Kirchheim

Ein krummer Buckel für acht Euro

Die Spargelernte hat begonnen – Erzeuger rechnen trotz Mindestlohn mit stabilen Preisen

Seit heute findet man sie wieder an Straßen und Feldrändern: Mit Eröffnung der mobilen Verkaufsstände hat für Liebhaber von Spargel aus der Region die schönste Zeit des Jahres begonnen.

Bei der Spargelernte sind Erfahrung und geschickte Hände gefragt. Die  weißen Stangen sind verletzlich und brechen schnell.Fotos

Bei der Spargelernte sind Erfahrung und geschickte Hände gefragt. Foto: Carsten Riedl

Kirchheim. Ware aus Spanien, Italien oder Griechenland fand wie jedes Jahr als erste den Weg in die Supermarktregale. Seit Mitte vergangener Woche heißt es auch für regionale Erzeuger: Das lange Warten ist vorbei. Heerscharen von Saisonarbeitern machen in den kommenden zehn Wochen bis zum offiziellen Ernteschluss am 24. Juni für deutsche Gaumenfreuden den Buckel krumm. Dafür erhalten sie in diesem Jahr erneut mehr Lohn. Acht Euro beträgt der tariflich ausgehandelte Mindestlohn in der Landwirtschaft. 50 Cent weniger als der reguläre Satz, immerhin 60 Cent mehr als im Vorjahr. Ein Sonderweg.

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Tibi Lörincz ist einer von ihnen. Wenn der 48-jährige Rumäne nicht Spargel sticht, steuert er einen Linienbus durch seine Heimatstadt Carei unweit der ungarischen Grenze. Seit 14 Jahren ist er Stammkraft bei der Firma Henzler in Großbettlingen, dem größten Spargelproduzenten und Direktvermarkter im Kreis Esslingen. Die meisten seiner Kollegen stammen aus Rumänien, Kroatien oder Polen. 70 Tage im Jahr dürfen sie hier sein. Über seinen Arbeitgeber lässt Lörincz nichts kommen. Er ist harte Arbeit gewohnt.

Auf dem Henzlerschen Rammerthof sind während der Haupterntezeit auf den Spargel- und Beerenfeldern bis zu 150 Helfer im Einsatz. Vergangenes Jahr haben sie 150 Tonnen der edlen Stangen aus dem Boden geholt. Gewohnt wird während dieser Zeit direkt auf dem Hof. In Wohnungen, die während drei Viertel des Jahres leer stehen. Seit vergangenem Donnerstag, dem Erntebeginn, ist auf dem Rammerthof neues Leben eingekehrt. Der moderne Gebäudekomplex mit seinen weiträumigen Auslagen in verkehrsgünstiger Lage demonstriert Marktstärke. Für Bauernhof-Idylle ist hier kein Platz. 70  Prozent der hofeigenen Spargelproduktion, die sich auf 35 Hektar Anbaufläche im weiten Umkreis verteilt, findet an 32 Verkaufsstellen am Straßenrand und auf Wochenmärkten Abnehmer. Der Rest geht an Großhändler. Ein Geschäft, das sich lohnt. „Immer mehr Leute greifen lieber auf Produkte zurück, die aus der Region kommen“, sagt Betriebsleiter Guido Henzler.

Die Preisspanne ist groß. Zwischen sechseinhalb und zehn Euro kostet das Kilo weißer Spargel in der Hauptsaison. Henzler rechnet damit, dass dies auch in diesem Jahr so bleibt, trotz gestiegener Lohnkosten. Alles hängt von der Witterung ab. Lieber warm als zu kalt, Regen ja, aber nicht zu viel. Keine Hitze. „Die nächsten acht Wochen sind entscheidend“, sagt Guido Henzler, dessen Vater Mitte der Neunzigerjahre einer der ersten war, der abseits der traditionellen Anbaustätten auf das königliche Gemüse setzte. Heute macht die kurze Spargelsaison ein Drittel des Jahresumsatzes aus. Eine intensive Zeit, die Ende Juni noch lange nicht endet. Bis dahin hat längst die Beerenernte begonnen.

Bei der Spargelernte sind Erfahrung und geschickte Hände gefragt. Die  weißen Stangen sind verletzlich und brechen schnell.Fotos

Die weißen Stangen sind verletzlich und brechen schnell. Foto: Carsten Riedl

Heilpflanze und Edelgemüse

Schon vor 5 000 Jahren sollen die Ägypter Spargel gekannt und als „in der Liebe nützlich“ geschätzt haben. Die Griechen nutzten den wild wachsenden Spargel als Arznei, vor allem wegen seiner harntreibenden Wirkung.

Römer als Vorreiter

Die Römer sollen den Spargel, wie wir ihn heute kennen, erstmals kultiviert haben. Die ausführliche Anbau-Anleitung von Marcus Portius Cato (234–149 v. Chr.) deutet darauf hin, dass Spargel bei den Römern ein geschätztes Gemüse war, das gerne auch als Vorspeise von wohlhabenden Römern genossen wurde.

Grüner Spargel bevorzugt

Vermutlich führten die Römer den Spargel nach Deutschland ein. Andere Quellen behaupten, zurückkehrende Kreuzfahrer hätten in der Mitte des 13. Jahrhunderts Spargelsamen mitgebracht. Zunächst wurde er wohl eher als Arzneimittel, weniger als Gemüse angebaut. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts sollen die ersten Spargelbeete im „Stuttgarter Lustgarten” angepflanzt worden sein. Erste Anbaugebiete in Deutschland entstanden im 17. Jahrhundert. Bevorzugt wurde der grüne Spargel. Erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich in Deutschland der weiße Spargel allgemein durch.

Offizielle Arznei

Noch im 19.  Jahrhundert schätzte man Spargel auch wegen seiner vermeintlichen Heilwirkung. So war Spargel im amtlichen Arzneibuch vermerkt, musste also in Apotheken vorrätig sein.

Produktion wächst

Nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes ist Spargel heute in Deutschland „eine besonders wichtige Gemüsekultur“. 2015 betrug die Spargelernte 113 000 Tonnen. Das reichte für knapp 1,5 Kilogramm pro Bundesbürger. Dieses Jahr werden bundesweit auf 20 594 Hektar Spargel angebaut. Spitzenreiter ist Niedersachsen mit 4 443 Hektar, gefolgt von Nordrhein-Westfalen (3 453), Brandenburg (2 861), Bayern (2 670) und Baden-Württemberg (2 217 Hektar). Auch in der Region Stuttgart gibt es mittlerweile viele Landwirte, die die köstlichen Stangen als Marktchance für sich entdeckt haben.

Bis Johanni

Geerntet wird das Gemüse sechs bis acht Wochen lang. Ende ist in Deutschland traditionell am 24. Juni, dem Johannistag.ez