Zukunftsvisionen

„Wer Trends erfinden will, fällt damit auf die Nase“

Wie Städte sich entwickeln, hängt in hohem Maße von ihren Bewohnern und gesellschaftlichen Entwicklungen ab. Was Zukunftsforscher wie Eike Wenzel beobachten, sagt auch viel über die Stadt der Zukunft aus.

Eike Wenzel
Eike Wenzel

Herr Wenzel, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Trendforschung. Wie weit kann man in die Zukunft sehen?
Eike Wenzel: Als Zukunftsforscher haben wir nicht die Aufgabe, Entwicklungen bis auf die letzte Nachkommastelle zu berechnen. Es gibt insgesamt 15 Megatrends, die 15 wichtigsten Veränderungen. Dazu gehören zum Beispiel die Energiewende, der demografische Wandel, der Klimawandel und die Digitalisierung. Die Prognosen für diese Megatrends gehen circa 30 bis 50 Jahre in die Zukunft. Das Besondere daran ist, dass man sich ihnen nicht entziehen kann. Sie funktionieren wie ein Frühwarnsystem und wecken unser Bewusstsein für Veränderungen.

Anzeige

Können Sie ein Beispiel nennen?
Wenzel: Interessant ist die Situation im Einzelhandel. Die Digitalisierung wird diese Branche verändern. Das haben wir vor Jahren gesagt. Jetzt gibt es große Umsatzeinbußen, weil viele dachten, sie könnten sich dem entziehen.

Wie arbeitet die Zukunftsforschung?
Wenzel: Man kann keine Trends konstruieren. Damit fällt man nur auf die Nase. Wir Zukunftsforscher beschreiben den Wandel. Um Entwicklungen richtig einschätzen zu können, sind Netzwerke wichtig. Wir arbeiten mit vielen Leuten zusammen. Das können zum Beispiel Menschen aus Hochschulen, aber auch aus der Industrie sein. Wir schauen, welche Megatrends für welche Firmen wichtig sind, arbeiten mit Studien und Umfragen, dann erheben wir eine Menge Daten, mit denen wir unsere Prognosen erstellen.

Kann man Menschen wirklich so berechnen?
Wenzel: Die Wahrscheinlichkeit der Prognosen ist in hohem Maße von der sozio-ökonomischen Entwicklung abhängig – auch davon, wie Wahlen ausgehen. Man kann Gesellschaft aber insofern berechnen, als dass viele demografische Daten sehr gut zugänglich sind. Vor etwa zehn Jahren bin ich über Zahlen gestolpert, die zeigen, dass immer weniger Leute von der Arbeiter- in die Akademikerschicht aufsteigen. So etwas ist gefährlich, weil Leute gesellschaftlich abgehängt werden. Ich habe schon damals angemahnt, dass die Ungleichheit vor allem in Westeuropa stärker wird. Heute ist es so gekommen.

Was bedeutet das alles für die Stadt der Zukunft?
Wenzel: In großen Städten gibt es viele Menschen, aber auch viel Elend. Das macht sie zu Treibhäusern des Wandels, durch Lebensknappheit entstehen Trends. Bei der Versorgung müssen große Städte als erstes nach Lösungen suchen, wie ihre Bewohner ernährt werden – zum Beispiel durch Urban Farming. Wir brauchen außerdem bis zu 70 Prozent weniger Autoverkehr. Durch selbstfahrende Autos und Sharing-Systeme könnte man Zeit sparen, weil es keine Staus mehr geben würde, und Geld sparen, weil man die Ressourcen teilt. Das könnte viele Probleme lösen. Die Stadt würde so viel kompakter werden, vor allem, weil man weniger Parkplätze braucht. Falls es in der Zukunft noch private Autos geben sollte, dann denke ich, dass sie eher für den Spaß gedacht sind, oder für Menschen, die auf dem Land leben. Aber um das Mobilitätsthema voranzutreiben, muss die Diskussion erstmal in der Gesellschaft vorangetrieben werden. Auch die Politik bremst Innovationen aus.

Hatten Sie mit Ihren Prognosen immer recht – oder lagen Sie auch mal richtig daneben?
Wenzel: Bei der Entwicklung von Facebook. Ich dachte lange, das wäre so ein kleines Chat-Ding und konnte mir nicht vorstellen, dass sich Milliarden Menschen stundenlang nur mit sich selbst beschäftigen. Ich dachte, dafür braucht man Inhalte, die Facebook selbst ja nicht bietet. „Wartet mal ab, Facebook ist überschätzt“, habe ich immer gesagt. Heute entscheidet Facebook Wahlen mit. Fake News ohne Facebook sind unvorstellbar. sei/mona

Zur Person

Eike Wenzel, geboren 1966, war früher als Journalist für verschiedene Tageszeitungen in Deutschland tätig. 2011 gründete er das Institut für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) in Heidelberg. Er hat sich auf die Themen Digitalisierung, Energiewandel und demografische Entwicklung spezialisiert. Seit dem Wintersemester 2016/2017 leitet Eike Wenzel außerdem den Master-Studiengangs „Trend- und Nachhaltigkeitsmanagement“ an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen.