Andreas Volz
Kirchheim. An der Kirchheimer Raunerschule haben die Präventionsbeauftragten des Regionalteams Esslingen einen Informationsnachmittag veranstaltet – für Lehrerkollegen ebenso wie für externe Partner der Schulen. Das zeigt schon, wie breit das Projekt aufgestellt ist. Es soll sich nämlich an alle wenden, die mit der Schule zu tun haben, und das aus einem ganz einfachen Grund: Das Thema geht alle an. Es gibt deshalb auch keine Trennung nach Schularten, und auch das kommt bei der Zusammensetzung des Regionalteams gut zum Ausdruck, denn dort sind Lehrkräfte vertreten, die von der Werkrealschule bis zum Gymnasium alles abdecken. Und nicht zuletzt berichtete an der Raunerschule auch eine Grundschulrektorin von ihren positiven Erfahrungen mit dem Programm „stark – stärker – wir“.
Zunächst einmal klingt alles nach den üblichen und bekannten Schlagwörtern, wie sie landauf, landab in sämtlichen schulischen Leitbildern und in kaum voneinander zu unterscheidenden Variationen aufgezählt sind. Und doch geht es um mehr als nur um das Verhindern von Gewaltausbrüchen. Nicht die Symptome stehen im Mittelpunkt, sondern eine nachhaltige Veränderung der Ursachen, die die Gewalt hervorbringen. Martin Silber vom Esslinger Regionalteam sprach deshalb von einem notwendigen „Denk- und Perspektivenwechsel“. Anstatt in einem schwierigen Schüler nur einen Problemfall zu sehen, sollte nachgedacht werden: „Was kann dieser Schüler gut?“
Der traditionelle Blick schaue auf die Defizite und Risikofaktoren des Schülers. Der Neuansatz dagegen solle die Ressourcen und die Schutzfaktoren in den Fokus rücken. Den Schülern soll Lebenskompetenz vermittelt werden. Die Frage sei nicht mehr die pathologische – nach dem also, was krank macht –, sondern die salutogenetische: „Was macht gesund?“
Die Gesundheitsförderung gehört übrigens nicht nur im übertragenen Sinn zu „stark – stärker – wir“. Deshalb greift es eigentlich auch zu kurz, „nur“ von einem Gewaltpräventionsprogramm zu sprechen. Die Gewaltprävention ist nämlich nur eine von drei Säulen, die zur besagten Lebenskompetenz führen. Die anderen beiden Säulen sind die Suchtprävention und eben die Gesundheitsförderung. Schließlich sah bereits der römische Dichter Juvenal einen – wenn auch nur in der Satire geforderten – Zusammenhang zwischen gesundem Körper und gesundem Geist.
Sieben Faktoren für Lebenskompetenz, die die Weltgesundheitsorganisation WHO zusammengestellt hat, nannte Martin Silber als wichtig für die Schule. Es gehe darum, sich selbst zu kennen und zu mögen, sich in andere hineinfühlen zu können, kritisch und zugleich kreativ zu denken, Gefühle und Stress bewältigen zu können, Entscheidungen durchdacht zu treffen, Probleme lösen zu können sowie erfolgreich kommunizieren und Beziehungen führen zu können. Auch das mögen zunächst nichts weiter als Schlagwörter sein. Aber wenn es gelingt, möglichst vielen Schülern diese Kompetenzen zu vermitteln, dann dürfte viel Gewalt bereits im Keim erstickt werden.
Wie die Arbeit in der Praxis aussieht, schilderten am Informationsnachmittag in der Raunerschule verschiedene Lehrerinnen sowie Schulsozialarbeiter, an deren Schulen das Projekt bereits angeboten wird. Wichtig scheint dabei vor allem zu sein, dass es kein Modell gibt, das der einzelnen Schule aufgezwungen wird, sondern dass sich überall nach den eigenen Bedürfnissen und Verhältnissen etwas entwickeln lässt. Mitunter macht dann – in kleineren Kommunen – das halbe Dorf mit. Vereine und Unternehmen beteiligen sich und sorgen dadurch für ein Wir-Gefühl, das weit über die Schule hinaus wirkt.
Aber auch die Wirkung an der Schule selbst kann bereits beachtlich sein. So berichtete Gerhard Klinger, der Rektor der Raunerschule, davon, dass das Programm „stark – stärker – wir“ an seiner Schule ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule sei. In den letzten zwei Jahren habe es dazu beigetragen, dass die Zahl der Ordnungsmaßnahmen um beachtliche vier Fünftel zurückgegangen ist.