Kirchheim. Vor einem halben Jahrhundert trafen sich vier Kirchheimer Schüler aus verschiedenen Schulen in der damals üblichen Tanzstunde. Es waren drei Kunstradfahrer und ein Rollschuhfahrer, die sich aus dem Radfahrverein kannten. Um sich beim Abschlussball nicht zu blamieren und um Chancen zu haben, übten sie fleißig – nach „Negermusik“, wie es damals noch hieß – die modernen Tänze wie Boogie und Fox und natürlich auch die Standardtänze. Wegen der Lautstärke übten sie in einem elterlichen Keller.
Das ging nicht lange gut. Eine neue Bleibe musste her, zum Beispiel im Keller der Schlachthaushalle. Zum Sitzen wurden alte Matratzen herbeigeschafft und die Kartoffeln in die Ecke geschoben. Auch das war nicht von Dauer, als die Schlachthausleitung das mitbekam. Nach mehreren vergeblichen Vorschlägen und Versuchen beschlossen die eifrigen Tänzer, einen Raum offiziell zu mieten, in dem sie sich entfalten konnten.
Inzwischen waren im Folgetanzkurs zu wenig „Männer“, und die Gruppe wurde gefragt, ob sie aushelfen möchte. Das kam sehr gelegen, und aus diesem Kurs schlossen sich drei Hockeyspieler dem Quartett an. Der eine oder andere brachte noch einen Freund und Nachbarn mit. Letztendlich waren es 13 Typen, die sich auch öfters mit Kaffee und Kuchen stärkten oder im Café Moser bei Fräulein Pia über ihre Aktivitäten diskutierten. Zu dieser Zeit kehrte dort auch oft der junge Palmer senior ein und war ein interessanter Gesprächspartner.
Jetzt wurde auch ein Vereinslogo gefunden – KKK – „was Kaffeekranz Kirchheim“ heißt. Man konnte ja nicht immer die Stadt rauf und runter rennen, wenn mal nicht Tanzen angesagt war. Nun wurde auch ein ideales Plätzchen gefunden mit einem verständnisvollen Vermieter. Es war ein Keller unter zwei Garagen im Zentrum der Stadt und ganz nah am Seminar, das damals nur Mädchen ausbildete, die dann bei öfters herrschendem Damenmangel hofiert wurden. Einmal war sogar die Schulleiterin vor Ort, um die Sittlichkeit zu überprüfen.
Das Kellerobjekt wurde von Unmengen Schlacke befreit und ein Betonboden gegossen. Dabei halfen sogar einige Väter. Belüftet wurde mit abenteuerlichen Techniken, zum Beispiel gebrauchte Elektromotoren mit angeschweißtem Lüfterflügel, und ein „Sternenhimmel“ geschaffen. In der selbstgemauerten Bar müsste noch heute eine Kassette mit Namensliste der Gruppe als Grundstein schlummern. Leider ist die Treppe inzwischen so marode, dass der Eigentümer niemanden mehr nach unten lässt, um sie zur Jubiläumsfeier herauszuholen.
Aber das Holzkästchen, in dem das Haustelefon installiert war, hängt immer noch unbeachtet in einem Garagenfenster. Fast ein Wunder. In diesem Keller fanden dann Partys, herrliche Faschingsfeste mit tollen Kostümen und sogar Firmenabteilungsfeste mit Abteilungsleitern statt. Inzwischen wurde auch eine Band gegründet, teilweise mit Kaffeekränzlern – „Die Sliders“. Nach und nach wurden das Waschbrett und die selbst gebauten Instrumente, die die Skiffelband benutzte, und auch der alte Radioverstärker durch professionelle Fender-Gitarren und -Verstärker ersetzt. Die Band wurde über die Stadt hinaus bekannt. Später kam sogar mal eine Einladung von der in Göppingen stationierten US-Army, und 1996 wurde sie im Tick-Magazin erwähnt.
Nach Gründung der Band ging die Post ab. Es war immer was los. Man wusste immer, wohin. Discos gab es damals noch nicht. Viele Mädchen, auch Seminaristinnen, die zum Schnuppern kamen, fanden nach dem ersten, zweiten oder dritten Test sogar ihre Lebenspartner. Diese Partnerinnen nennen sich heute „FKKK“ – was „Frauen vom Kaffeekranz Kirchheim“ heißt. Das dritte K fällt beim Schnellsprechen nicht auf und führt absichtlich zu Verwechslungen.
Von der Gruppe wurden auch viele Ausflüge unternommen: nach Hagnau am Bodensee zum Zelten – mit den Skiffel-Instrumenten, zum Haus Hirlanda in Vorarlberg zum Wandern und Skifahren oder zum Klettern auf die Alb oder ins Donautal. Später ging es auch nach Ungarn an den Plattensee oder nach Rackève an der Donau. Zwei KKKler sind ungarnstämmig und haben sich im Laufe der Zeit dort Ferienhäuser geschaffen. Sogar ein Kochkurs wurde gemeinsam gemacht – zum Stolz der Kursleiterin. Damals war die Emanzipation noch in den Kinderschuhen. In den Zeiten der Familiengründung feierte man höchstens mal eine Party, auch mit neuen Freunden oder Kollegen, im Keller, bis alles einschlief.
Ein Mitglied ist nach Australien ausgewandert, ein anderer verbrachte später Jahrzehnte beruflich in den USA. Das hinderte den Rest nicht, mindestens einmal im Jahr und zwar zur Weihnachtszeit auf die Teck zu steigen und den Verhinderten Grußkarten zu schreiben. Internet gab es noch nicht.
Ende Mai soll nun im Waldachtal eine Jubiläumsfeier mit Übernachtung stattfinden. Die „Australier“ kommen, und der „Amerikaner“ ist seit der Rente wieder im Ländle. Terminprobleme machen die „Ungarn“. Sie sind so oft wie möglich für mehrere Monate in ihren Ferienhäusern. Doch auch sie wollen dabei sein.
Ein „Erinnerungstreffen“ mit Freunden und Sympathisanten des KKK soll im Lauf des Jubiläumsjahres noch nachgeholt werden. Da sollen Erinnerungen ausgetauscht und Bilder, Dias und wenn möglich auch Filme gezeigt werden.kkk
