Lokales

Orientierung durch Schilder und Rituale

Teckboten-Serie „Beste Freunde“ – Heute: Bianca Alagna und Cora Jahke treffen sich im AKB

Cora Jahke (links) und Bianca Alagna beim gemeinsamen Aufwärmen in ihrer Sportgruppe.Foto: Jean-Luc Jacques
Cora Jahke (links) und Bianca Alagna beim gemeinsamen Aufwärmen in ihrer Sportgruppe.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Bianca Alagna und Cora Jahke kennen einander schon seit vielen Jahren. Beide treffen sich regelmäßig bei Veranstaltungen des

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AKB (Aktionskreis für Menschen mit und ohne Behinderung) – vor allem auf Freizeiten und in der Mittwochs-Sportgruppe. Die Freundschaft zwischen beiden hat sich über Jahre hinweg entwickelt und dabei auch immer wieder gewandelt.

„Ich kenne Cora schon lange, schon von klein auf“, sagt Bianca, die immerhin 15 Jahre älter ist. Bianca Alagna ist voll des Lobes über das kleine Mädchen von einst, das jetzt schon seit nahezu sieben Jahren Mitarbeiterin des AKB ist: „Die macht das sehr gut, und ich verstehe mich auch sehr gut mit ihr. Sie ist eine nette Betreuerin.“

Das gegenseitige Verständnis war schon früh ausgeprägt, wie eine von Biancas Lieblingsgeschichten zeigt: Cora Jahke wurde als Kind zusammen mit ihrem Bruder immer wieder von der Mutter zum AKB mitgenommen, bevor sie schließlich selbst Mitarbeiterin wurde. Eine dieser Veranstaltungen war ein gemeinsames Schwimmen, wie Bianca Alagna erzählt: „Wir waren mal im Hallenbad. Das ist schon lange her, und Coras Bruder konnte noch nicht richtig schwimmen. Ein Kollege von mir hat die beiden Kinder immer geärgert. Das fand ich nicht Ordnung, und das habe ich ihm auch gesagt. Er sollte sie in Ruhe lassen. Wenn’s um die Kinder geht, dann streite ich mich auch.“

Mittlerweile hat sich die Situation grundlegend geändert: Wer Cora neben Bianca sieht, kommt eher auf die Idee, dass die zart und zerbrechlich wirkende Bianca Hilfe und Beistand benötigt. Ihre 36 Jahre sieht man Bianca nämlich nicht an. „Mich schätzen viele jünger ein“, sagt sie und hat auch gleich eine Erklärung dafür: „Das liegt auch daran, dass ich so klein bin.“

Hilflos ist Bianca Alagna im Alltag aber keineswegs. Lediglich mit der Orientierung hapert es, wenn sie nicht in ihrer vertrauten Umgebung ist: „Wenn ich mich irgendwo nicht auskenne, finde ich alleine schwer zurück.“ Deshalb ist sie auch froh, dass sie fast ihr gesamtes Leben in Kirchheim wohnhaft war: „Hier kenne ich mich aus.“

Trotzdem ist sie aber aufgeschlossen dafür, im Urlaub auch eine neue Umgebung kennenzulernen. Besonders gerne geht sie mit dem AKB auf Freizeiten – im Idealfall natürlich begleitet von Cora. Und Cora berichtet auch gleich von der letzten gemeinsamen Freizeit an der Nordsee: „Da war das Haus so verwinkelt, dass wir für Bianca Schilder malen mussten.“ So konnte sie sich in dem Gebäude immerhin zurechtfinden. Für Orientierung war gesorgt.

Selbst beruflich scheut Bianca Alagna nicht vor neuen Herausforderungen zurück. Nach acht Jahren „Werkstatt“ in der gemeinnützigen GmbH „WEK“ hat sie sich zugetraut, in die Außenarbeitsgruppe nach Bissingen zu wechseln, zu Reinert Kunststofftechnik. „Am Anfang war das für mich verwirrend“, sagt sie, „wegen der Orientierung. Aber ich wollte mal was anderes ausprobieren.“ – Jeden Tag wird sie in Kirchheim, wo sie bei ihrer Mutter wohnt, zusammen mit drei Kollegen von einem Bus abgeholt und nach Bissingen chauffiert.

Ihr Berufswunsch wäre eigentlich Erzieherin gewesen. Sie durfte sich auch einmal versuchsweise als Kindergartenhelferin betätigen, eine dauerhafte Stelle gab es für sie allerdings nicht. So musste sie sich nicht nur von ihrem Traumberuf verabschieden, sondern auch von den Kindern, mit denen sie damals als Helferin zu tun hatte: „Das ist mir sehr schwergefallen.“

Zur Art ihrer Behinderung sagt die lebenslustige 36-Jährige: „Erst als ich eingeschult worden bin, hat man festgestellt, dass bei mir was nicht stimmt. Vorher hat man das gar nicht gemerkt. Ich war in einem ganz normalen Kindergarten und bin da auch alleine hingegangen.“ Biancas Schwerhörigkeit wird per Hörgerät ausgeglichen. Was aber tatsächlich die Ursache für die Behinderung ist, „das wissen wir nicht“. Vielleicht habe es damit zu tun, „dass ich mit Kaiserschnitt zur Welt gekommen bin und fünf Mal die Nabelschnur um den Hals hatte“.

Bianca Alagnas Bruder, der vier Jahre älter gewesen wäre als sie, ist bei der Geburt gestorben, wie sie erzählt. An ihn denkt sie oft, und dabei fragt sie sich immer: „Wie wäre es wohl, einen älteren Bruder zu haben?“ Ein Bruder hätte ihr vielleicht noch eine ganz andere, zusätzliche Orientierung geben können.

Ordnung und feste Rituale sind für Bianca Alagna wichtig, zum Beispiel auch beim Sport am Mittwoch. Zur Begrüßung bilden alle einen Kreis, und alles läuft zunächst nach festen Regeln ab. „Das finde ich gut“, meint sie. Anschließend kann alles Mögliche auf dem Programm stehen: Gymnastik, Hockey, Fußball, Basketball, Volleyball, Speedball oder auch „Abschießerles“. Egal, was in der Sporthalle gemacht wird, für Bianca steht fest: „Es macht Spaß.“

Cora Jahke ergänzt, dass es in der Sportgruppe des AKB gerade auch um diesen Spaßfaktor geht: „Da steht nicht nur der Sport im Mittelpunkt, sondern auch das Reden und die Gemeinschaft.“ Nicht anders ist das bei den bereits erwähnten Freizeiten, die der AKB anbietet. Eine dieser Freizeiten war eine Segelfreizeit im Jahr 2006. Für Cora Jahke, die eine Tante mit Behinderung hat, war das der Anfang, um sich künftig selbst als Mitarbeiterin zu engagieren.

Sport und Freizeiten sind das eine. Das andere sind die verschiedenen Clubs des AKB in der Saarstraße, in denen sich die Mitglieder des Arbeitskreises regelmäßig treffen. Mitarbeiter wie Cora Jahke organisieren für ihren jeweiligen Club ein abwechslungsreiches Programm.

Allerdings muss sich die 21-jährige Holzmadenerin, die an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart Informatik studiert, ihre Zeit ganz anders einteilen als früher noch zu Schulzeiten. Die Zeit für ihr ehrenamtliches Engagement wird dadurch immer knapper. Ihre Freundin Bianca Alagna verweist deshalb im Gespräch vorsichtshalber schon einmal darauf, dass der Aktionskreis immer auf der Suche nach neuen Mitarbeitern ist.

Dann aber spricht sie schon wieder von dem Ereignis, auf dass sie sich am meisten freut: die nächste Freizeit. Dieses Mal soll es in die Toskana gehen, und Italien hat für Bianca schon einen besonderen Stellenwert. Nicht nur ihr Name ist italienisch, sie hat auch noch Verwandte in Italien, und außerdem kennt sie die Sprache sogar ein wenig. Weil Cora mit von der Toskana-Partie sein wird, kann es eigentlich nur traumhaft schön werden.