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Die Kunst hat das Nachsehen

Kultur Der Bissinger Trompeter Jonathan Müller spielt im berühmten Leipziger Gewandhausorchester. Von der Politik fühlte sich der Künstler während der Corona-Zeit vergessen. Nun freut er sich auf den Neustart. Von Thomas Zapp

Zwischen zwei Welten: Zeit für einen Besuch in Bissingen hatte Jonathan Müller in den vergangenen Wochen mehr als ihm lieb war:
Zwischen zwei Welten: Zeit für einen Besuch in Bissingen hatte Jonathan Müller in den vergangenen Wochen mehr als ihm lieb war: Hier zeigt er Freundin Carmen den See. Foto: Markus Brändli

Am 12. September darf Jonathan Müller in der Leipziger Thomaskirche wieder einmal vor einem größeren Publikum spielen. Johann Sebastian Bachs Motette „Sanctus bis Dona nobis pacem“ aus der Messe in h-Moll steht auf dem Programm, maximal 250 Zuhörer sind an diesem Tag zugelassen. Für den Bissinger Musiker geht damit eine lange Leidenszeit zu Ende. Denn seit der zweiten Märzwoche muss der Spitzentrompeter sich in Form halten, ohne sein Können auf Konzerten zeigen zu können. Zwar übt er täglich, doch fällt ihm das deutlich schwerer als zu „normalen“ Zeiten. „Man hat ja kein Publikum, und man übt für ein Ziel, das es nicht gibt“, sagt er. Müller spielt nicht irgendwo, sondern in einem Ensemble von Weltrang: Dem Leipziger Gewandhausorchester. In der Corona-Zeit hätte er rund 100 Auftritte gehabt, schätzt er.

In Arbeitskleidung zeigt ihn das  Foto im Gewandhaus. Foto: Tobias Rentzsch
In Arbeitskleidung zeigt ihn das  Foto im Gewandhaus. Foto: Tobias Rentzsch

Den Profis erging es in den vergangenen Wochen und Monaten nicht anders als den Hobbymusikern in Blaskapellen oder Chören: Konzerte mit Publikum waren nicht erlaubt. „Man konnte nicht langfristig planen. Alle zwei Wochen kamen neue Informationen, dass wieder alle Konzerte gestrichen werden“, erzählt Jonathan Müller. Zwar gab es kleinere Auftritte in Gärten und Innenhöfen von Seniorenresidenzen oder ab Mai auch auf kleineren Veranstaltungen im Freien, die immerhin wieder einen Hauch von Konzert- atmosphäre brachten. Seine Auftritte kann Jonathan Müller aber an einer Hand abzählen, denn es durften stets maximal fünf Musiker gleichzeitig spielen. „Wir haben 185 Mitglieder, da war die Idee, dass möglichst jeder mal drankommen soll“, erzählt er.

Finanziell steht der 30-Jährige als Angestellter des städtischen Orchesters immerhin auch in Corona-Zeiten auf der sicheren Seite. Anders sieht es bei seiner Freundin Carmen Alcantara Fernandez aus. Die spielt als Harfenistin ebenfalls im Gewandhausorches- ter, aber auf Honorarbasis. Ihre Einkünfte belaufen sich derzeit auf null. Auch staatliche Hilfen kann sie kaum in Anspruch nehmen, da sie keine Betriebskosten hat.

Bei allen Einschränkungen hat Jonathan Müller aber Verständnis für die Corona-Maßnahmen. Nur sollte man alle Gruppen gleichermaßen behandeln, findet er. „Ich finde es unverständlich, dass Flieger voll sind, ohne dass ein Mindestabstand eingehalten wird. Aber Theater und Konzertsäle auch mit Abstand zwischen den Zuhörern nicht öffnen durften“, sagt er. Er hat das Gefühl, dass man an die Kulturschaffenden zuletzt gedacht hat. „Überall geht etwas, nur bei den Künstlern nicht. Man dachte wohl, auf die kann man am ehesten verzichten“, sagt er. Das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, schmerze am meisten.

Der Sohn des Bissinger Gemeindepfarrers hat hart für den Platz im Gewandhausorchester gearbeitet, ließ auf die Musikschule in Fellbach ein Studium in Karlsruhe folgen und hatte sich dann 2013 bei einem Vorspielen gegen 350 Kandidaten aus der ganzen Welt durchgesetzt. Seitdem ist er in dem Spitzenensemble dabei und trat schon in berühmten Konzerthallen in Korea, China, Japan und den USA auf, auch Europa hat er „fast komplett“ bereist. Umso schmerzlicher war für ihn die Zeit der Untätigkeit.

Nun gibt es mit dem Konzert in der Leipziger Thomaskirche immerhin wieder ein Ziel. Wie genau der Ablauf sein wird, ist für den Bissinger aber noch eine Unbekannte. „Wie die neuesten Regeln sind, weiß ich noch nicht. Wir haben bis jetzt noch keine neuen Informationen bekommen. Deshalb gehe ich davon aus, dass wir mit zwei Meter Abstand spielen werden.“ Die Anzahl der Musiker hängt dann dementsprechend von der Größe der Bühne ab. Das Problem: 80 Musiker passen mit den Abstandsregeln nicht auf die Bühne. Müllers Instrument gilt als besonders problematisch: So brauchen laut der Verwaltungs Berufsgenossenschaft VBG Bläser bis zu zwölf Meter Abstand zur nächsten Person in Blasrichtung, in die anderen Richtungen drei Meter. Manche empfehlen einen zusätzlich Plexiglasschutz und ein dünnes Tuch vor dem Schalltrichter. „Das haben wir nicht. Teilweise wird mit Plexiglaswänden zwischen den Musikern gespielt. Aber soweit ich weiß, spielen wir ohne“, glaubt Jonathan Müller. Trotz des Lichtblicks ist es noch ein weiter Weg zurück zur Normalität.

Geschichte des Gewandhausorchesters

Das Sinfonieorchester gehört international zu den führenden Klangkörpern und gilt mit derzeit 185 Berufsmusikern als weltweit größtes Berufsorchester. Das offiziell 1743 gegründete Ensemble ist das älteste bürgerliche Konzertorchester im deutschsprachigen Raum. Die Chefdirigenten tragen den Titel „Gewandhauskapellmeister“. Seit Februar 2018 ist das der Lette Andris Nelsons. Die Liste seiner Vorgänger reicht von Felix Mendelssohn Bartholdy über Wilhelm Furtwängler bis Kurt Masur.

Hervorragende Solisten traten im Alten Gewandhaus auf, zum Beispiel Wolfgang Amadeus Mozart, Robert und Clara Schumann, Niccolò Paganini, Franz Liszt oder Frédéric Chopin.

Seit 1981 spielt das Orchester im Neuen Gewandhaus am Augustusplatz. Es ist das dritte Leipziger Gewandhaus und hatte wie sein Vorgänger nichts mehr mit der Gewerbehalle der Tuchhändler gemein. Das war der ursprüngliche Zweck des ersten Hauses. zap

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