Weilheim und Umgebung

Klangskulpturen für die Seele

Musik Rafael Sotomayor und Kate Stone wollen ein altes Fabrikanten-Wohnhaus in Süßen zu einem Mekka der Handpan-Szene machen. Die Musiker genießen weltweit hohe Wertschätzung. Von Karin Tutas

Kate Stone und Rafael Sotomayor spielen auf ihren Handpans.Foto: Giacinto Carlucci
Kate Stone und Rafael Sotomayor spielen auf ihren Handpans.Foto: Giacinto Carlucci

Rafael Sotomayor hat einen Traum: „Instrumente zu bauen, die die Seelen der Menschen berühren.“ Diesen Traum lebt der 40-Jährige gemeinsam mit seiner Ehefrau Kate Stone in einem hinter hohen Hecken versteckten, ehemaligen Fabrikanten-Wohnhaus in Süßen. Die früheren Bewohner verdienten ihr Geld mit Wolle. Was Sotomayor tut, hat auch sehr viel mit Handarbeit zu tun und mit Leidenschaft für dieses optisch einem Ufo ähnelnden Gebilde: Handpan.

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Handpan spielen ist kinderleicht

Der warme, intensive, leicht metallische Klang des Musikinstruments geht unter die Haut, ein sanftes Kribbeln, Wohlgefühl breitet sich aus, wenn Kate Stone und Rafael Sotomayor die stählernen Klangkörper mit den Fingern anschlagen. Schließt man die Augen, wähnt man sich in anderen Sphären. „Die Zeit stand still, ich war sofort berührt“, erzählt Kate Stone über ihre erste Begegnung mit dem Instrument, das sie vor etwa zehn Jahren erstmals gehört hat und dessen Namen sie damals nicht kannte. Die Initialzündung kam einige Jahre später durch einen Freund, der eine Handpan besaß. „Ich musste es einfach ausprobieren und konnte es sofort spielen.“ Um eine Handpan zu spielen, bedürfe es keiner musikalischen Vorbildung, sagt die 32-Jährige, die selbst von Kindesbeinen an Klavier spielt.

Das war zu einer Zeit, als das Leben der zierlichen Frau, die aus dem schwäbischen Holzmaden stammt, im Umbruch war. Die Ärztin arbeitete damals in der Neurologie einer Berliner Klinik und haderte mit dem Gesundheitssystem. „Ich habe drei Jahre gebraucht, bis ich den Mut hatte, auszusteigen.“ Sie habe das Gefühl gehabt, den Menschen etwas zurückgeben zu müssen. Also nahm sie sich eine Auszeit und eine Handpan, setzte sich auf die Straße und spielte. Die Menschen blieben stehen, hörten zu, lächelten. „Das war einer meiner größten Glücksmomente.“

Eine Italienreise hat sie mit Straßenmusik - „bis zu acht Stunden am Tag“ - finanziert. „In zwei Tagen habe ich noch schnell eine CD aufgenommen, mit selbst gebrannten Rohlingen“, erzählt Kate Stone lachend. Videos kamen dazu und Konzerte. Die Musik wurde zum Fulltime-Job, und aus Katrin Steinmann wurde Kate Stone - ihr eingetragener Künstlername. Sie gilt als Meisterin ihres Fachs, mit einer großen Fangemeinde, Auftritten rund um den Globus und millionenfach geklickten Videos im Internet. Und zu ihren Workshops kommen Teilnehmer aus ganz Europa.

Kate Stone ist ein Sonnenschein: optimistisch und fröhlich. Ihr Ehemann steht ihr in nichts nach. Der aus Chile stammende 40-Jährige, der seit neun Jahren in Deutschland lebt, hat viel ausprobiert in seinem Leben. „Ich war Maler, habe Skulpturen gemacht“ - und Musik. Mit seiner eigenen Produktionsfirma produziert Rafael Sotomayor Musik für Werbefilme und Filmmusik. Hauptsächlich damit hat er bislang Geld verdient und das ist sein weiteres Standbein. Sotomayor war einer der ersten, die Handpan spielten - das Instrument gibt es erst seit etwa 20 Jahren. Handpans sind begehrt und rar, „es ist sehr schwer, gute zu finden“, betont Kate Stone. Vor etwa acht Jahren begann Sotomayor, selbst Handpans zu bauen. „Es hat lange gedauert, bis ich ein qualitativ gutes Instrument hinbekommen habe“, sagt Sotomayor, der auch als Musiker einen Namen hat und sich inzwischen weltweit zu den führenden Herstellern von Handpans zählt.

Jede ist ein Unikat, keine klingt wie die andere, erklärt Sotomayor. Mit unterschiedlich großen Hämmern klopft er Dellen - jede steht für einen Ton - in die obere der beiden stählernen Halbschalen. Der Lärm ist ohrenbetäubend, Kopfhörer sind Pflicht beim Hämmern, denn eigentlich ist das Gehör das wichtigste Werkzeug. Bis die Handpan den typischen harmonischen Sound hat, sind ungezählte Prozesse notwendig: hämmern, brennen, hämmern, brennen . . . Dabei kommen eine Art Pizzaofen und Bunsenbrenner zum Einsatz. Mindestens acht bis neun Mal wird das Instrument auf diese Weise gestimmt. Wenn der Ton stimmt, heißt das noch lange nicht, dass er so klingt, dass Sotomayor zufrieden ist. „Hören Sie?“, sagt er und schlägt die Handpan an, die eher noch hart und blechern wie eine Steeldrum klingt. Und wieder greift er zum Hammer. „Erst wenn ich sicher bin, dass sich das Instrument nicht mehr verstimmt, wird es verkauft.“

Seit vergangenen Sommer läuft die Produktion im Keller der Villa in Süßen - ein Haus, nach dem das Paar lange gesucht hat. Es strahlt den Charme der 50er-Jahre aus und ermöglicht es, eine größere Menge Handpans zu fertigen. „Und wir sind hier im Süden besser erreichbar als in Berlin“, fügt Kate Stone hinzu.