Kreis Esslingen. Aus rein unternehmerischer Sicht kommen die Gutachter von EconoMedic aus Bayreuth zu dem Schluss, die Psychiatrie am Standort Nürtingen in einem Neubau zu konzentrieren und die Rheumatologie von Plochingen nach Kirchheim zu verlagern. Das würde das Aus für die Plochinger Klinik bedeuten.
Dieses sogenannte Szenario 4 plus ist eines von ursprünglich sieben Szenarien, die zunächst von einer klinikinternen Arbeitsgruppe unter die Lupe genommen wurden. Davon verwarf das Team von Chefärzten, Klinikleitungen und Mitarbeitern aller Standort vier Varianten. Die restlichen drei wurden von den Firmen EconoMedico und Drees&Partner hinsichtlich der medizinischen, investiven und betriebswirtschaftlichen Auswirkungen vertiefend untersucht. Das Ergebnis stellten gestern in einer öffentlichen Sitzung Landrat Heinz Eininger, Kliniken-Geschäftsführer Franz Winkler und die Gutachter von EconoMedic und Drees&Partner den Kreisparlamentariern sowie den Chefärzten, Krankenhausleitungen und interessierten Bürgern, hauptsächlich aus Plochingen, vor.
Neben den Investitionskosten spielten für die Gutachter vor allem die Kosten aus dem laufenden Betrieb eine wesentliche Rolle. Und hierbei schnitt das Szenario 4 plus gegenüber den anderen beiden in die engere Auswahl gerückten Varianten unterm Strich betriebswirtschaftlich besser ab.
Die beiden anderen Szenarien 1 und 4 weisen laut Gutachter ein negatives beziehungsweise kein solch positives Ergebnis auf. Szenario 1 sieht vor, den Standort Plochingen zu erhalten und zum Rheumaschwerpunkt auszubauen. Außerdem wäre dort eine psychiatrische Tagesklinik angesiedelt. Die Psychiatrie würde von Nürtingen nach Kirchheim umziehen, das umfassende chirurgische Leistungsangebot müsste aufgegeben und die Bettenzahl reduziert werden. Die Folge wären rote Zahlen.
Beim Szenario 4 würde sich beide Psychiatrien am Standort Plochingen konzentrieren. Die Innere Abteilung mit der Rheumatologie müsste dann von Plochingen nach Kirchheim umziehen. Das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit wäre in diesem Fall positiv, bliebe aber unter dem Ergebnis der Variante 4 plus.
Die sieben Szenarien zur künftigen Leistungsstruktur stellte die klinikinterne Arbeitsgruppe erstmals im Mai 2011 dem Aufsichtsrat der Kreiskliniken gGmbH vor.
Ausgangspunkt all dieser Konsolidierungsüberlegungen war das Defizit der Kreiskliniken im Jahr 2010 von knapp sechs Millionen Euro. Für 2011 erwartet Kliniken-Geschäftsführer Franz Winkler ein weiteres Minus von 5,2 Millionen Euro. In diesem Zusammenhang wies Winkler auf die Budgetdeckelung und die völlig unzureichende finanzielle Unterstützung durch das Land hin. Entgegen der gesetzlichen Vorgabe der 100-prozentigen Investitionsförderung schießt das Land nur noch rund 34 Prozent der Kosten zu. Hinzu komme eine Tarifsteigerung in 2012 von 6,4 Prozent.
Angesichts chronischer Unterfinanzierung und davonlaufender Kosten beauftragte der Aufsichtsrat der gGmbH die Geschäftsführung, ein Konsolidierungskonzept ohne Denkverbote vorzulegen. Ziel sollte es sein, die Krankenhausstruktur von ihrer Ertragssituation zu verbessern und die Kreiskliniken gleichzeitig in ihrer medizinischen Leistungsstruktur zukunftsfähig aufzustellen. Mittelfristig sollen sie mindestens eine schwarze Null schreiben. So wurden zunächst von der Geschäftsführung kurz- und mittelfristige Konsolidierungsmaßnahmen bis 2014 eingeleitet, die zu finanziellen Verbesserungen und Kosteneinsparungen von rund 14,2 Millionen Euro führen sollen.
Ein Problem, das bei der ganzen Thematik ebenfalls eine große Rolle spielt, ist der Fachkräftemangel. Er führte dazu, das in 2011 bereits Stationen der Inneren Medizin und Chirurgie in Kirchheim und Nürtingen mit jeweils 20 Betten zeitweise geschlossen werden mussten. Neben der Chirurgie in Plochingen ist aktuell noch eine internistische Station in Kirchheim nicht in Betrieb. Um an allen drei Standorten qualifiziert chirurgische Leistungen anbieten zu können, wären vier weitere Vollkräfte vonnöten. Diese Stellen sind nicht besetzt. Eine weitere Konzentration von Leistungsangeboten ist deshalb für Geschäftsführer Winkler mittelfristig unumgänglich.
Auf die Frage des Plochinger Kreisrats Gerhard Remppis nach einer eventuellen Rückzahlung von Landeszuschüssen meinte Landrat Eininger, dies sei nur für die Plochinger Klinik zu erwarten. Der „schlimmste Fall“ sei aber ins Szenario 4 plus eingerechnet. FDP-Fraktionschef Ulrich Fehrlen erinnerte daran, dass die Strukturentscheidung 2003 nur die zweitbeste Lösung gewesen sei und forderte die Kreisparlamentarier auf, zügig eine mutige Entscheidung zu fällen. Dem Appell schlossen sich FW-Vorsitzender Alfred Bachofer und CDU-Chef Martin Fritz an.
