Weilheim und Umgebung

„Das ist ein bisschen wie im Himmel“

Mehrmals im Sommer gibt es auf der Burgwiese am Reußenstein einen Gottesdienst im Grünen

Kirche in freier Natur, das gibt es von Mai bis September alle paar Wochen auf der Burg­wiese vor der Ruine Reußenstein. „Das ist es absolut wert“, meint Pfarrerin Ute Stolz zur Vorbe­reitung. Für diese braucht es unter anderem einen Mesner, zwei Koffer mit Liederheften und ein Glas Biosphärenhonig.

Kirche in freier Natur, wie hier am Reußenstein, kommt bei den Menschen sehr gut an.Foto: Peter Dietrich
Kirche in freier Natur, wie hier am Reußenstein, kommt bei den Menschen sehr gut an.  Foto: Peter Dietrich

Neidlingen. Der traditionelle Auftakt ist am 1. Mai mit Dekanin Renate Kath; den letzten Gottesdienst der Saison hält Pfarrerin Stolz. Dazwischen die nötigen Leute zu finden, ist die Aufgabe von Pfarramtssekretärin Beate Mutschler, die dabei manchmal ganz schön viel Geduld braucht.

Das nächste Mal, am 9. August, ist Prädikant und Kirchengemeinderat Dietmar Brendel dran. Dazu kommt die musikalische Begleitung, in der Regel von einem Posaunenchor. Und natürlich der Mesner; diese Aufgabe wird im Kirchengemeinderat aufgeteilt. Er muss danach schauen, dass die zwei Koffer mit den Liederheften und die Opferbüchse da sind, dass die Mikrofonanlage einsatzbereit ist und deren Akkus voll sind. Er muss an den Biosphärenhonig denken, den der Prediger traditionell als Dankeschön bekommt. Außerdem muss er bis rund zwei Stunden vor dem Gottesdienst, also um neun Uhr, die Beschilderung aufstellen. Das erste Schild steht in Neidlingen an der Raiffeisenbank, das zweite in der Steige in der Kurve. Manche stellen schon dort ihr Auto ab und gehen den Rest der Strecke zu Fuß. Oben stehen nochmals zwei Schilder, bei schlechtem Wetter ein weiteres in Richtung Reußensteiner Hof.

Dort findet der Gottesdienst im Grünen bei Bedarf in einer Werkzeughalle Unterschlupf. Dieses Jahr war das noch nicht nötig, in anderen Jahren schon öfters. „Da sind wir den Leuten vom Reußensteiner Hof ganz arg dankbar“, sagt Pfarrerin Stolz. Ausfallen? Nein, das gibt es bei diesem Gottesdienst im Grünen nicht. Der Besuch ist natürlich sehr wetterabhängig. Im Schnitt kommen bei akzeptablem Wetter etwa 200 Leute.

Der Juligottesdienst im Grünen wurde die letzten drei Mal hinunter an den Weilerbach verlegt, an die Gemarkungsgrenze zwischen Hepsisau und Neidlingen. So begegnen sich die beiden Kirchengemeinden, die nur noch ein gemeinsames Pfarramt haben, auf halbem Wege. Seit diesem Jahr gibt es eine weitere Neuerung: Es gibt an Kirche-im-Grünen-Sonntagen keinen Gottesdienst mehr in der Neidlinger Kirche, aber um 9.20 Uhr einen gemeinsamen Gottesdienst für Neidlingen und Hepsisau in Hep­sisau.

„Der Platz am Reußenstein ist einfach herrlich“, sagt Stolz. „Das ist ein bisschen wie im Himmel. Ich halte da ganz arg gerne Gottesdienst.“ Weil die Wiese von Bäumen umrandet ist, empfindet sie Stolz „wie eine Kirche ohne Dach“ und lobt die „sehr gesammelte Atmosphäre“. Dennoch: „Es ist anstrengender, die Leute in einen Rahmen zu kriegen, aber man schafft das.“ Sie kommt ohne Pult aus, mit einer Box als Ablage, und braucht auch keinen Talar. Zweimal hat Stolz bereits dort oben ein Kind getauft und sich zuvor mit Dekanin Kath besprochen, ob das auch theologisch in Ordnung ist. Das ist es, weil die Wiese bereits ein etablierter Gottesdienstplatz ist. Das Taufwasser haben die Eltern in der Thermoskanne mitgebracht.

„Viele Leute kommen gezielt“, sagt Stolz. Sie weiß von einem Witwer, der zu Gottesdiensten im Grünen fährt und danach immer essen geht. Andere kommen zufällig vorbei. „Da kann man ein bisschen abseits stehen. Man muss keine Tür öffnen, man steht nicht unter Beobachtung.“ Viele kombinieren den Gottesdienst im Grünen mit einem Ausflug. In der Regel wird gestanden, einige bringen sich einen Klappstuhl mit oder eine Decke für die Kinder. Außerdem gibt es die Bänke bei der Feuerstelle. Die Atmosphäre ist zwanglos, die Liturgie auf etwa 45 Minuten komprimiert. Immer wieder fragen Besucher nach dem Heft „Lieder und Psalmen“, der mobilen Gesangbuch-Kompaktausgabe. Deshalb wird sie auch für knapp drei Euro verkauft.

Schon im November muss die Terminplanung für das nächste Jahr stehen. Das 60-seitige Heft „Kirche im Grünen“ versammelt alle Orte und Termine. An Christi Himmelfahrt gibt es in der evangelischen Landeskirche in Württemberg an mehr als 120 Orten eine Kirche im Grünen. Das Heft wird in einer Auflage von 50 000 Stück gedruckt und liegt in den Kirchen kostenlos aus.

info

Der nächste Gottesdienst im Grünen auf dem Reußenstein findet am nächsten Sonntag, 9. August, statt. Beginn ist um 11 Uhr. Ein weiterer folgt am Sonntag, 13. September, ebenfalls um 11 Uhr. Die Wiese ist barrierefrei zugänglich. Zur Anfahrt kann auch der neue Radwanderbus benutzt werden. Er startet allerdings schon um 8.20 Uhr in Kirchheim und erreicht den Parkplatz Reußenstein um 9.18 Uhr. Am Sonntag, 9. August, gibt es auch einen Gottesdienst bei den Kirchheimer Bürgerseen. Er beginnt um 8.30 Uhr. Weitere Informationen gibt es auf www.kirche-im-gruenen.de im Internet.

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