Kirchheim. Im Altkreis Nürtingen sind die Bezirke der Notfallpraxen seit Januar 2012 größer gestaltet. Wer wochentags zwischen 19 Uhr abends und 7 Uhr morgens einen Arzt braucht, kann in die Notfallpraxis Nürtingen kommen. Wer nicht fahren kann, bekommt Besuch. Ein Arzt deckt die Hausbesuche in dem Bezirk ab, der von der Alb bis auf die Fildern reicht. An Wochenenden sind die drei Notfallpraxen in Kirchheim, Nürtingen und auf den Fildern, die in den Krankenhäusern untergebracht sind, rund um die Uhr geöffnet. Tagsüber machen außerdem zwei Ärzte Hausbesuche, nachts einer.
Solche effizienten Bereitschaftsdienst-Modelle streben die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg und die Landesärztekammer landesweit an. Der Altkreis Nürtingen mit seiner Ärzteschaft sei dabei vorbildlich, betont Dr. Ulrich Clever bei seiner Visite im Kirchheimer Krankenhaus.
Die Vergrößerung der Bezirke hat aus Sicht der niedergelassenen Ärzte, die die Notfallpraxen betreiben, und des Präsidenten der Landesärztekammer nur Verbesserungen gebracht. Erstens, so der Kirchheimer Orthopäde Dr. Friedemann Tittor, weil Ärzte weniger Bereitschaftsdienste übernehmen müssen. Während beispielsweise die Kirchheimer Mediziner vor der Vergrößerung der Bezirke im Schnitt alle fünf Wochen in der Notfallpraxis Dienst schieben mussten, sind es jetzt noch etwa zwei bis drei Dienste im Jahr. Dazu kommen noch die Fahrdienste für Hausbesuche.
„Außerdem waren der Nachtdienst und die Fahrdienste für die Ärzte bisher mit einem großen Verlust verbunden“, sagt Friedemann Tittor, der im Vorstand der Ärzteschaft Nürtingen und der Notfallpraxis sitzt. Die Ärzte hätten mit ihren Praxisverdiensten die Notfallpraxen, die als gemeinnützige Vereine organisiert sind, quersubventionieren müssen. In Baden-Württemberg sind einige Praxen von der Insolvenz bedroht. „Wir hoffen, dass wir durch die effizientere Struktur auf null herauskommen“, so Friedemann Tittor.
Der Präsident der Landesärztekammer liefert ein zweites Argument, warum an einem effizienteren Bereitschaftsdienst-Modell kein Weg vorbeigeht. „Angesichts des zunehmenden Ärztemangels wird es gar nicht anders gehen“, sagt er. Schon heute sei es schwer, junge Ärzte zu finden, die in kleineren, ländlichen Gemeinden Praxen übernehmen wollen. „Wenn die erfahren, dass ihre Arztkollegen 60 Jahre alt sind und sie damit bald allein dastehen, lehnen die dankend ab“, weiß Ulrich Clever. Die Tatsache, dass immer mehr Ärzte weiblich sind, macht das Problem noch größer: Ständige Bereitschaftsdienste schmälern die Chance, Kind und Job unter einen Hut zu bekommen.
Allerdings stößt das Modell nicht überall auf Gegenliebe. „Es gibt Ärzte, die sich vor Ort gut eingerichtet haben, ihre Patienten kennen und lieber viele Bereitschaftsdienste machen, als ein Mal im Jahr quer durch den Bezirk zu fahren“, weiß Thorsten Lukaschewski, Vorsitzender der Ärzteschaft Nürtingen und Chefarzt der Anästhesie am Klinikum Kirchheim. Auch Ulrich Clever kennt solche „guten, ehrenwerten Landärzte“, weist aber auf die Gefahren hin: „Jeder, der irgendwann seine Praxis verkaufen will, muss wissen, dass das unter diesen Bedingungen schwierig wird.“
Auch aus der Politik kommt laut Ulrich Clever zunehmend Gegenwind. „Je mehr wir die Änderung der Bereitschaftsdienste umsetzen, desto mehr gehen Bürgermeister und Landräte auf die Barrikaden“, sagt er. Der Präsident der Landesärztekammer kennt die Sorgen, die Attraktivität der Gemeinden könne wegen längerer Anfahrtswege zur Notfallpraxis leiden. Wenn sich allerdings gar keine Ärzte mehr in den Gemeinden niederlassen, sieht er die Attraktivität erst recht gefährdet. „Das Problem der längeren Strecke“, sagt Ulrich Clever, „wird sowieso kommen.“ Beschwerden von Patienten, die längere Anfahrtswege auf sich nehmen müssen, gibt es laut Friedemann Tittor eher selten. Vorher sei oft unklar gewesen, wer überhaupt Notdienst hat. „Jetzt gibt es eine einheitliche Regelung.“
