Kirchheim

In die Luft geguckt

Vogelschutz Seit mehr als 60 Jahren beobachtet der Kirchheimer Hermann Weber Vögel. Von Anfang an hat der Biologielehrer dabei all seine Erlebnisse protokolliert. Von Karin Ait Atmane

Wanderfalken hatten es dieses Jahr schwer, ihre Jungen durchzubringen.Foto: Carsten Riedl
Wanderfalken hatten es dieses Jahr schwer, ihre Jungen durchzubringen.Foto: Carsten Riedl

Dort oben müsste er auftauchen, sich aus der Felswand über dem Wald lösen und seine Kreise ziehen. Dann plötzlich verschwinden und sich nach einiger Zeit mit Beute in den Klauen wieder zeigen. Doch der Wanderfalke bleibt aus, was nicht zu verwundern braucht – schließlich regnet es und folglich fehlt der Aufwind, den Greifvögel brauchen, um sich durch die Luft tragen zu lassen. Hermann Weber, der auf seinem Dreibeinhocker unter dem großen Regenschirm mit Teleskopstiel sitzt, wird wohl demnächst zusammenpacken. Solche Situationen hat er tausendfach erlebt, allerdings nie so gehäuft wie im jetzt abgelaufenen Jahr.

Die Greifvögel hatten ein schwieriges Frühjahr hinter sich. Infolge der langen Regenperiode wurden die Wiesen lange nicht gemäht und die Jäger aus der Luft bekamen im hohen Gras kein Mäuschen zu sehen. Abgesehen davon, dass ein Teil des Kleingetiers auf den Feldern ertrunken sein dürfte. Der Speiseplan war folglich ziemlich mager und manche Greifvögel brachten ihre Jungen nicht durch. So hat Weber manchen seiner Beobachtungsposten aufgegeben. Zum Beispiel den am Gelben Fels unterhalb der Teck, einem Brutplatz für Wanderfalken.

Weber hat zwar zunächst geschlüpfte Jungvögel gesehen. Doch wenig später war der Horst verlassen. „Es kann schon sein, dass die Jungen sterben, wenn Schnee reinweht“, sagt er. Oder dass die Eltern aus Nahrungsmangel die Brut aufgeben. Auch ein Uhu könnte beteiligt sein, der zieht schon mal die Jungvögel aus ihrem Felsloch, um sie zu verspeisen.

Der Wanderfalke und der Uhu, das ist eine besondere Geschichte. In der Nachkriegszeit war der Wanderfalke in Deutschland extrem bedroht. Taubenzüchter räumten seine Nester aus oder schossen ihn ab, Kletterer störten ihn beim Brüten, Falkner in arabischen Ländern zahlten höchste Preise für die Vögel. Noch gravierender wirkten sich die damals verwendeten Pestizide aus, die giftig für die Tiere waren und die Schalen der Eier so dünn machten, dass sie beim Brüten zerbrachen. Die Zahl der Brutpaare sank rapide bis zum Tiefstand mit 26 Paaren bundesweit im Jahr 1972.

In Baden-Württemberg gründete sich schon 1965 die Arbeitsgemeinschaft Wanderfalkenschutz im NABU, in der Hermann Weber mitarbeitet. Ihre Mitglieder bewachten Falkenhorste und begannen, Absprachen mit den Kletterern zu treffen, die nun auch mitzogen. Der Einsatz bestimmter Pestizide wurde verboten. Mit Erfolg: Die Bestände erholten sich, stiegen „fast exponentiell“ an, wie Weber sagt. Vor allem in Süddeutschland fasste der Wanderfalke wieder Fuß. „Der Höhepunkt waren im Jahr 2000 fast 300 Brutpaare in Baden-Württemberg“, berichtet der Kirchheimer. Mittlerweile sind es wieder weniger, die Zahl wird sich nach Einschätzung des Ornithologen bei um die 200 Paare einpendeln. Wobei die pfeilschnellen Flieger jetzt weniger durch Menschen zurückgedrängt werden als durch einen, der wieder auferstanden ist: den Uhu. Er war seit den 30er-Jahren in Deutschland nahezu ausgestorben. Ab den 50er-Jahren wurden junge Uhus wieder aus Zoos und Falknereien ausgewildert, mit großem Erfolg. „Der Uhu ist unwahrscheinlich anpassungsfähig, der hat sich überall etabliert“, sagt Weber. Als Felsbrüter wie der Wanderfalke verdränge die Großeule diesen oft. So geschehen am Rutschenfelsen bei Urach, einem weiteren von Webers Beobachtungsposten, den er seit Jahrzehnten regelmäßig aufsucht.

Als Jugendlicher fuhr Hermann Weber mit dem Fahrrad von seinem Heimatdorf Bissingen aus hin, später mit dem Moped. In einer Bruthöhle im Naturschutzgebiet Rutschen hat er immer wieder Wanderfalken vor die Linse seines Fernrohrs bekommen. Bis eines Jahres der Uhu ihren Platz einnahm. Als er in diesem Frühjahr dort war, konnte er weder Eule noch Uhu beobachten, der Platz war offensichtlich unbewohnt.

Geradezu detektivischen Spürsinn braucht es für Webers eigentlich größte Leidenschaft, den Habicht. Der sei unglaublich scheu und „heimlich“, sagt er. Anders als Wanderfalke, Bussard oder Milan sieht man ihn kaum über offenem Land kreisen oder exponiert auf Pfählen sitzen. Er ist im Wald unterwegs, taucht urplötzlich aus dem Geäst auf und verschwindet dann wieder. Um mögliche Brutplätze zu finden, „muss man im Winter durch den laubfreien Wald gehen und notieren, wo man mögliche Horste sieht“, sagt der Habicht-Experte, der mittlerweile eine ganze Reihe möglicher Standorte kennt. Im Frühjahr sucht er sie erneut auf, wobei die Ohren mehr helfen als die Augen: Zu Beginn ihrer Balzzeit im Februar und im März, verraten sich die Vögel durch ihre Rufe. An aussichtsreichen Stellen baut Weber deshalb manchmal ein Tarnzelt auf, in dem er dann halbe oder auch ganze Tage verbringt. Davor hängt er eine Plastikflasche ins Geäst, damit sich die Vögel an die Lichtreflexe gewöhnen und durchs Fernglas oder Kameraobjektiv nicht irritiert werden. Praktisch jeden Tag ist Hermann Weber im Gelände beim Vogelbeobachten: Am Boßler bei Weilheim, am Gelben Felsen unter der Teck, im Sauhag, in Eckwälden, in Schlierbach, am Rutschenfels und an weiteren Standorten sichtet er Wander- und Baumfalken, Habichte, Rot- und Schwarzmilane, Uhus, Kolkraben und mehr. Schon als Bub begann er Tiere zu beobachten und zu protokollieren, was er sah. Für sein erstes Büchlein hat er ein Poesiealbum seiner Schwester „umgewidmet“. Es enthält sorgfältige Zeichnungen von Greifvögeln samt ihren Flugbildern und Karten, in denen die Fundstellen von Horsten oder auch Fuchsbauten eingezeichnet sind.

Der Stapel der Notizbücher ist immer weiter angewachsen und füllt Regalfächer. Es sei spannend, darin zu schmökern, teilweise auch traurig, sagt Weber. Denn dass die Vielfalt der Insekten und der Vögel nachlässt, steht für ihn außer Frage. Auf einem Feldweg bei Weilheim stoppt Weber das Auto und deutet auf ein Weizenfeld, auf dem sich nicht ein Unkraut, nicht eine Blume findet. „Das ist Glyphosatland“, sagt er, „Sie werden hier keine Lerche hören.“ Vor Jahren hat er in diesem Bereich noch 25 Brutpaare gezählt. In den 70er-Jahren erhob er zusammen mit anderen Vogelfreunden unter der Regie von Wulf Gatter, dem Gründer der Forschungsstation Randecker Maar, Daten für das Buch „Die Vogelwelt der Kreise Esslingen und Nürtingen“. Wenn Weber heute darin blättert und die Übersichtskarten anschaut, auf denen Punkte das Vorkommen verschiedener Vögel anzeigen, könnte er weinen: „Das war das Paradies damals“, sagt er – heute seien die gepunkteten Bereiche teilweise komplett weiß.

„Das ist Glyphosatland, Sie werden hier keine Lerche hören.

Hermann Weber

mit Blick auf ein Weizenfeld, auf dem sich nicht ein Unkraut, nicht eine Blume findet.

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