Zwischen Neckar und Alb

Die einstigen Paradiesvögel haben sich etabliert

Vor 30 Jahren zogen die Grünen erstmals in den baden-württembergischen Landtag ein

Die Kreismitgliederversammlung der Grünen im Nürtinger Schlachthof-Bräu konnte mit einem prominenten Gast aufwarten: Ministerpräsident Kretschmann. „Wie passt Grün zu Baden-Württemberg?“, lautete die Frage, die ihm sowie den Landtagsabgeordneten Andreas Schwarz und Andrea Lindlohr auf dem Podium gestellt wurde.

Bei der Mitgliederversammlung des Kreisverbands der Grünen auf dem Podium: Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Landtagsabgeo
Bei der Mitgliederversammlung des Kreisverbands der Grünen auf dem Podium: Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Landtagsabgeordneter Andreas Schwarz, Uwe Janssen vom Ortsverband Leinfelden-Echterdingen und die Landtagsabgeordnete Andrea Lindlohr (von links). Foto: Cornelia Nawrocki

Kreis Esslingen. Als sich die baden-württembergischen Grünen am 30. September 1979 gründeten, berichtete die Stuttgarter Zeitung: „Die Parteienlandschaft in Baden-Württemberg ist farbiger geworden: Etwa 700 Anhänger der ökologischen Bewegung haben am Sonntag in Sindelfingen die Landespartei ‚Die Grünen‘ aus der Taufe gehoben.“ Die Grünen sind längst in der Gesellschaft angekommen und nach eigener Einschätzung trotz oder gerade wegen mancher Brüche und Auseinandersetzungen ein politisches Erfolgsprojekt geworden.

„Wir waren die ersten Grünen, die in das Parlament eines Flächenstaates eingezogen sind“, erinnert sich Winfried Kretschmann, eines der sechs Gründungsmitglieder und seit acht Jahren Chef der Landtagsfraktion. Dass eine neue politische Bewegung es auf Anhieb geschafft und immerhin 5,3 Prozent der Wählerstimmen bekommen habe, löste „ein gewaltiges Interesse aus und hat uns Respekt verschafft“. Der Erfolg habe aber auch bei vielen Menschen im Land große Unsicherheit hervorgerufen. „Sie wussten nicht, was machen die und was wollen die.“

Den 16. März 1980 werde er nie vergessen. Er habe im Gasthaus Fässle in Musberg gesessen, als er die Nachricht bekam, dass es die Grünen in den Landtag geschafft haben. Das sei „ein genialer Augenblick“ gewesen, so der 61-Jährige. Bei der Vereidigung des Ministerpräsidenten Lothar Späth sei er damals nicht dabei gewesen. „Wir waren ja nur eine kleine Gruppe von sechs Leuten, und der Landtag war für uns damals nur das Spielbein, nicht ganz so wichtig wie unser Standbein, die außerparlamentarische Bewegung.“ Er und zwei seiner Mitstreiter hatten Wichtigeres zu erledigen: die Platzbesetzung in Gorleben. Dort wurde gerade gegen die Einrichtung eines nationalen Atommüll-Endlagers protestiert.

Das Symbol ihres Auftritts im Parlament, der Kaktus, den Holger Heimann an Späth als kritischen Glückwunsch zu dessen Wahl überreichte, kennt Kretschmann deshalb auch nur aus der Presse. Der frisch gekürte Regierungschef – auch als Cleverle bekannt – nahm das stachlige Präsent gelassen und mit Humor entgegen.

„Wir sind immer fair behandelt worden“, lobt Kretschmann. Viele hätten gedacht, dass die Grünen im Land nur eine vorübergehende Erscheinung seien. Selbst Späth habe damals mit Journalisten gewettet, dass das bunte Trüppchen bald wieder von der Bildfläche verschwindet. Seinen Wetteinsatz – ein Ministerpräsidentengehalt – hat er verloren.

Durch solide und fleißige Arbeit habe man sich zunehmend Respekt verschafft. Lothar Späth habe ihre Vorschläge immer auf deren Realisierbarkeit geprüft. „Das war eine harte Schule. Aber die Herausforderung haben wir schnell angenommen“, sagt Kretschmann.

Die Landtagsfraktion sei gewissermaßen der Erfinder der Realos bei den Grünen gewesen, sagt Kretschmann, der sich als Alt-68er bezeichnet und von einer linksradikalen Vergangenheit berichtet. Bei den Grünen fand der studierte Biologe, der bekennt, ein besonderes Verhältnis zur Natur zu haben, schließlich seine politische Heimat.

Nur ungern erinnert sich der leidenschaftliche Politiker an das Jahr 1990. Da sind die Grünen aus dem Bundestag katapultiert worden. Der Slogan „Alle reden von Deutschland, wir reden vom Wetter“ war beim Wahlvolk nicht gut angekommen. „Nach zehn Jahren harter Kämpfe dachte ich, wir haben uns im Parteiensystem festgesetzt.“ Das sei der absolute Tiefpunkt in der Geschichte der Partei gewesen und eine harte realpolitische Lehre.

Aus einstigen Protestlern habe sich eine Partei entwickelt, die jederzeit aus dem Stand heraus mitregieren könnte. „Damals waren die Grünen bestenfalls Paradiesvögel und schlimmstenfalls Arbeitsplatzvernichter. Heute sind sie eine anerkannte politische Kraft. Wir haben im Land mehr grüne Bürgermeister als im Rest der Republik und sind in Stuttgart stärkste Fraktion im ­Gemeinderat“, resümiert Winfried Kretschmann stolz.

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