Kirchheim

Keine Berührungsängste

Politik Frauen in der Politik, noch dazu junge, sind Mangelware. Die Kirchheimer CDU-Stadträtin Dr. Natalie Pfau-Weller will, dass das anders wird. Sie bringt Nachwuchs und Ehrenamt unter einen Hut. Von Irene Strifler

Charlotte gehört dazu: Hier sitzt sie mit ihrer Mama Natalie Pfau-Weller am Ratstisch. - Für Nebensitzer Stadtrat Reinhold Ambac
Charlotte gehört dazu: Hier sitzt sie mit ihrer Mama Natalie Pfau-Weller am Ratstisch. - Für Nebensitzer Stadtrat Reinhold Ambacher nichts Ungewöhnliches. Foto: Markus Brändli

Die Kirchheimer Stadträtin Dr. Natalie Pfau-Weller gibt es fast nur im Doppelpack: Vor dem Bauch trägt sie ihre Tochter. Berührungsängste mit Fremden kennt die Kleine nicht. Mit ihren elf Monaten wirkt sie in Gesellschaft sehr ausgeglichen - Mama ist ja dabei, und im Rucksack liegen nicht nur Fruchtschnitze bereit. Es befindet sich darin auch die spanische Ausgabe der kleinen „Raupe Nimmersatt“. Charlotte hat nämlich eine spanische Großmutter und wächst zweisprachig auf.

Keine Berührungsängste haben aber auch die Räte, quer durch die Fraktionen. Alle begrüßen Charlotte freundlich. „Ich bin von Anfang an überwiegend gut aufgenommen worden“, meint die Mutter, die zunächst Bedenken hatte, mit Baby in den Sitzungen aufzutauchen. Doch was hätte sie tun sollen? „Ich war doch gewählt, und da kann ich doch nicht monatelang nicht erscheinen“, meint sie.

So kam‘s, dass die junge Mutter bis zum heutigen Tag gerade Mal an zwei Sitzungen gefehlt hat. Einmal hatte Charlotte Fieber. Und das andere Mal? Da wäre es fast zur ersten Geburt in der Geschichte des Technischen Ausschusses gekommen. Das Baby kündigte sein Kommen nämlich just an, als die Mutter schon am Sitzungstisch saß. Ehe die Ratskollegen Geburtshelfer spielen mussten, brach sie zum Krankenhaus auf.

Charlotte ist also ein echtes Kind der Politik. Schließlich hatten sich auch ihre Eltern einst über die Junge Union kennengelernt. Natalie Pfau-Weller kam kurz vor dem Abitur über den Wirtschaftspreis mit Politik in Berührung und trat kurz darauf in die JU und in die CDU ein. Für sie war klar, dass sie auch als Mutter nach Möglichkeit politisch aktiv bleiben wollte. „Ich musste natürlich erst mal sehen, wie‘s läuft“, räumt sie ein. Siehe da: Das Baby war immer zufrieden, wenn es bei der Mutter war.

Natürlich gab‘s auch Unvorhergesehenes zu bewältigen: Zu einer Gestaltungsbeiratssitzung, die sich über mehrere Stunden hinzog, wurde einfach eine Spieldecke mitgenommen, sodass die Kleine dabei sein konnte. Viele Sitzungen hat Charlotte schlicht und einfach verschlafen. Manch einer der Stadträte merkte erst nach Stunden, dass da in der Sitzschale unterm Tisch ein Säugling dabei war. „Ich habe sie einfach schlafend ins Rathaus geschleppt“, erzählt ihre Mutter.

Ganz so einfach war das allerdings nicht. Der CDU-Vertreterin sind plötzlich viele Dinge aufgefallen, für die sie früher kein Auge hatte. Etwa, dass sie nicht per Aufzug in den Sitzungssaal gelangen konnte. „Jetzt weiß ich auch, dass es weder im Rathaus, noch in der Stadthalle, noch beim Büchereisaal eine Wickelmöglichkeit gibt“, erzählt sie und hat schon Änderungen angeregt.

Wer junge Frauen im Berufsleben halten und in die Politik holen will, muss die Voraussetzungen dafür schaffen. „Ohne meine Familie würde das nicht gehen“, räumt Natalie Pfau-Weller ein. Oft hat aus Sitzungen ihr Mann die Kleine abgeholt, oft springen ihre Eltern ein. Hätte sie diese Infrastruktur nicht, ist für die junge Mutter klar: „Dann würde als erstes das Ehrenamt leiden.“ Aber auch die Länge der Sitzungen ist ein Problem: „Die Sitzungsleitung müsste dafür sorgen, dass ein Limit eingehalten wird“, fordert Pfau-Weller. Dann würde Politik vielleicht Junge nicht mehr so abschrecken.

Nach einem Jahr Elternzeit will die 31-Jährige wieder arbeiten. Am 22. Juli geht es los, diesmal mit einem 50-Prozent-Vertrag. Sie freut sich auf den Wiedereinstieg, zumal ihr Mann dann zwei Monate Elternzeit hat und die Eingewöhnung in die Kita übernehmen kann. Ihr Arbeitgeber, das Fraunhofer Institut, ging auf ihren Wunsch ein, nur einen Tag pro Woche anwesend zu sein. Der Rest läuft vormittags als Homeoffice. „Da ist Charlotte in der Kita, für die ich zum Glück schon eine Zusage habe“, erklärt ihre Mutter. Sie ärgert sich maßlos, wenn Institutionen junge Eltern ewig zappeln lassen, ob‘s mit einem Betreuungsplatz klappt oder nicht: „Was man in dieser Situation braucht, ist Planungssicherheit!“

Wenn‘s Planungssicherheit gäbe, wäre auch viel gewonnen auf dem Weg, junge Mütter in die Politik zu bringen.

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