Kirchheim

Stimmungsvoll mit Licht und Märchentante

Advent Die Kirchheimer Innenstadt präsentiert sich bis Heiligabend stimmungsvoll und festlich. Frau Holle liest Kindern täglich ein Märchen vor. Von Andrea Barner

Bis Heiligabend ist sie hier täglich um 17 Uhr zu sehen: Frau Holle im Rathaus. Foto: Günter Kahlert
Bis Heiligabend ist sie hier täglich um 17 Uhr zu sehen: Frau Holle im Rathaus. Foto: Günter Kahlert

Natürlich sind alle Kinder vor allem auf die Goldtaler scharf, die Frau Holle zur Belohnung fürs Zuhören reichlich zum Fenster rauswirft. „So um die 200 Taler sind das täglich“, erzählt Reinhard Segatz. Der Kirchheimer Gastronom muss es wissen, denn er organisiert zusammen mit der Rathausmannschaft den Weihnachtsmarkt und auch die Märchenstunde.

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Viele Kirchheimerinnen und Kirchheimer gestalten gemeinsam die stimmungsvolle und hoffentlich auch fröhliche Adventszeit in der Innenstadt. Allen voran gehört natürlich die Oberbürgermeisterin dazu. An jeder Hand ein Enkelchen, begrüßt sie die Kinderschar vor dem Rathaus samt Glühwein nippenden Müttern, Vätern, Onkeln und Tanten. „Kaum zu fassen“, sagt Angelika Matt-Heidecker, „dass schon wieder ein Jahr vorbei ist!“

Seit 2016 verwandelt sich das Rathaus im Dezember in einen riesigen Adventskalender. Dann öffnet Frau Holle das erste Türchen und bis zum 24. Dezember geht das täglich so weiter mit Märchen, ausgeschütteltem Kopfkissen, aus dem es Federn schneit, und den begehrten Goldtalern. Bevor das erste Märchen vorgelesen wird, drückt die Oberbürgermeisterin am Samstag aber noch zusammen mit Frau Holle auf den „Buzzer“ und erleuchtet den prächtigen Weihnachtsbaum vor dem Rathaus.

Der Baum stammt aus Privatbesitz, seinem bisherigen Eigentümer war er im Garten zu groß geworden. Stolze zwölf Meter ist die Tanne hoch, dicht und schön gewachsen. Ein Trupp des städtischen Bauhofs hat sie aufgestellt und mit 8 000 LED-Lämpchen verziert. Die Lichterketten sind zusammengenommen 800 Meter lang. Das entspricht ungefähr der Strecke vom Rathaus bis zum Rewe-Markt.

Im November hatte die Stadtverwaltung um Baumspenden gebeten, das macht sie jedes Jahr. Elf Weihnachtsbäume stehen jetzt allein in der historischen Altstadt, auch in den Ortsteilen sind welche aufgestellt und strahlen in weihnachtlichem Lichterglanz.

„Alle Jahre wieder“ um Punkt 17 Uhr stimmt die Stadtkapelle dann die Menschen unter dem Weihnachtsbaum auf die bevorstehende Adventszeit ein. Die Stimmung ist gut. Im putzigen kleinen Hexenhäuschen unter den Rathausarkaden gibt‘s Glühwein, Glühbier und ein alkoholfreies Apfel-Zimt-Getränk. In einem anderen kleinen Holzhäuschen werden frische Crêpes gebacken. Sie verströmen einen verführerischen Duft. Die Kapelle spielt „Ihr Kinderlein kommet“ und da kommen sie schon, die wuseligen kleinen Kinder, viele im Kindergarten- oder Grundschulalter. Sie warten auf die Frau Holle und jauchzen kräftig, als sie endlich eintrifft. Zwei Nachtwächter mit brennenden Laternen begleiten die berühmte Schneebringerin aus dem Märchen. Sie trägt ein historisches Kostüm, ganz in Weiß, mit Spitzenhäubchen. Reinhard Segatz ist sichtbar happy über die „Märchentante“, die ihre Rolle mit Leib und Seele spielt. Brigitte Bohres heißt sie und ist eine ehemalige Rathausmitarbeiterin im Ruhestand. „Die hat sich die Kleider selber genäht und ist das ganze Jahr schon ,hibbelig‘“, sagt Reinhard Segatz zufrieden.

Das erste Türchen wird enthüllt, und natürlich wissen die Kinder gleich Bescheid: der Turm, das lange blonde Haar, das kann doch nur „Rapunzel“ sein! Die Motive auf den Holztürchen haben Schülerinnen und Schüler verschiedener Kirchheimer Schulen mit großer Hingabe gepinselt. „Wir haben natürlich dieses Jahr neue Bilder und auch neue Märchen.“ Reinhard Segatz hat festgestellt, dass allzu lange Märchen für die Kinder zu viel sind: „Das muss fünf, sechs, höchstens zehn Minuten lang sein. Sonst gibt’s hier unten Kinder-Chaos.“

Denn die kleinen Weihnachtsmarktbesucher sind vor allem auf die Goldtaler aus. Man sollte es ihnen nicht übel nehmen, die Schokolade darin ist wirklich lecker, davon können sich auch die Erwachsenen überzeugen. Das Zuhören dagegen kann ein bisschen anstrengend sein, wenn das Märchenmikrofon nicht gut eingestellt ist und wie bei der Premiere ein wenig „mumpfelt“.

Die Termine der „Märchentante“ stehen jetzt schon fest: Frau Holle liest bis einschließlich 23. Dezember täglich um 17 Uhr aus ihrem dicken Märchenbuch vor. An Heiligabend tritt sie schon um 11 Uhr vor ihr Publikum, kurz vor Beginn des „heiligen Vormittags“. „Da ist die Aufmerksamkeit aber nicht mehr so gegeben“ bedauert Reinhard Segatz. Der Eröffnungstag ist von der Besucherzahl her immer der stärkste, alles Weitere dann stark wetterabhängig. Die Märchen, die sich hinter den überklebten Adventsfensterchen verbergen, sind noch geheim. Aber Reinhard Segatz verrät: „Einfach Märchen, die man kennt. Das berührt die Leute am meisten.“

Drei Fragen an Reinhard Segatz 

1 Was gefällt den Kindern Ihrer Erfahrung nach am besten?

Goldtaler und Federkissen ausschütteln sind das A und O. Das sind alles die Dinge, auf die Kinder letztendlich warten.

2 Mit wie vielen Besuchern rechnen Sie?

Wie viele kommen, ist natürlich ganz witterungsabhängig. Sonntags gehen viele um 17 Uhr schon nach Hause. An einem Samstag, wo viele noch einkaufen, läuft’s natürlich besser. Wir haben hier durchaus an einem Abend schon ein paar Hundert Leute gehabt.

3 Was wünschen Sie sich denn persönlich für den Weihnachtsmarkt?

Ich wünsche mir gutes Wetter. Die Leute wollen rausgehen und das „kleine Erlebnis“ haben, hier vor der Haustür. Das Wetter ist ganz wesentlich, für alles andere sorgen wir. Heiligabend ist alles vorbei. aba

Reinhard Segatz, InitiatorFoto: Thomas Krytzner
Reinhard Segatz, InitiatorFoto: Thomas Krytzner