Carsten Ramm begeisterte mit seiner Inszenierung von Max Frischs „Homo Faber“
Über die Macht der Gefühle

Kirchheim. Homo Faber, das Buch (1957), Homo Faber, der Film (1991) und jetzt auch noch Homo Faber, das Theaterstück – und Sternchenthema in Baden-Württemberg. Wie geht es weiter? Vermutlich wird sich zunächst einmal aktuell ein Twitter-


WOLF-DIETER TRUPPAT

Gewitter unter den freiwillig-unfreiwillig beim jüngsten Theaterabend des Kirchheimer Kulturrings in der Stadthalle versammelten Jugendlichen entladen, die an diesem Abend den Altersdurchschnitt des Abo-Publikums deutlich senken konnten.

Nach mit den Vertretern des etablierten Miete-Publikums gemeinsam durchlebten immerhin 150 Minuten Spielzeit nutzten sie sicherlich intensiv die Möglichkeit, durch die BLB-Inszenierung aufgeheizte Emotionen dank modernster Technik in Sekundenschnelle und heutzutage angesagter „coolness“ mit anderen zu teilen.

Denkbar unspektakulär – und wohl gerade auch deshalb ganz besonders wirkungsvoll – wurde hier einmal mehr eine altbekannte und zudem stark autobiografisch belastete Geschichte nacherzählt, die noch immer unter die Haut geht und auch im inzwischen erreichten Alter bei richtigem Umgang mit dem Inhalt immer noch nichts an Frische und Kraft eingebüßt hat.

Dass Max Frischs vor immerhin schon 55 Jahren erschienener Roman „Homo Faber“ nicht nur 21 Jahre später in der Regie von Volker Schlöndorff und mit Sam Sheppard, Julie Delpy und Barbara Sukowa im Kino Emotionen weckte, sondern auch aktuell auf der Theaterbühne immer noch berührt und Fragen aufwirft, steht fest – auch wenn sie heute vielleicht vor allem nur kurz und knapp per SMS beantwortet werden.

Dass Carsten Ramms Inszenierung in einem von ihm mit Ines Unser gemeinsam sparsam, aber gerade dadurch perfekt eingerichteten Bühnenbild offensichtlich generationenübergreifend überzeugen konnte, war den ganzen Abend über spür-, und an dem großzügig gewährten Abschlussapplaus zuletzt auch objektiv mess- und ablesbar.

Einen entscheidenden Anteil am Erfolg des jüngsten Auftritts des in Kirchheim immer gerne gesehenen Ensembles der Badischen Landesbühne Bruchsal (BLB) hatte zweifellos auch der für die musikalische Leitung der Aufführung verantwortlich zeichnende Hennes Holz.

Mit seiner in unterschiedlichsten Techniken und Stilen „bearbeiteten“ Gitarre sorgte er in der lange währenden, aber stets kurzweilig bleibenden Inszenierung immer wieder für verdienten Szenenapplaus. Er konnte mit instrumentalen Glanznummern überzeugen und auch seinen schauspielernden Kollegen dankbar angenommenen musikalischen Rückhalt bei ihren jeweiligen solistischen Auftritten gewähren.

René Laier dominierte als fragwürdiger „Held“, „Ich-Erzähler“ und letzten Endes doch auch lernfähiger und gegen seine ureigene Überzeugung zu Emotionen fähiger Ingenieur und bekennender Technokrat das Bühnengeschehen, gewährte den anderen Ensemblemitgliedern aber doch auch immer genügend Raum, sich selbst gebührend in Szene zu setzen.

Evelyn Nagel konnte in ihrer Doppelrolle als Hanna und Ivy überzeugen und wurde von Juliane Schwabe als Sabeth, als Stewardess und als die junge Hannah aus der Zeit von 1937 stimmig unterstützt.

Stefan Holm als Herbert Hencke und Philip Badi Blom in der Rolle eines jungen Mannes und von Walter Faber aus dem Jahr 1937 ergänzten das durch unterschiedlichste Zeitsprünge und Rückblenden geworfene Personal.

Bei aller gelungenen Bühnenchoreografie und zusätzlich eingesetzter effektvoller Beleuchtungsunterstützung konnte aber letztlich doch nicht ganz verhindert werden, dass die immer wieder das Geschehen weitertreibenden – oder rückblickend erklärenden – „zufälligen“ Zusammentreffen nicht nur die kühlen Wahrscheinlichkeitsberechnungen eines unerschütterlich auf Mathematik setzenden Technokraten zuweilen etwas überforderten.

Dass ein zahlen- und faktenorientierter, wissenschaftsgläubiger Mann, der sich in mehreren Parisaufenthalten nie für den Louvre, sondern allenfalls für die Statik der fest vernieteten Ingenieurleistung seines „Kollegen“ Gustav Eiffel interessiert hatte, wurde einfach und nachvollziehbar vermittelt. Sein in unerwarteter Verliebtheit völlig neuer Blick auf die Seine-Metropole ebenfalls.

Glaubwürdig und überzeugend vermittelt wurde aber auch, wie Walter Faber am Ende abenteuerlichster und zuletzt auch inzestuöser Begegnungen mit seiner stets verdrängten, unbewältigten Vergangenheit sich doch nicht mehr der Macht der Gefühle entziehen kann.

Auch wenn der wissenschaftsgläubige und zahlenorientierte Ingenieur sich lange die erhoffte Wahrheit zurechtgerechnet hatte, wurde er schuldig und zahlte mit dem tragischen Tod seiner Geliebten, die in Wahrheit seine nie gewollte Tochter war, einen unsäglich hohen Preis.

Ihr Tod und seine Mitschuld markieren dann auch den endgültigen Wandel von einem strahlenden Helden, der emotionslos registriert und reagiert, zu einem Täter, der zugleich auch tragisches Opfer ist und erstmals Gefühle zulassen und den Verstand ausblenden muss.

Die aus unterschiedlichsten Zeitebenen konstruierten Beziehungssituationen und noch unglaublicheren Begegnungen zusammengebaute Lebensgeschichte, die viele Elemente aus Max Frischs eigenem Leben aufgreift, schafft auch in der gelungenen Bühnenadaption eine überzeitliche Wahrheit und Wahrhaftigkeit.

Der gelungenen, auf jede unnötige Effekthascherei verzichtenden BLB-Inszenierung von Intendant Carsten Ramm ist das Kunststück gelungen, das Publikum mit althergebrachten theatralischen Mitteln zu verschärftem Nachdenken darüber anzuregen, was das menschliche Leben eigentlich ausmacht und es klar von in ihrer verlässlichen Funktionsweise voraussehbaren technischen Prozessen unterscheidet, die nicht Emotionen folgen, sondern nach der reinen kalten Logik der Wahrscheinlichkeit ablaufen.