Ausstellung „Landeswasserversorgung – 100 Jahre Trinkwasser in Baden-Württemberg“ bis 30. Januar im Kornhaus
Überqualifiziert, aber sehr gut angenommen

Dass Wasser kein trockenes Thema sein muss, belegt eine Ausstellung, die im Rahmen der Geburtstagsfeierlichkeiten des Zweckverbandes Landeswasserversorgung derzeit im Kornhaus umfassend über 100 Jahre Trinkwasser in Baden-Württemberg informiert.

Kirchheim. Welche vielfältigen Anforderungen das Lebenselixier auch im hohen Alter erfüllen muss, listete Kirchheims Bürgermeister Günter Riemer bei der Ausstellungseröffnung auf. Laut Trinkwasserverordnung müsse es frei von Krankheitserregern, geschmacklos, neutral und kühl, farblos und geruchlos sein. Außerdem darf es nicht gesundheitsschädigend sein und muss „mit einem Gehalt an gelösten mineralischen Stoffen in bestimmten Konzentrationen“ aufwarten.

In seiner Laudatio attestierte Günter Riemer dem „bestkontrollierten Lebensmittel“, dass es unverzichtbar sei, auch wenn nur 5 Liter der täglich pro Person verbrauchten Wassermenge von 121 Litern tatsächlich zum Trinken und Kochen verwendet werden. Der Anteil der Gartenbewässerung liegt genau gleich hoch, Wohnungsreinigung und Autowäsche schlagen mit 6 Litern zu Buche, und 8 Liter „frisst“ der Posten Geschirrspülen auf. 20 Liter finden regelmäßig ihren Weg in die Waschmaschine, 35 Liter rauschen täglich durch die Toilette und 42 Liter werden in Badewanne und Dusche zur Körperpflege verwendet.

Nach BM Riemers Rückblick auf die Geschichte der Kirchheimer Wasserversorgung erinnerte der Technische Geschäftsführer des Zweckverbandes Landeswasserversorgung, Professor Dr.-Ing. Frieder Haakh, an die Unterzeichnung des Gesetzes „ . . . betreffend die Beschaffung von Geldmitteln für die Erstellung einer Wasserversorgungsanlage durch König Wilhelm II am 8. Juli 1912“, die den Beginn der Geschichte der Landeswasserversorgung markiert.

In einer Ausstellung, die noch bis zum 30. Januar im Kornhaus zu sehen ist – und noch das ganze Jahr 2013 unterwegs sein wird –, und einem Jubiläumsband wird die Erfolgsgeschichte der sicheren Versorgung der Bevölkerung mit frischem Trinkwasser erzählt. Bestellungen für das Buch und ein DVD-Set sind möglich unter 07 11/21 75 13 17 oder per Mail unter glaesche.b@lw-online.de.

Bewusst gemacht wird, welche Verbesserung der Lebensqualität und welcher starke Einfluss auf die gesellschaftliche und industrielle Entwicklung mit dem ambitionierten Projekt einer Landeswasserversorgung einherging. Mit jeder technischen Lösung wurde Neuland beschritten. Am 1. Juli 1917, und damit mitten im Ersten Weltkrieg eröffnet, sei die schon während der Bauzeit „für Erstaunen und Bewunderung“ sorgende Landeswasserversorgung Baden-Württemberg zur „Blaupause“ für verschiedene andere Fernwasserversorgungen geworden, erklärte der Referent.

Dass die Landeshauptstadt sich allein schon mengenmäßig nicht selbst versorgen könne und „mit Entenschisswasser und der Neckarwasseraufbereitung“ keine Trinkwasserqualität liefern kann, machte Professor Haakh unmissverständlich deutlich. Heute liefere der Landeswasserverband jährlich 90 Millionen Kubikmeter Trinkwasser an 106 Verbandsmitglieder. Von den 45 Millionen für den mittleren Neckarraum entfällt mit 21 Millionen fast die Hälfte auf Stuttgart. Dass bei annähernd 90 Milliarden bestem Trinkwasser für 2,8 Millionen Menschen in den Lebensadern der Fernleitungen die Qualitätsfrage immer wichtiger wird, verwundert nicht. Dank modernster Analysetechnik könnten immer mehr Stoffe im Wasser nachgewiesen werden, dessen Qualität noch nie so gut war wie heute.

Dass es immer wieder „zu irrationalen Reaktionen komme“, machte der ironiefähige Redner in fast kabarettistischer Rhetorik deutlich. Sobald „in den Medien“ behauptet werde, dass sich im Trinkwasser ein Stoff befinde – der „mit vielen ‚y‘ und ‚th‘ größtmögliche ökotoxologische Bedeutung für sich beansprucht“ – würde das Vertrauen in Trinkwasser so lange gefährdet, bis das in der vermeintlichen „Schreckensmeldung“ zitierte „Trimetyl-Xantin“ mit Coffein übersetzt wird, das in seiner Wirkung ja durchaus bekannt sei.

Wenn ein Vierpersonenhaushalt 250 Euro für Mineralwasser ausgebe, obwohl dieselbe Menge in nachgewiesener Trinkwasserqualität für 2,50 Euro zu haben wäre, befremdet das Professor Haakh genauso, wie wenn die Weltmeister im Mineralwasser-Konsum diese Ware „gerne auch superökologisch“ per Lkw aus Frankreich oder Italien beziehen. Dass Menschen Arzneimittel in Toiletten kippen, über „Befundmeldungen in unseren Flüssen und Grundwässern“ aber höchst erstaunt sind, findet der Pragmatiker zumindest „seltsam“.

Viele der von ihm süffisant aufgeworfenen, provozierenden Fragen werden in der Ausstellung konkret beantwortet. Sehr augenfällig und einprägsam wird auch die Sensibilität für den Preis eines Kubikmeters reinen Trinkwassers durchdekliniert. Umgerechnet in SMS-Botschaften, Softdrinks oder andere Vergleichswerte wird der in der Ausstellung angesetzte Preis von 1,93 Euro für einen Kubikmeter reinen Wassers so augenfällig dokumentiert, dass man ihn nicht mehr so schnell vergessen wird.

Wessen Fragen bei der Eröffnung noch nicht zufriedenstellend beantwortet wurden und wer noch genauer wissen möchte, wie aus Regen Trinkwasser wird oder wie sich die Entwicklung vom Badezuber zur heimischen Wellness-Oase vollzog, kann das in den Begleittexten oder im Jubiläumsband nachlesen. Dass das Thema Wasser kein trockener Stoff ist, der erst interessant wird, wenn er nicht vorhanden ist, wurde beim vertieften Eintauchen in die Welt des Trinkwassers aber mehr als deutlich.