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ALBSTADT Die Handballschuhe hat er im Frühjahr endgültig an den Nagel gehängt, dem Handballsport bleibt Stefan Kretzschmar als schillernde Figur erhalten. Im Interview sprach der 34-Jährige gestern über seinen Wechsel ins Managment des SC Magdeburg und das Ende einer außergewöhnlichen Sportlerkarriere.
BERND KÖBLE
Auf Ihrer Homepage läuft derzeit das Preisrätsel "Welche neue Aufgabe hat Stefan beim SC Magdeburg." Haben Sie die Lösung?
KRETZSCHMAR: Die ist ganz einfach. Ich bin für den gesamten sportlichen Bereich zuständig. Spielerbeobachtung, Terminkoordination bis hin zu Spielerverträgen.
Ist es eher von Nachteil oder von Vorteil, dass Sie noch immer sehr nah an der Mannschaft sind?
KRETZSCHMAR: Zu nah an der Mannschaft kann man nicht sein. Ich muss mich nicht verstellen, spreche die gleiche Sprache wie die Jungs. Im Übrigen führen Vertragsverhandlungen meist die Berater. Heute haben ja schon 17-Jährige ihren eigenen Manager.
Kein leichter Job, der auf Sie wartet. Der SC befindet sich in einer schwierigen Phase.
KRETZSCHMAR: Das stimmt allerdings. Die Mannschaft steckt mitten im Umbruch. Acht erfahrene Spieler kann man nicht einfach ersetzen. Andererseits haben wir nun viele junge deutsche Talente, die eine Perspektive haben. Im nächsten Jahr heißt es, ordnen und sortieren.
Sie sind in viele Richtungen aktiv, haben ein eigenes Klamottenlabel. Ist das noch die Suche nach dem Leben danach?
KRETZSCHMAR: Das mit den Klamotten ist ja schon während meiner aktiven Zeit entstanden. Das machte einfach Spaß, war ein Stück Selbstverwirklichung. Zum Glück lässt das Management noch Zeit für Projekte außerhalb des Sports. In Berlin bin ich zum Beispiel an der Agentur Rockstar-Models beteiligt. Da kann man abgefahrene Typen buchen, die nicht ins übliche Hochglanz-Klischee passen.
Ihr Abschiedsspiel in der Bördelandhalle war binnen einer Stunde ausverkauft. Da konnte man einen Stefan Kretzschmar erleben, der nicht der sonst so coole Typ war. Wie nahe ging Ihnen der Abschied?
KRETZSCHMAR: Ziemlich nahe. Ich hab's mir trotzdem schlimmer vorgestellt. Ich dachte, dass ich Rotz und Wasser flenne. Wenn du die Fans und Spieler aus ganz Europa siehst, die alle wegen dir gekommen sind, ist das schon ein eigenartiges Gefühl. Ich hatte mich eigentlich ganz gut im Griff, bis meine Eltern auf die blöde Idee kamen, in der Halle ein Lied anzustimmen. Da habe ich losgeheult.
War der Zeitpunkt fürs Karriereende von langer Hand geplant?
KRETZSCHMAR: Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich mir sicher war. Nach dem Gewinn des IHF-Cups im Frühjahr war die Luft raus. Der Spaß fehlte, die Motivation war weg. Wenn die Leidenschaft fehlt, ist der Moment einfach gekommen.
Sie haben mit Magdeburg alles gewonnen: Champions League, Supercup, Meisterschaft. Mit der Nationalmannschaft blieb Ihnen der ganz große Erfolg versagt. Schmerzt das ?
KRETZSCHMAR: Ich würde sagen, das war Schicksal. Man muss seinen Frieden damit schließen, auch wenn man als Sportler natürlich an Erfolgen gemessen wird. Ich hatte elf richtig geile Jahre mit den Jungs. Das ist für mich, was zählt.
Wie schwer fiel es, die WM am Spielfeldrand zu kommentieren?
KRETZSCHMAR: Der Job als WM-Kommentator hat extrem Spaß gemacht. Am Anfang und am Finaltag war es tatsächlich nicht einfach, doch ich hatte ja genügend Zeit, um Abschied zu nehmen. Zudem hat Torsten Jansen auf Linksaußen eine Riesen-WM gespielt. Es war für mich einfach auch gut, zu sehen, dass kein Bedarf ist.
Heiner Brand hat Sie nach den Olympischen Spielen in Atlanta kurzzeitig aus dem Kader geschmissen. Wie steht's heute um Ihr Verhältnis?
KRETZSCHMAR: Wir haben ein freundschaftliches Verhältnis. Ich bin heute weniger flippig, er ist lockerer geworden. Wir haben uns einfach angenähert.
Sie sind in der DDR groß geworden, wohnen bis heute in Magdeburg. Was bedeutet die DDR noch heute für Sie?
KRETZSCHMAR: Man kann denken wie man will darüber, aber das Sportsystem in der DDR war Voraussetzung für das, was ich heute kann. Ich hatte schon in jungen Jahren die Chance, zweimal täglich trainieren zu können. Ich mag zudem die Mentalität der Menschen im Osten. Man muss das damalige Gesellschaftssystem verstehen, um zu wissen, was die Leute prägt. Im Osten gab es keinen Egoismus, weil er schlicht nicht nötig war.
Heute ist der Osten, von Magdeburg abgesehen, ein weißer Fleck auf der Handballkarte.
KRETZSCHMAR: Weil es heute nur noch ums Geld geht, das im Osten fehlt. Nach der Wende hat man im Zuge der Doping-Diskussion alle Sportschulen zerschlagen, die man heute mühsam wieder aufbaut. Da wurde blindlings alles kaputt gemacht. Für den Spitzensport im Osten war das eine Katastrophe.
Sie haben sich in der Öffentlichkeit nie verbogen, auch wenn's weh tat. Vermissen Sie das heute beim Nachwuchs manchmal?
KRETZSCHMAR: Ich merke schon, dass junge Sportler heute sehr Marketing-orientiert denken. Es geht darum, sich gut zu verkaufen. Doch die Fans sind nicht doof. Die merken ganz genau, wer authentisch ist und wer nicht.
Welchen Tipp würden Sie dem Handballnachwuchs mit auf den Weg geben?
KRETZSCHMAR: Erfolg ist harte Arbeit. Man wird nicht über Nacht zum Superstar, auch wenn dieser ganze Casting-Scheiß im Fernsehen was anderes sagt. Um ein guter Handballer zu werden, musste ich zehn Jahre knallhart arbeiten. Leider sind heute nur noch wenige Kids bereit dazu.
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