Der „Werkraum Karlsruhe“ sensibilisierte mit heilsamem Schock für das Thema sexualisierte Gewalt
Am Ende der Angst gibt es wieder Hoffnung

Kirchheim. Wann immer die Rede ist von Beratungsangeboten für Kinder und Jugendliche wird nicht ohne Grund gerne gefordert, man solle „sie dort abholen wo sie sind“. Das


wurde von den beiden Schauspielern Ibadete Kadrijaj und Georgio Tzitzikos sowie Regisseur Jürgen Sihler vom Theater Werkraum aus Karlsruhe in beeindruckender Konsequenz umgesetzt.

Auf Einladung von „Kompass“, der Psychologischen Fachberatungsstelle bei sexualisierter Gewalt im Landkreis Esslingen, gastierten sie im Rahmen der 12. Kirchheimer Kinder- und Jugendtheaterwochen „Szenenwechsel“ in der Eduard - Mörike-Schule in Ötlingen. Dazu reisten sie mit einem umgebauten schwarzen Linienbus an, der direkt vor der Schule parkte und mit seinen verdunkelten Fenstern keinesfalls den Eindruck erweckte, als stehe er bereit, um die Schülerinnen und Schüler der 7. bis 9. Klasse mit auf eine vergnügliche Rundfahrt zu nehmen.

Die mit entsprechend überzeugender Medientechnik ausgerüstete fahrbare Schauspielbühne bewegte sich dann auch keinen Meter mehr vom Fleck. In einer wilden Collage aus Rapp-Musik, Begriffsdefinitionen und rüden Provokationen, Publikumsbefragungen, „Werbeblöcken“ und Einspielungen von Gewaltvideos wurde eine bruchstückhaft zusammengefügte tragische Geschichte vermittelt, die auf tatsächlichen Begebenheiten basierte.

Das Team des Theaters Werkraum Karlsruhe hatte in vorangegangenen zweijährigen Recherchen und unzähligen Gesprächen mit sexuell missbrauchten Kindern und Jugendlichen dieses Theaterspektakel erarbeitet, das genau deshalb so verstört und unter die Haut geht, weil es ein ungeschminktes und ungeschöntes Stück Realität – wenn auch nur angedeutet – in seiner ganzen Brutalität wiedergibt und den Schülerinnen und Schülern überhaupt keine Chance lässt, sich unbeteiligt zurückzulehnen und einfach nur zuzuschauen.

Zu Beginn wurde noch vorsichtig aber immer im Klartext und in der ungekünstelten und oft auch brutalen Sprache der Jugend ausgelotet, welches Verhalten zwischen Jungen und Mädchen noch in Ordnung ist und wo Grenzen beginnen – oder schon längst überschritten sind. Der Tatbestand der sexuellen Gewalt wurde genau definiert und versucht, auch gleich noch die schwierig festzumachende Grenze zur sexuelle Aggression aufzuzeigen.

Das in den „Werbeeinblendungen“ gesungene ironietriefend-zynische Loblied auf die „segensreiche“ Wirkung des Alkohols und die noch effektiveren, da zeitsparenden K.o.-Tropfen, war so überzeichnet, dass es beim besten Willen nicht falsch verstanden werden konnte. Die zunehmend sich immer mehr steigernden Einblicke in die Bereitschaft zu menschenverachtender Gewalt waren tatsächlich schwer verdauliche, aber die Augen öffnende und die erforderliche Abwehrbereitschaft speisende Kost. Ziel war es eben nicht, nur zu informieren oder gar zu unterhalten, sondern zu warnen und des ungemein wichtigen und tabubesetzten Themas wegen durchaus auch zu provozieren.

Neben den angedeuteten Alkohol- und Drogenexzessen einer völlig aus dem Ruder laufenden und in einer Vergewaltigung endenden Party hatte aber auch die zeitlose Themenfolge Kennenlernen, schüchterne Annäherung und Liebe einen Platz.

Die beiden Vollblutdarsteller, die schon seit fünf Jahren mit diesem Programm auf Aufklärungstour sind, verstanden es erschreckend gut, sinnlose Gewalt und Aggression bis zur Schmerzgrenze auszuspielen, zugleich aber auch – als Hoffnung weckendes „Gegengewicht“ – die aufkommende Liebe zweier Jugendlicher überzeugend zu vermitteln, ohne in das Pathos gutbürgerlicher Klischees zu verfallen.

Ein wichtiges dramaturgisches Mittel innerhalb des in professioneller Brillanz angebotenen multimedialen Theaterspektakels war auch die Videobotschaft des fiktiven Vergewaltigungs-Opfers, das sich nicht – wie befürchtet – umgebracht, sondern in einer anderen Umgebung mit entsprechender Hilfe und Unterstützung wieder zurück ins Leben gefunden hat, nachdem es jahrelang von seinem Vater sexuell missbraucht worden war.

Dass das Leben kein Ponyhof ist, weiß jeder. Wie brutal es tatsächlich sein kann und vor allem wie man sich auf schwierige Situationen einstellen und für sich die richtigen Grenzen ziehen kann, wurde im Anschluss an die teilweise schwer verdaulichen Szenen im bedrohlichen Ambiente des Linienbusses auch noch in interaktivem Zusammenarbeiten in Workshops und Gesprächen mit den Vertretern der Kirchheimer Beratungsstelle von „Kompass“ aufgearbeitet.

Informationen über diese wichtige Einrichtung des Landkreises können unter www.kompass-kirchheim.de abgerufen werden. Zu finden ist die Psychologische Fachberatungsstelle bei sexualisierter Gewalt in der Marstallgasse 3 in Kirchheim, Telefon 0 70 21 / 61 32, Telefax 0 70 21 / 61 23. Die telefonischen Sprechzeiten sind montags, dienstags und freitags von 9 bis 12 Uhr sowie montags und dienstags zusätzlich auch noch von 14 bis 16 Uhr. Die Mail-Adresse lautet mail@kompass-kirchheim.de.