Zahl der Straftaten nahm leicht zu – Dennoch: „Wir leben in einem sicheren Landkreis“
Alkohol als Katalysator für Gewalt

Alkohol und Gewalt: Dieses Thema beschäftigt die Polizeidirektion Esslingen immer mehr. So stand bei den Gewaltdelikten im vergangenen Jahr im Kreis Esslingen jeder dritte Verdächtige bei der Tatbegehung unter Alkoholeinfluss.

Heike Allmendinger

Kreis Esslingen. „Wir leben in einem sicheren Landkreis“, betonte Hans-Dieter Wagner, Leiter der Polizeidirektion Esslingen, gestern bei der Präsentation der Kriminalitätsstatistik 2012. Zwar sei die Zahl der im Landkreis begangenen Straftaten im vergangenen Jahr um drei Prozent auf 23 772 im Vergleich zu 2011 leicht angestiegen. Dennoch liege der Kreis Esslingen mit 4 596 Straftaten pro 100 000 Einwohner deutlich unter dem Landesdurchschnitt mit 5 317 Delikten.

Besonderes Aufsehen hatte im vergangenen Jahr die Massenschlägerei zwischen den beiden rockerähnlichen Gruppierungen „Black Jackets“ und „Red Legion“ in Esslingen erregt. Bei dem blutigen Aufei­nandertreffen von etwa 30 Mitgliedern der beiden Gruppen wurde ein 22-jähriger Angehöriger der „Black Jackets“ erstochen. Zehn weitere Beteiligte wurden zum Teil schwer verletzt. Die Polizeidirektion richtete die Sonderkommission „Obertor“ ein, die ihre Arbeit mittlerweile so gut wie abgeschlossen hat, berichtete Kriminaldirektor Karl-Heinz Ortenreiter. „Aktuell sitzen 16 Personen in Haft. Wir haben aber noch die Hoffnung, den einen oder anderen potenziellen Täter zu finden“, informierte er.

Sehr beschäftigt hat die Polizei im vergangenen Jahr darüber hinaus die Rauschgiftkriminalität. Um diese noch effektiver bekämpfen zu können, setzt die Polizeidirektion auf ein neues Konzept. Dabei werden die Kräfte der Schutz- und Kriminalpolizei gebündelt, erläuterten Wagner und Ortenreiter. Zwei starke „Rauschgifttrupps“ würden in enger Abstimmung mit dem Rauschgiftdezernat zusammenarbeiten. Den Druck auf die Drogenszene habe man dadurch deutlich erhöhen können. Dies habe zu einer Steigerung der erfassten Fälle um 19,6 Prozent auf 1 012 im vergangenen Jahr geführt. „Dieses Konzept hat sich als äußerst effektiv erwiesen“, freute sich Wagner, der außerdem noch weitere erfreuliche Nachrichten zu verkünden hatte: Die Aufklärungsquote der Straftaten insgesamt konnte um 1,1 auf 58,2 Prozent erhöht werden, und die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen stieg um 3,9 Prozent auf 10 710.

Von diesen Tätern seien etwa 75  Prozent älter als 21 Jahre. „Bei den Kindern und Jugendlichen als Tatverdächtige haben wir eine rückläufige Entwicklung“, betonte Wagner. Außerdem seien weniger Kinder Opfer von Rohheitsdelikten geworden. Dies führte Wagner auch auf die unterschiedlichen Aktionen der Polizei im Bereich der Gewaltprävention und Sensibilisierung an Kindergärten und Schulen zurück.

Auffallend sei zudem, dass knapp 40 Prozent aller Tatverdächtigen „Nicht-Deutsche“ seien. Auch wenn man die Zahl der Verstöße gegen das Ausländergesetz herausrechne, sei der Anteil der „Nicht-Deutschen“ immer noch überproportional hoch. „Im Bereich der Gewaltkriminalität reden wir hier von einer überschaubaren Zielgruppe“, fügte Wagner hinzu. Es handle sich um Männer zwischen 18 und 21 Jahre, die keine Schul- oder Berufsausbildung besitzen und nicht integriert sind.

Kopfzerbrechen bereitet dem Polizeidirektor vor allem das Thema Alkohol und Gewalt: „Bei den Gewaltdelikten stand jeder dritte Verdächtige bei der Tatbegehung unter Alkoholeinfluss. Im Jahr 2006 war es noch nicht einmal jeder vierte“, sagte Wagner. „Alkohol ist d e r Katalysator für Gewalt.“ Niemand dürfe sich auf Kosten anderer so ausleben, wie es ihm gerade beliebt. „Wir brauchen Prävention, Sensibilisierung, Regularien und eine gesellschaftliche Veränderung beim Umgang mit Alkohol“, sagte Wagner. „Und wir brauchen vorbildhaftes Verhalten.“ Der Polizeidirektor sprach sich ausdrücklich für eine Ausweitung des Verbots von Alkoholkonsum auf öffentlichen Plätzen aus.

Karl-Heinz Ortenreiter ging anschließend auf die beiden Ermittlungsgruppen „Wohnungseinbrüche“ und „Geldbörse“ ein, die bei der Polizeidirektion Esslingen eingerichtet worden waren. Bei den Wohnungseinbrüchen habe es im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung der Fälle um 112 auf 414 gegeben. „Davon waren aber fast 50 Prozent Versuche“, ergänzte der Kriminaldirektor. Das zeige, dass die Präventionsmaßnahmen der Polizei und die Sensibilisierung der Bevölkerung für das Thema gewirkt hätten. „Viele Türen können jetzt nicht mehr nur mit einem Schraubendreher geöffnet werden, und die Fenster werden in der dunklen Jahreszeit in vielen Häusern geschlossen.“

Bei den Tätern handle es sich überwiegend um reisende Banden aus dem Ostblock und dem ehemaligen Jugoslawien, die nach der Tat ganz schnell wieder aus dem Land­kreis verschwunden seien. Deshalb tue sich die Polizei sehr schwer damit, den Tätern auf die Spur zu kommen, räumte Ortenreiter ein.

Organisierte reisende Banden seien auch für die verstärkt auftretenden Geldbörsen-Diebstähle in Lebensmittel-Discountern verantwortlich. Die Täter würden sich überwiegend ältere Menschen aussuchen, die sie geschickt in ein Gespräch verwickeln, um dann in einem unbeobachteten Moment den Geldbeutel aus der Handtasche oder dem Einkaufswagen zu stehlen. Anfang März dieses Jahres seien der Polizei drei Angehörige einer reisenden Familie aus Bulgarien ins Netz gegangen: Ein Erwachsener und zwei Jugendliche haben in einem Einkaufsmarkt in Unterboihingen eine Geldbörse mitgehen lassen. Das Trio sitzt nun in Untersuchungshaft.