Kirchheim

Nur Liebe hilft gegen den Hass

Gedenken Mit einem Gottesdienst erinnert Sankt Ulrich an die Millionen Opfer des Holocaust. Im Mittelpunkt: eine „Zigeunerband“, die sich selbst so nennt. Von Günter Kahlert

Ein ungewöhnlicher Gottesdienst: ein Zigeuner-Ensemble spielt beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in der Kirchhei
Ein ungewöhnlicher Gottesdienst: ein Zigeuner-Ensemble spielt beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in der Kirchheimer Ulrichs­kirche. Die Musiker sind aus Ungarn, Tschechien und Kiel angereist.Foto: Günter Kahlert

Die schrecklichen Zahlen kennt inzwischen jeder. Manche wollen davon nichts mehr hören. Doch Pfarrer Franz Keil bezieht im „Gedenkgottesdienst für die Opfer des Nationalsozialismus“ in Sankt Ulrich in Kirchheim ganz klar Position: „Wir dürfen die Millionen Toten der Konzentrationslager, des Krieges und der Vertreibung nicht vergessen!“ Dabei ist das Gedenken die eine Seite, ebenso wichtig ist dem Seelsorger der Blick auf heute: Das, was in der Vergangenheit geschehen ist, könne auch in unseren Tagen wieder geschehen, und es geschehe auch immer wieder.

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Die erneuten Gefahren sind seinen Worten nach die alten - Radikalismus, Antisemitismus, Rassenhass, Fundamentalismus. „Gefordert sind politische Wachsamkeit und immer wieder Aufklärung über den Holocaust“. Der Ausweg daraus? Die Liebe. „Ich glaube, sie ist der einzige Weg, den Hass zu überwinden, den Teufelskreis von Rache und Vergeltung zu durchbrechen“, sagt Keil. Eine Botschaft, die nicht nur an Christen gerichtet ist.

Der Gottesdienst ist außergewöhnlich. Das Besondere ist vor allem die Musik. Ein Zigeuner-Ensemble aus insgesamt fünf Musikern spielte - mal als Quartett, mal als Quintett - zwischen Gebeten, Lesungen und Predigt immer wieder einfühlsame Stücke aus dem überlieferten Fundus der Sinti und Roma.

Geigen und gestrichene Kontra­bässe als Instrumentierung, das ist so ganz anders, als man diese Musik oft mit der Fröhlichkeit des Zigeuner Swing à la Django Reinhardt im Kopf hat. Roland Reinhardt, einer der Oberhäupter der Reinhardt-Familie, hat das in die Wege geleitet. Zwei der Musiker reisten aus Ungarn an, zwei aus Tschechien, einer aus Flensburg. Keine feste Formation, deshalb auch kein Name für das Ensemble.

Man trifft sich, jeder kennt die Stücke, kurze Probe und der Auftritt steht. Noten? Fehlanzeige. Die Musik wird in den Familien von Generation zu Generation weitergegeben. Die sehr gefühlvollen, auch leidvollen Melodien und die Virtuosität der Musiker begeisterten jedenfalls die Besucher der Ulrichskirche. Applaus bei einem Gedenkgottesdienst - wo gibt‘s das schon mal.

Kein Wunder, dass das einstündige Konzert des Zigeuner-Ensembles nach dem Gedenkgottesdienst die Besucher fast ausnahmslos in der Ulrichskirche hält.

Anlass des Gottesdienstes war der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz 1945 durch die Rote Armee. 1996 hatte der damalige Bundespräsident Roman Herzog diesen 27. Januar als offiziellen deutschen Gedenktag initiiert, 2005 zogen die Vereinten Nationen nach und erklärten einen Internationalen Tag des Gedenkens.

2017 ist für Kirchheim zudem eine besondere Situation. Die Stadt wird auf dem Alten Friedhof ein Denkmal für die zivilen Opfer des Nationalsozialismus aufstellen (wir berichteten), das zur Hälfte durch Spenden finanziert werden soll. So war der Gedenkgottesdienst auch der Auftakt für die Spendenaktion.

Auf dem Denkmal werden Schicksale aus der Anonymität der Zahlen geholt, es soll Namen und Zitate, Namen der Kirchheimer, die ins KZ oder im Euthanasie-Programm in die Tötungsanstalt Grafeneck bei Gomadingen (Kreis Reutlingen) verschleppt und ermordet wurden, geben. Wie viele unter der schrecklichen Bezeichnung „unwertes Leben“ in Grafen­eck dem Nazi-Terror zu Opfer fielen, steht bis heute noch nicht endgültig fest. Historiker schätzen bis zu 100 Menschen aus Kirchheim, recherchiert werden konnten bisher 30 Schicksale.

Doch da sind auch noch die Konzentrationslager. 18 Angehörige hat allein die Kirchheimer Zigeunerfamilie Reinhardt als KZ-Opfer in Auschwitz zu beklagen - Männer, Frauen, Kinder. Auf das Denkmal angesprochen, zögert Roland Reinhardt kurz, doch dann sagt er: „Das Denkmal ist uns eine große Ehre und wir sind zu Dank verpflichtet, dass es gemacht wird.“ Man merkt ihm an, dass die schrecklichen Vorkommnisse zwar lange zurückliegen, aber keineswegs vergessen sind.