Neckartailfingen. Bei Familie Rehm aus Neckartailfingen fällt eines sofort auf: Der jüngste Sohn Aaron steht im Mittelpunkt des Geschehens. Der Sechsjährige hat das Down-Syndrom und ist ein sehr spielfreudiges und aufgewecktes Kind. So liebt er es, seine 17-jährige Schwester Helena an den Haaren zu ziehen, seinem 22 Jahre alten großen Bruder Marius die Brille von der Nase zu ziehen oder auch für sich allein – und geräuschvoll, denn er liebt es, laute Geräusche zu machen, – zu spielen. „Er ist eindeutig unser Familienmittelpunkt“, sagt Aarons Mutter Heike Rehm. Und das ist für alle in Ordnung so, auch für Aarons drei Geschwister. „Man kann ihm stundenlang beim Spielen zusehen“, meint etwa Marius Rehm.
Doch nicht nur ausgelassenes Spielen mit seinen Geschwistern macht Aaron Freude. „Jeden Samstagvormittag gehen wir reiten“, erzählt Heike Rehm. „Das macht ihm besonders Spaß“. Er liebe es zu reiten, die Tiere zu streicheln und sie mit allen Sinnen zu entdecken. Schwimmen und Fahrrad fahren im Beiwagen sind auch Lieblingsbeschäftigungen des Sechsjährigen. Aber am liebsten mag Aaron Geräusche und insbesondere Musik. Diesem Hobby geht er besonders gerne nach. „Es vergeht kein Tag, an dem Aaron nicht mit seinem Papa auf dem Klavier klimpert, bevor er ins Bett geht“, sagt seine Mutter.
Mit seinen Eltern, den drei Geschwistern und der zahlreichen Verwandtschaft ist der Junge am liebsten zusammen. Fremden gegenüber ist er reserviert und zurückhaltend. Aaron müsse die Menschen erst einmal kennenlernen, meint die Familie. Wenn das geschehen sei, schließe er sie ins Herz – wie seine beste Freundin Sina, ein 17 Jahre altes Mädchen, das ebenfalls das Down-Syndrom hat und das an diesem Nachmittag auf einen kurzen Besuch vorbeischaut. Die Begrüßung der beiden Kinder ist sehr herzlich und liebevoll. Sina sagt über ihren Freund: „Er ist ein süßer Knopf, der Kleine“.
Die Trisomie-21-Diagnose war für Familie Rehm zunächst ein Schock. Doch schon nach kurzer Zeit überwog die Freude über den kleinen Familienzuwachs. Bei ihrer Schwangerschaft mit Aaron war Heike Rehm bereits über 40. Sie und ihr Mann Friedhelm beschlossen dennoch, auf eine pränatale Untersuchung zu verzichten. „Wir brauchten nach der Geburt schon zwei Tage, um alles sacken zu lassen“, erzählt Heike Rehm. „Aber dann konnten wir es genießen“. Auch Aarons große Schwester Helena konnte bald gut mit der Diagnose leben. „Am Anfang war es schon ein Schock, aber er war dann gleich wie ein normales Geschwisterchen“, sagt sie. Besonders hat sich Heike Rehm über die Reaktion des Personals in der Filderklinik gefreut, wo Aaron geboren wurde. „Da haben alle durchweg positiv und mit Freude reagiert. Das war uns eine große Hilfe.“
Dann kam aber die Sorge um Aarons Herz dazu. Kurz nach der Geburt musste der heute Sechsjährige operiert werden. Nach der Operation entwickelte sich der Junge zwar normal, aber im Alter von acht Monaten wurde bei ihm noch Epilepsie diagnostiziert. „Das war eine harte Zeit für ihn und uns. Er war immer so appetitlos und schlapp“, berichtet Heike Rehm. Nachdem die richtige Therapie gefunden war, pendelte sich aber alles ein. Seitdem entwickelt sich Aaron langsam, aber kontinuierlich weiter. „Der schönste Moment war, als er dann das erste Mal wieder gelacht hat“, erzählt Marius Rehm.
Die Tagesstruktur bei einem Kind mit Down-Syndrom unterscheidet sich nicht von der eines anderen Kindes, sagt Heike Rehm. „Jeden morgen kommt der Bus um 8.10 Uhr, der Aaron in den Kindergarten nach Nürtingen bringt.“ Bevor der Bus komme, finde ein alltägliches Ritual aus Aufstehen und Frühstücken statt, wie bei jeder anderen Familie auch. In den Kindergarten geht Aaron jeden Tag, montags, mittwochs und freitags bis 12 Uhr sowie dienstags und donnerstags bis 16 Uhr. Den Kindergarten besucht der Sechsjährige sehr gern. „Er ist eine zweite Heimat für Aaron“, sagt Heike Rehm. Dort werde er gefördert und gemocht.
Natürlich bringe ein Kind mit Down-Syndrom Veränderungen mit sich. „Es findet eine Änderung in der Denkweise statt. Man stellt sich dann eben die Frage, was geht und was nicht.“ So zum Beispiel beim Thema Urlaub. Große Urlaube seien keine Option mehr, nur kleinere Touren. Aber vor allem bereichert Aaron das Leben seiner Familie. „Man freut sich über die kleinen Dinge, zum Beispiel über solche, die bei anderen Kindern gar nicht weiter auffallen würden“, meint Heike Rehm. So habe Aaron vor Kurzem gelernt, selbstständig Türen zu öffnen. Man müsse jetzt zwar mehr aufpassen, aber über den Erfolg freut sich die ganze Familie. Und auch das soziale Umfeld ist durch Aaron gewachsen. „Wir haben so viele nette Familien kennengelernt“, schwärmt Heike Rehm von der zusätzlichen Bereicherung.
Über die Zukunft macht sich Familie Rehm keine zu großen Gedanken. „Wir leben im Jetzt. Auch das haben wir gelernt“, sagt Heike Rehm. Der nächste Schritt werde wohl sein, Aaron in die Förderschule zu schicken. Auch die Sprache sei künftig noch ein großes Thema. „Er ist frustriert, wenn er sich nicht richtig mitteilen kann.“ Der Wunsch nach zukünftiger Selbstständigkeit für Aaron ist bei allen Beteiligten da. „Aber wie gesagt: Wir leben im Jetzt. Und jetzt ist Aaron ein total zufriedenes und glückliches Kind. Er ruht in sich selbst. Das ist das Wichtigste für uns.“
