Kirchheim

Der Altersarmut ein Gesicht geben

Der Verein Save Society will einen Bildband über arme Rentner verlegen – Betroffene können mitwirken

Viele Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, können von ihrer Rente nicht leben. ­Save Society will die Gesellschaft dafür sensibilisieren.

Viele alte Menschen haben ihr ganzes Leben lang gearbeitet und können trotzdem von ihrer Rente nicht leben. Foto: Save Society
Viele alte Menschen haben ihr ganzes Leben lang gearbeitet und können trotzdem von ihrer Rente nicht leben. Foto: Save Society

Region. „Schon jetzt können immer mehr Menschen von ihrer Rente nicht leben“, sagt Corinna Schmid. Die aus Schopfloch stammende Fotografin und Modedesignerin findet es alarmierend, dass Menschen, die jahrzehntelang berufstätig waren, im Alter in die Armut abrutschen. Sie engagiert sich bei Save Society – einem Verein, der sich gegen Diskriminierung stark macht. Statt ihren wohlverdienten Ruhestand sorgenfrei zu genießen, geraten laut Schmid mehr und mehr Senioren unter Existenzdruck. „Wie soll jemand mit einer Rente, die unterhalb der Grundsicherung liegt, die Miete, Lebensmittel oder den Zahnersatz bezahlen?“, fragt sie sich. „Eine wachsende Zahl von Rentnern ist gezwungen, solange es geht zu arbeiten, um die Kosten für das tägliche Leben zu decken.“

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Björn Schimmel, stellvertretender Vereinsvorsitzender, weiß in welche Nöte Menschen nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben geraten können. Seine Großmutter hatte nach dem Abitur die Ausbildung zur Erzieherin durchlaufen. Während des Zweiten Weltkrieges verschlug es sie im Zuge der Kinderlandverschickung ins Grenzgebiet zu Estland. Wegen des Vormarsches der russischen Armee brachte sie von dort 50 Waisenkinder zu Fuß und im Zug nach Rheinfelden in ein Kinderheim. Nach dem Krieg arbeitete sie zunächst in einer Bäckerei, später in einer Baumschule, in der sie Bäume aufforstete, und sie hat zwei Kinder großgezogen. „Doch selbst nach Eintritt ins Rentenalter hat sie nie aufgehört zu arbeiten und Ferienwohnungen geputzt“, erzählt Schimmel.

Nach dem Tod ihres Ehemannes, sei sie in ein Pflegeheim gekommen. „Obwohl sie ihr ganzes Leben lang gearbeitet hat, reichte ihre Rente nicht annähernd aus, um die laufenden Kosten der Einrichtung zu tragen“, berichtet er. „Meine Großmutter hat am Ende ihres Lebens gerade einmal genug Geld gehabt, sich ihre wöchentliche Tafel Lieblingsschokolade kaufen.“ In Stuttgart-Zuffenhausen traf der stellvertretende Vorsitzende von Save Society eine 84-Jährige, die Pfandflaschen sammelte. „Sie erzählte mir, dass sie 600 Euro Rente im Monat bezieht. Auch sie war ihr ganzes Leben lang berufstätig gewesen und hatte vier Kinder großgezogen“, sagt er. „Ans Sozialamt will sie sich nicht wenden, weil sie dem Staat nicht auf der Tasche liegen will.“

Dies sind laut Corinna Schmid nur zwei Beispiele, die exemplarisch für zig Tausende Menschen stehen, denen es ebenso ergeht. Aus diesem Grund haben sich die Mitglieder von Save Society entschlossen, einen Bildband herauszubringen, der der Altersarmut nicht nur ein Gesicht gibt, sondern darüber hinaus auch die Schicksale beschreibt, die sich hinter dem Schlagwort verbergen. „Um dieses Projekt verwirklichen zu können, sind wir auf die Mithilfe Betroffener angewiesen“, so Corinna Schmid. Jeder der in Altersarmut lebt und mit seinem Foto, aber auch seiner Lebensgeschichte, helfen möchte, das Thema in die Mitte der Gesellschaft zu tragen, kann mit dem Verein in Kontakt treten.

„Wir wollen nicht, dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird“, betont Michael Pinteric, der auch im Verein aktiv ist. „Als arm gelten in Deutschland rechnerisch 12,5 Millionen Menschen, davon sind 3,5 Millionen Rentner.“ Die durchschnittliche Altersrente beläuft sich nach Angaben des Save Society-Vorstandsvorsitzenden in den alten Bundesländern auf etwa 700 Euro und in den neuen Bundesländern auf rund 826 Euro. Zum Leben reiche das nicht aus. Betroffene, die über ein Haus oder eine Eigentumswohnung verfügen, sind Michael Pinteric zufolge spätestens dann gezwungen, ihren Privatbesitz zu veräußern, wenn sie in eine Pflegesituation geraten. „Damit geht auch ein Stück Kulturerbe verloren“, sagt Pinteric, der angesichts von Mindestlohn, Niedrigzinsen bei der Privatvorsorge, immer öfter unterbrochenen Erwerbsbiografien und absinkenden Rentenniveaus besorgt in die Zukunft blickt.

„Die Entwicklung betrifft nicht nur Senioren, sondern auch diejenigen, die aktuell noch voll erwerbstätig sind“, betont Damir Antolovic. „Und das unabhängig davon, ob die Menschen reich oder arm sind“, fährt Antolovic fort. Er fordert, dass die Politik endlich reagieren und Lösungen für die Rentenmisere erarbeiten muss.

Was macht Save Society?

Ziele: Save Society wurde 2014 in Stuttgart gegründeter. Die Ziele des Vereins sind es, Diskriminierungen aufzuzeigen und gegen sie vorzugehen. Seine Mitglieder setzen sich für Toleranz, Respekt, Mitgefühl und aktives Handeln ein, das Ungerechtigkeit bekämpft.Maßnahmen: Der Verein sucht nicht nur den aktiven Dialog mit Unternehmen, Organisationen, Politikern und Medien. Kurse, Seminare und Aufklärungsarbeit sollen einen Beitrag zur Prävention leisten und nachhaltig die Achtung der Menschenwürde fördern. Kontakt: Rentner, die in Altersarmut leben und bei dem Projekt mitwirken wollen, können unter der Nummer 01 57/81 92 37 13 Kontakt mit Corinna Schmid aufnehmen. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage des Vereins www.save-society.org. dh