Kirchenmusikdirektor Ernst Leuze im Gespräch über sein Buch und über sein Element: „Orgeln unter Teck“
1795 waren die Putten aufklärerisch angehaucht

Kirchheim. Wenn ein Meister der Tasten auch noch ein Meister des Worts ist, der außerdem keine Scheu hat, ungeschminkt seine Meinung


Andreas Volz

zu schreiben, dann muss dabei ein „Orgelbuch“ herauskommen, bei dem schon allein das Lesen der Überschriften ein Vergnügen ist. Da wird gereimt („Voll die Goll“, „Maus im Haus“, „Stolz auf Holz“), da wird auf Liedgut, Oper 
und mittelalterliche Erzählungen angespielt („Ich hab verlor‘n mein Pfeifli“, „Königin der Nacht“, „Totaliter aliter“), da wird heftig kritisiert – mit Neologismen, Kalauern, Stabreimen („Zerrestauriert“, „Verhepsisaut“, „Das Dettinger Desaster“) –, da wird überschwenglich gelobt („Orgelwunder unter Teck“, „Glorioso“, „Orgeltraum“), und da wird sogar die „Quadratur des Kreises“ beschworen.

Auch wenn nicht alle Titulierungen bei der Leserschaft auf ungeteilte Freude treffen dürften, so stellt sich doch der Autor – wenn es sein muss – auch selbst der Kritik und bekennt eigene Sünden: „Mea Culpa“ klagt er, wenn es darum geht, dass er die Besonderheit der Notzinger Orgel lange Zeit nicht erkannt hatte. Im Gespräch über sein „Orgelbuch“ nämlich bezeichnet Kirchenmusikdirektor Ernst Leuze heute – nachdem er seit über 50 Jahren auf allen Orgelbänken im Bezirk zuhause ist – die Notzinger Orgel als eines von zwei hiesigen Instrumenten, denen in der Orgelwelt „Weltgeltung“ zukomme.

Warum trifft das auf die Notzinger Orgel von 1832 zu? Weil es sich um das Opus 8, also um eine der ganz frühen Orgeln von Eberhard Friedrich Walcker handelt. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass Walcker kurz danach die Orgel für die Frankfurter Paulskirche fertiggestellt hat, mit einem „frappierend ähnlichen Prospekt“. Diese Orgel in einem der symbolträchtigsten Gebäude Deutschlands existiert längst nicht mehr, wohl aber die in Notzingen.

Trotzdem ist auch die Notzinger Walcker-Orgel umgestaltet worden, und zwar unter anderem 1969, also während Ernst Leuzes Anfangsjahren als Bezirkskantor. Deshalb schreibt er selbstkritisch: „Ich trage Mitschuld an dem Frevel, dass in Notzingen ein Instrument ruiniert wurde, das noch bis 1954 fast unversehrt erhalten war“. Und doch blickt er nicht gänzlich pessimistisch in die Zukunft: „Ich glaube fest an die Wiedererstehung der Orgelherrlichkeit in Notzingen. Es wird geschehen eines Tages, wenn wir begreifen, was wir verloren haben.“ Noch sei nicht alles weg.

Die zweite Orgel von Weltgeltung ist vor allem wegen eines Texts in der Orgelwelt bekannt: Als Ergebnis einer wichtigen Tagung im April 1957 war das „Weilheimer Regulativ“ entstanden – „der Schlüsseltext der deutschen Orgeldenkmalpflege“. Als „pikant an der Sache“ bezeichnet es Ernst Leuze im Gespräch, dass die Goll-Orgel in der Peterskirche 1953 restauriert worden war, und zwar so, „wie es dem Regulativ in keiner Weise entspricht“. Nichtsdestotrotz, so schreibt er im Buch, sei in der Orgelwelt der Eindruck entstanden, „die Weilheimer historische Orgel hätte etwas mit dem Weilheimer Regulativ zu tun und sei so bedeutend wie das Regulativ selbst. Seither kommen Gäste aus aller Welt nach Weilheim und tragen sich mehr oder weniger begeistert ins Orgelgästebuch ein (je kompetenter, desto distanzierter)“.

Und doch hebt Ernst Leuze gerade die Weilheimer Goll-Orgel als Beispiel für den Wandel hervor, der sich durch die Aufklärung ergeben hat: Ganz oben auf dem Prospekt prangt dort die Jahreszahl „1795“ – als Zeichen für das Selbstbewusstsein des Orgelbauers Johann Andreas Goll. „Er sieht die Orgel nicht mehr nur als kirchliches Instrument an“, sagt Ernst Leuze im Gespräch, „sondern auch als ein technisches Werk, das funktionieren muss und bei dem die Gesetze der Physik zum Tragen kommen.“ Und im Gegensatz zur Oberlenninger Orgel von 1738, wo die beiden Posaunenengel noch nach dem Motto „Ihr Schall gehe aus in alle Welt“ nach oben bliesen, blasen die Putten in Weilheim „nach unten in die Gemeinde rein“. Für Ernst Leuze ist das ein deutliches Indiz dafür, dass sich hier „aufklärerische Ideen“ niederschlagen.

Die Symbolik der Orgeln erstreckt sich indessen nicht nur auf die Stoßrichtung von Posaunen. Es steckt mitunter auch eine Menge Zahlensymbolik in den Orgeln. Die erschließt sich natürlich nicht sofort, sondern erst nach längerem Zählen: So weist das Rückpositiv der Bissinger Orgel 35 Pfeifen auf, während sich im Hauptprospekt 53 Pfeifen befinden. Für Ernst Leuze ist das keinesfalls ein Zufall – zumal sich daraus in der Summe 88 Pfeifen ergeben und die 8 noch an weiteren Stellen hervorgehoben wird.

Historisch hat es gewisse Zeiten gegeben, in denen der Orgelbau einen Boom erlebt hat: Im 18. und 19. Jahrhundert gab es teilweise eine Art Wettbewerb zwischen den Ortschaften, nach der Devise: „Die bauen eine neue Orgel, dann brauchen wir auch eine.“ Aber nie seien hier in so kurzer Zeit so viele Orgeln gebaut worden wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Deshalb gebe es auch drei Instrumente von französischen Orgelbauern, und zwar in Brucken sowie in der Thomaskirche und in der Auferstehungskirche in Kirchheim. Im Augenblick dagegen seien englische Orgeln „der Hit“, weil die Engländer gerade dabei sind, alte Orgeln zu verkaufen.

Der Tatsache, dass das Kirchheimer „Orgelbuch“ eine Entstehungsgeschichte von fast 20 Jahren hat, gewinnt der Autor übrigens auch Positives ab: „Wenn es, wie geplant, schon 1996 erschienen wäre, würden zwei ganz prominente Instrumente fehlen: die Orgeln von Sankt Ulrich und von Maria Königin.“

In der Kirche Maria Königin in Kirchheim steht das bislang jüngste Instrument der „Orgellandschaft in Kirchheim und Umgebung“: fertiggestellt im Jahr 2010. Diese Orgel schließt deshalb nicht nur den Textteil des Buchs ab, sondern erstrahlt auch auf dem Bild der Rückseite in grünem Licht. Entsprechend der chronologischen Vorgehensweise findet sich die Orgel der Oberlennin­ger Martinskirche am Anfang des Textteils sowie auf der Titelseite wieder.

Auch wenn Ernst Leuze in seinem Buch deutlich Stellung bezieht zum Zustand der einzelnen Orgeln und zu gewissen Verschlimmbesserungen, so stellt er doch bescheiden fest, dass sein Buch „aus der Sicht eines Organisten“ geschrieben ist. Kunsthistoriker, Musikwissenschaftler oder Theologen würden sicher andere Schwerpunkte setzen. Und trotzdem hofft er, dass möglichst viele Menschen regen Gebrauch von diesem „Bilder- und Lesebuch“ machen werden, denn – so seine ehrliche und nicht mehr ganz so bescheidene Einschätzung: „Das Buch ist auch ein Gewinn für Leute, die nicht selbst Orgel spielen, und sogar für Leute, die nicht in die Kirche gehen.“