Kirchheimer Umland

Die Faszination des Unterirdischen

Großprojekt Der Kirchheimer Frank Brodbeck ist Tunnelbauer aus Leidenschaft. Sein Beruf hat ihn im Laufe der Jahre nahezu um die ganze Welt bis Australien geführt. Seine aktuelle Baustelle liegt ausnahmsweise direkt vor der Haustür. Von Iris Häfner

Frank Brodbeck präsentiert den Plan für den Albvorlandtunnel in Kirchheim.Foto: Jean-Luc Jacques
Frank Brodbeck präsentiert den Plan für den Albvorlandtunnel in Kirchheim.Foto: Jean-Luc Jacques

Die Anfahrtsskizze zum Containerdorf für die ICE-Baustelle in Wendlingen ist nur bedingt hilfreich. Befindet man sich erst im Baustellen-Labyrinth, versucht man sich zu orientieren. Der Übergang von Straße, Straßenkreuzung und angrenzendem Naturboden ist fließend - so erscheint die Situation zumindest für den ungeübten Besucher auf dem schlammverschmierten Untergrund.

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Für Frank Brodbeck ist es die tägliche Anfahrt zu seinem Büro. Der Tunnelbauer kann einem ungewohnten Luxus frönen: Er hat ausnahmsweise die Baustelle direkt vor der Haustür. In Kirchheim aufgewachsen und mit dem Abitur in der Tasche, zog es ihn zum Studium nach München. „Bis zum Vordiplom war ich in Geologie eingeschrieben, dann aber interessierte ich mich mehr für das Technische, und so verlegte ich meinen Schwerpunkt auf Tunnelbau“, erzählt Frank Brodbeck im blitzeblanken Besprechungsraum des Container-Komplexes.

Die Entscheidung hat er nicht bereut, führte ihn sein Beruf doch um die halbe Welt. Seine Diplomarbeit befasste sich mit der Frage, was die Vortriebsgeschwindigkeit der Maschinen bestimmt. Die Daten dazu lieferte der drei Kilometer lange Schwarzachtunnel im Salzburger Land. Nach dem Studium ging es zunächst nach Niederhessen. Dort wurde die ICE-Strecke Köln-Rhein/Main gebaut, und wie zwischen Stuttgart und Ulm gibt es mehrere Tunnel. „Zur A 3 gab es nur eine geringe Überdeckung von fünf Metern“, erinnert er sich an die Herausforderung.

„Als Geologe hat man immer Vorteile, wenn es um das Verständnis von Gebirgsverhalten und die damit zusammenhängende Interaktion geht“, kann Frank Brodbeck auch heute noch auf seine Geologie-Kenntnisse zurückgreifen. In einem Tunnel können sich Lockerböden und stark verwitterter Fels mit festem Gestein abwechseln. Zwischen Kirchheim und Wendlingen gibt es beispielsweise bindiges, toniges Schiefergestein, gemeinhin als Letten bekannt. Ganz andere Verhältnisse herrschten dagegen beim Lötschberg-Basistunnel zwischen dem Berner Oberland und dem Wallis. Dort kam eine Hartgesteinsmaschine zum Einsatz. Bei diesem Tunnelprojekt war Frank Brodbeck ab 2002 tätig. „Als Abschnittsbauleiter war ich für den maschinellen Vortrieb verantwortlich“, erzählt der Ingenieur. „Das war eine logistische Herausforderung - mittlerweile ist es jedoch normaler Arbeitsalltag“, sagt er im Rückblick.

Von den Schweizer Alpen ging‘s stante pede Richtung Nordsee. In Rotterdam waren ganz andere Herausforderungen beim Bau des Metrotunnels Statenweg zu bewältigen. Statt hartem Gestein gibt es einen hohen Grundwasserspiegel und weichen Sandboden - und die Zwillinge wurden dort geboren. Der große Bruder war zu dem Zeitpunkt immerhin schon zwei Jahre alt.

Strahlende Augen bekommt Frank Brodbeck, wenn er an seine Zeit in Australien denkt. Von 2007 bis 2010 war er mit Frau und Kindern in Down Under und buddelte sich in Brisbane unter dem gleichnamigen Fluss durch. „Das war das erste Tunnelprojekt in der Stadt“, erklärt der Kirchheimer über seine bislang beeindruckendste Station. Er baute an der Clem 7, der Straße, die 60 Meter unter der Wasseroberfläche das Zentrum unterquert und innerstädtisch den Verkehr durchleitet. Begeistert denkt er an diese Zeit zurück. „Australien mit drei Kindern kennenlernen zu dürfen, ist toll. Das Klima ist klasse, das ganze Leben spielt sich mehr oder weniger an den Küsten ab“, kann er dem Lifestyle mit Sonne, Strand und Meer samt der dazugehörigen Leichtigkeit des Lebens viel abgewinnen. „Jeden Tag Sonnenschein bei 25 bis 30 Grad und bestem trockenen Klima - das hat Einfluss auf die Gemüter. Die Australier sind sehr gut drauf und relaxed“, beschreibt er die Wechselwirkung zwischen Witterungsbedingungen und Mentalität.

Nur sechs Wochen lagen zwischen den Baustellen in Holland und dem Fünften Kontinent. Wesentlich länger dauerte es, bis die Familie wieder nach Deutschland kam. Vier Wochen, nachdem die Zelte in Brisbane abgebrochen waren, hieß die nächste Station bis 2013 dann Singapur. Dort wurde und wird die U-Bahn erweitert. „Sehr harter Granit und Gestein, das schnell versandet, wechseln sich hier ab. Das macht die Arbeiten anspruchsvoll“, verdeutlicht der Ingenieur. Von Singapur war die Anreise nicht ganz so weit wie die 25 Flugstunden von Australien. „Fünf Jahre waren wir nicht zu Hause, dann haben wir Urlaub in Deutschland gemacht“, erinnert sich Frank Brodbeck.

Zurück in die alte Heimat ging es 2013. Während die Familie in Kirchheim wohnte, arbeitete der Vater in Berlin an der U 5, die zentral vom Roten Rathaus bis zum Brandenburger Tor führt. Die Herausforderung bei dieser Linie war die Spree und deren Unterquerung. „Es gibt solche Vagabunden, die so was gern machen“, sagt Frank Brodbeck über sich und seine Zunft. Montag bis Freitag lebte er in der Hauptstadt, am Wochenende setzte er sich in der Regel in den Flieger statt ins Auto, um nach Hause zu kommen.

Seit Mai 2015 ist der Anfahrtsweg zur Arbeit deutlich kürzer geworden. Die Strecke bis Wendlingen ist selbst im täglichen Verkehrs-Chaos ein Klacks - erst recht mit einem leistungsstarken Motorrad. Mit dem Büroumzug nach Kirchheim zur Baustelle am Tunnelkopf kann er gar zu Fuß zur Arbeit gehen. „Als ich in Wendlingen ankam, war das hier alles eine grüne Fläche, der Hof Bohnacker war schon weg“, erinnert sich der Ingenieur.

Wasser, Abwasser, Baustelleneinrichtung - alles muss für die temporäre Arbeitsstätte in Kirchheim geplant und gebaut werden. Dazu zählt etwa eine Gewässerschutzanlage, in der alles Wasser aufbereitet wird, das mit der Baustelle in Verbindung kommt, erst dann darf es in der Gießnau weiterfließen. Die maximale Menge ist genau definiert, weshalb auch Regenrückhaltekapazität eingeplant sein muss.

Spätestens Mitte 2019 ist für Frank Brodbeck das Kapitel Albvorlandtunnel abgeschlossen. „Ich mache mir keine Gedanken, was danach kommt. Das sind immer kurzfristige Entscheidungen“, sieht er der Zukunft gelassen entgegen. Irgendwo auf dem Erdball wird schließlich immer ein Tunnel gegraben.