zu sehr auf mein Talent.“ Lass den Schlamm weg oder du wirst nie ein Großer, hat ein Trainer ihn einmal gewarnt, weil er für Mutters hausgemachte Semmelknödel mit Gulasch bis heute alles andere stehen lässt. Rund 9 000 Trainingskilometer standen im vergangenen Jahr auf dem Radcomputer. Manch ambitionierter Freizeitfahrer hat da mehr zu bieten. Vorteil Steimle: Er kennt seine Schwächen und redet nicht lange um den heißen Brei. Seine Physis, seine Hebelverhältnisse machen bisher vieles wett. Er ist wie geschaffen für die Anforderungen auf der Bahn, für flache Rundfahrten, bei denen es gilt, einzelne Wellen oder kurze Anstiege einfach wegzudrücken. „Die dicken Gänge sind mein Ding“, sagt er. Darauf hoffen, dass dies einfach so bleibt, will er allerdings nicht. Er arbeitet an sich. „2013 bin ich vom Kopf her viel stärker geworden, bin konzentrierter bei der Sache.“

Das sieht auch sein Heimtrainer so. „Vom Talent wird er nicht mehr lange leben können“, prophezeit Ralf Kleih, der mit Blick auf die WM die Zügel seit Jahresbeginn anzieht. Die Signale vom Bundestrainer seien da, „wenn er sich im Training nicht die üblichen Hänger leistet, ist ein Einzelstart ein realistisches Ziel,“ meint der Mann aus Dettingen/Erms, der die Grundregel kennt: „Radsport ist und bleibt nun mal eine Fleißaufgabe.“

Eine, bei der kein Platz für das normale Leben eines 17-Jährigen bleibt. An der Stuttgarter Cotta-Schule, die dem Olympia-Stützpunkt angegliedert ist, büffelt Jannik Steimle für die Fachhochschulreife in zwei Jahren. Daneben absolviert er eine Ausbildung in Sportmanagement. Das einzige Freizeitvergnügen, wenn man so will, sind gemeinsame Trainingsausfahrten mit seiner Freundin Alina Lange. Die 17-jährige Kölnerin wurde im Juli Deutsche Juniorenmeisterin im Bahnsprint und hat das selbe Ziel wie er: Vielleicht fahren sie im August gemeinsam zur WM.