Weilheim und Umgebung

Urgestein und beredte Zeitzeugin

Die Bissinger Lamm-Wirtin Else Ederle ist mit 94 Jahren gestorben

Else Ederle, Lamm-Wirtin und Bissinger Urgestein, ist im Alter von 94 Jahren am Sonntag in den frühen Morgenstunden gestorben. Die Cousine von Gertrud Ederle, der ersten Frau, die den Ärmelkanal durchschwommen hat, war mit ihrem phänomenalen Gedächtnis eine beredte Zeitzeugin.

Else Ederle, die bekannte Lamm-Wirtin aus Bissingen, wurde 94 Jahres alt. Foto: Jean-Luc Jacques
Else Ederle, die bekannte Lamm-Wirtin aus Bissingen, wurde 94 Jahres alt. Foto: Jean-Luc Jacques

Bissingen. Sie wusste wie keine Zweite in Bissingen, Geschichten und Anekdoten aus alten Zeiten zu erzählen. Und ihre Gäste hörten der Urschwäbin gerne zu. Dabei nahm es der Lamm-Wirtin niemand übel, wenn sie „gradraus“ sagte, was sie dachte.

Else Ederle stammte aus einer großen Familie. Ihre Großeltern väterlicherseits hatten 20 Kinder, und die Enkel waren so zahlreich wie die Feigen vor ihrer Gastwirtschaft. Die Lamm-Wirtin, die noch eine Schwester und einen Bruder hatte, erblickte am 4. August 1920 das Licht der Welt und wurde mit sieben Jahren eingeschult. Ebenso lange drückte sie die Schulbank. Danach arbeitete sie zwei Jahre lang bei Kolb & Schüle in der Bissinger Weberei. Doch ihre Arbeitskraft wurde zunehmend in der großelterlichen Landwirtschaft gebraucht, denn ihr Großvater, Lamm-Wirt Johann Georg Ederle, besaß nicht nur das Wirtshaus, sondern auch zahlreiche Felder, Äcker und Baumwiesen.

Die Arbeit war hart. Davon erzählte Else Ederle zu Lebzeiten oft. Doch ebenso gerne berichtete sie ihren Gästen vom Sommer 1926. Damals hatte Cousine Gertrud „Trudy“ Ederle in Rekordzeit als erste Frau den Ärmelkanal durchschwommen. Das war nicht nur in New York, wo „Trudy“ lebte, begeistert gefeiert worden. Auch die Bissinger hatten die Rekordschwimmerin mit Lampions, Musik und Ansprachen empfangen, denn ihr Vater, Hans Ederle, war ein Sohn der Seegemeinde, der in jungen Jahren nach Amerika ausgewandert war. Einmal mehr war das „Lamm“ zum Mittelpunkt der großen Ederle-Familie geworden.

Freilich kam in der alten Wirtsstube nicht nur die Verwandtschaft zusammen. Else Ederle, die die Gastwirtschaft im Jahr 1960 nach dem Tod ihres Vaters übernommen hatte, beherbergte wandernde Handwerksburschen und Künstler, bediente Gäste aus nah und fern, versorgte Vereine und nimmt nun die Geheimnisse so manch legendärer Nachsitzung des Gemeinderats mit ins Grab. Nicht selten setzte sie mit ihrer Kochkunst so manchen Feinschmecker in Erstaunen. Selbst in Stuttgart galt die vermutlich älteste Schildwirtschaft Bissingens als Geheimtipp. Es waren eben nicht nur die mit viel Liebe und Kreativität zubereiteten Leibspeisen, die bei den Gästen gut ankamen, sondern auch die besondere Atmosphäre der Gaststube und die umtriebige Wirtin selbst, die so manch interessante Anekdote aus ihrem bewegten Leben zur Unterhaltung beisteuerte. Wenn sie erzählte, wurde Vergangenheit Gegenwart.

Seit ihrem 65. Geburtstag aber machte ihr Herz Else Ederle immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Die resolute Wirtin ließ es nicht gelten und hielt dagegen. Auch von zwei künstlichen Hüften ließ sie sich nicht beirren, nahm aber in den letzten Jahren gerne Hilfe in der Schankstube an. An ihrem 90. Geburtstag sagte sie noch: „I het nie dacht, dass i so alt werd.“ Nun, sie wurde 94 Jahre alt, und wollte eigentlich noch ihren 95. Geburtstag feiern. Mit Else Ederle wird ein Stück Bissinger Gastronomiegeschichte zu Grabe getragen. Am Samstag werden ihre Verwandten und die Bevölkerung der Seegemeinde im Rahmen der Trauerfeier auf dem Bissinger Friedhof von ihr Abschied nehmen.

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