Lokale Kultur

Einblicke in die „Liebe auf Italienisch“

Literarische Leckerbissen mit Reinhold Joppich und Musik von und mit Mario Di Leo

Kirchheim. An alle verfügbaren Sinne des Publikums appellierte der über die vorgegebene Spanne einer rein literarischen Begegnung weit hinausgehende jüngste literarische Abend im Buchhaus Zimmermann

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in Kirchheim. Unter dem unmissverständlichen Titel „Amore, Amore“ präsentierte Reinhold Joppich treffsicher ausgewählte Liebesgeschichten voller Überraschungen.

Musikalisch unterstützt wurde der Literatur- und Italienbegeisterte bei seinem ambitionierten amourösen Projekt von Mario Di Leo, der an diesem Abend bei der Begrüßung durch Geschäftsführerin Sibylle Mockler schon allein dafür viel vorauseilenden Applaus einkassieren konnte, dass er tatsächlich gebürtiger Italiener ist.

Das an sich schon eindrucksvoll in Szene gesetzte literarisch-musikalische Ereignis wurde nach ersten Kostproben aus dem umfassenden Erfahrungsschatz erfahrener italienischer Literaten durch eine willkommene Verschnaufpause erweitert, in der nach vorangegangenen literarischen auch noch kulinarisch überzeugende Häppchen gereicht wurden, um weitere italienische Akzente zu setzen, und mit Wasser und italienischem Wein stimmig zu ergänzen.

Den vielversprechenden Auftakt des von gut ausgewählten literarischen „Häppchen“ bestimmten und sehr gut choreografierten Geschehens bildete Italo Calvinos „Die drei Alten“ aus dem Buch „Die Braut, die von Luft lebte“.

Für die zu diesem Abend passende musikalische Einstimmung hatte zuvor das eingängige und von Mario Di Leo nicht nur textmäßig sondern zugleich auch musikalisch zu verantwortende Musikstück „In piazza di notte“ gesorgt.

Die darauf folgende und von Reinhold Joppich stimmgewaltig präsentierte märchenhafte Geschichte um einen König, der das in seinen Wunschvorstellungen für ihn immer attraktiver werdende Objekt libidinösen Begierden ohne vorherige Begegnung von Angesicht zu Angesicht nicht nur ehelichen will, sondern - des irreversiblen Königswortes wegen - gleich heiraten muss, markierte einen viel versprechen Auftakt des gut besuchten italienischen Abends.

Mit „Dove vola l‘avvoltoio“, bei dem der Autor des zuvor gelesenen Stücks, Italo Calvino, für den Text verantwortlich zeichnet, bereitete Mario Di Leo dem Publikum dann den durchaus etwas steinigen Weg zu Rosanna Campos keinesfalls märchenhaftem sondern deutlich unromantischem „Noch ein Schuft“ aus dem Band „Am Anfang war die Unterhose“.

Die Ich-Erzählerin mit sympathisch-wohlwollender Toleranz in eigener Sache und deutlich kritischerem Ausblick, vor allem auf die sie umgebenden männlichen Mitmenschen, lässt sich sehenden Auges in eine Affäre mit einem fremden Mann ein, der mit seiner Halbglatze nicht eben ihrem hehren Ideal einer klassischen Schönheit entspricht. Mit seinen munteren Avancen ist er wider Erwarten irgendwann einmal aber doch noch erfolgreich, muss sich dann aber zwischen seiner geliebten Mama oder aber seiner zweifellos nicht unbedingt all zu „mamaesken“ Geliebten entscheiden, die sich der Einfachheit halber gleich in einen Überland-Bus setzt und damit den Entscheidungsprozess deutlich abkürzt.

Von Mario Di Leos virtuosem Gitarrenspiel nach der Pause erneut mit dem Publikum gemeinsam in die passende musikalisch-literarische Italien-Stimmung gebracht, nahm der stimmgewaltige Erzähler Reinhold Joppich mit Dario Fos „Die Beerdigung meines Vaters“ aus „Sieben Jahre und ein paar dazu“ den nie verlorenen Faden wieder auf.

Kunstvoll werden in dieser Geschichte zwei Trauergemeinschaften so unbarmherzig durcheinandergewirbelt, dass die beherzt Trauernden zeitweise sogar so mutwillig der falschen Leiche hinterherlaufen, dass das - bei aller Tragik - fast schon wieder eine Freude ist.

Zwischen „Serenatella“ und „Una piccola erfolgte Alberto Motavias unter demselben Titel in Buchform vorliegender Stoßseufzer „Ach, die Frauen“. Zu schon etwas vorgerückter Stunde entwickelte sich darin die vergnügliche, aber doch etwas sonderbare Dreiecksgeschichte, in der ein junger Mann vom Land um die Gunst einer Zeitungsverkäuferin buhlt, die zwar schon lange verlobt und daher fest vergeben ist, aber ungemein gerne flirtet und kokettiert.

„Das Dampfross“ aus Ermanno Cavazzonis „Gesang der Mondköpfe“ sorgte schließlich für ein alles platt machendes atemberaubendes Finale furioso, das mit vergleichsweise unaufgeregter und eher entspannter Gitarrenmusik ausklang.

Zuvor hatte Reinhold Joppich aber noch einmal kräftig Druck aufgebaut. Vorlesetechnisch geradezu vor sich hinschnaubend und mit zunehmendem Tempo und in stimmigen Bildern überzeugend dem Höhepunkt entgegenstrebend, gewährte Reinhold Joppich mit Ermanno Cavazzonis Text wenige Tage nach dem Weltfrauentag aufschlussreiche Einblicke in den Mann, das unbekannte Wesen. Die sich dabei auftuenden zwischenmenschlichen Abgründe trugen die atemlose Verneinung jeder Zugabe eigentlich schon in sich.

Mario Di Leo gelang es dank eines finalen „Schlafliedes“, wieder etwas zu beruhigen und sich noch einmal ganz besonders virtuos und fingerfertig vom zufriedenen Publikum zu verabschieden. Verdient hatten die beiden souveränen Akteure die großzügig gespendeten Akklamationen für ihre amouröse Aufklärungsbemühungen zweifellos.