Kirchheim. Mit zwei Kisten, die mit Akten und persönlichen Dingen gefüllt waren, schritt Barbara Ibsch nach ihrem letzten Arbeitstag zu ihrem Auto auf den Betriebsparkplatz des Teckboten. Dort traf sie auf einen ihr unbekannten Mann, der gut gelaunt zu ihr sagte: „So, geht‘s auf einen Flohmarkt?“ Barbara Ibsch grinste den Mann an und entgegnete: „Nein, ich gehe in den Ruhestand!“
Das ist jetzt fast acht Jahre her. Und die ehemalige Redaktionsleiterin des Teckboten, die 40 Jahre lang bei der Kirchheimer Tageszeitung tätig war, erinnert sich noch genau und mit einem Lächeln an diese Situation. Die beiden Kisten lagern seit diesem Tag in der Garage – unberührt, wie die heute 67-Jährige erzählt. Eigentlich hatte sie sich für ihren Ruhestand fest vorgenommen, in ihr heimisches Büro Ordnung zu bringen und sich dabei auch um die Akten in den beiden Kisten zu kümmern. Doch es blieb beim Vorhaben. Denn dass Rentner über mehr Zeit verfügen, sei ein großer Irrtum, musste die Kirchheimerin feststellen.
Der Abschied vom Berufsleben sei eine „seltsame Sache“ gewesen, blickt Barbara Ibsch zurück. „Mein Beruf hat mir sehr viel Freude bereitet, er war für mich Erfüllung.“ Andererseits sei es aber auch „eine wunderbare Aussicht“ gewesen, keine Verantwortung mehr tragen zu müssen und „vermeintlich künftig selbst über seine Zeit bestimmen zu können“, sagt sie schmunzelnd.
Ihrem Mann Hartmut Ibsch, der bei Daimler in der Forschung und Entwicklung in Ulm tätig war und ein halbes Jahr vor seiner Frau in den Ruhestand ging, hatte die Journalistin versprochen, mit 60 Jahren in die dritte Lebensphase zu starten – und dieses Versprechen hielt sie. Ihr Mann hatte zunächst allerdings „ein bisschen Bammel“ vor dem gemeinsamen Ruhestand, gesteht er. „Ich habe bei anderen Paaren beobachtet, dass es nicht funktionierte. Viele Ehen sind deshalb auch geplatzt.“ Doch schnell stellte sich heraus, dass Barbara und Hartmut Ibsch nicht zu diesen Paaren gehörten. Im Gegenteil: Der Ruhestand schweißte sie noch mehr zusammen.
Die ersten eineinhalb Jahre jedoch waren eine schwere Zeit für die Ruheständler. Denn in dieser Phase kümmerten sie sich um Hartmut Ibschs demenzkranke Mutter und um Barbara Ibschs pflegebedürftige Eltern. Zeit für Hobbys und andere Dinge blieb kaum. „Wir haben alles gegeben und sind teilweise auch auf dem Zahnfleisch dahergekommen“, erinnert sich Hartmut Ibsch. Hinzu kam die Trauerbewältigung nach dem Tod der Eltern beziehungsweise Schwiegereltern.
Im Vorfeld ihrer Rente hatten sich Barbara und Hartmut Ibsch Gedanken darüber gemacht, wie sie ihren Alltag strukturieren und welchen Hobbys sie nachgehen wollen. „Nur dazusitzen und nichts zu tun, wäre für uns undenkbar“, betont Hartmut Ibsch. Angst, in das berühmt-berüchtigte Loch zu fallen, hatten die Eheleute nie. „Denn dazu haben wir zu viele gemeinsame Interessen.“ Klar war, dass „wir die Zeit zusammen anpacken möchten und dass wir überlegen, was wir tun und auf was wir verzichten wollen“. Wichtig sei, sich nicht „in zu vielen Tätigkeiten und Hobbys zu verzetteln“, sondern sich auf das zu konzentrieren, was einem wirklich wichtig sei.
Und das ist für Barbara und Hartmut Ibsch vor allem eines: das Filmen und die Mitgliedschaft im Filmclub Teck. Hier sind die Ibschs überaus aktiv und haben mit ihren selbst gedrehten und geschnittenen Filmen schon zahlreiche namhafte Preise im Amateurbereich gewonnen – vor allem mit dem Film „Ich will endlich meine Welt erklären“ über einen nicht sprechenden Autisten. Hervorzuheben sind aber auch der Film über den Bau der Orgel in Maria Königin, der Einminüter ohne Worte über das Entstehen einer Metallkugel und der Streifen „333 – alles vorbei?“, in dem die persische Geschichte mit iranischer Gegenwart verflochten wird.
Momentan arbeiten Barbara und Hartmut Ibsch an einem Film über die Trommelgruppe der Kirchheimer Raunerschule. Dabei begleiten die beiden Amateurfilmer die Schüler um Lehrer Sven Koos mit ihren Kameras in der Schule und bei Auftritten. Anschließend geht es ans Auswerten des Rohmaterials sowie ans Schneiden und Kommentieren der Aufnahmen.
Bereits mit 20 Filmen waren Barbara und Hartmut Ibsch bei Wettbewerben in Deutschland, aber auch darüber hinaus – zum Beispiel in Österreich und im Fürstentum Liechtenstein – vertreten. Die höchste Auszeichnung im Amateurbereich in Deutschland ist die Teilnahme an den Deutschen Autorenfilmfestspielen, die jedes Jahr an einem anderen Ort stattfinden und bei denen die besten 60 Filme aus Deutschland gezeigt werden. Hier waren die Kirchheimer Eheleute in diesem Jahr zum dritten Mal in Folge mit von der Partie.
Hartmut Ibsch lag die Filmerei schon immer im Blut, erzählt der 70-Jährige. Mit seiner Begeisterung infizierte er irgendwann auch seine Frau, die sich anfangs noch vor der Technik gefürchtet hatte. „Zuerst dachte ich: Das ist nichts für mich. Aber durch das aktive Tun hat mich die Filmerei gepackt und ich habe die Angst vor der Kamera verloren“, erinnert sich die 67-Jährige.
„Wenn man Erfolg hat, dann macht das Freude und ist auch ein Ansporn. Gleichzeitig wächst der Anspruch, den man an sich selbst stellt“, fügt sie hinzu.
Wichtig ist für das Ehepaar Ibsch neben dem Filmen das gemeinsame Kochen, die Pflege von Freundschaften, das tägliche und ausführliche „Teckboten-Studium“ – und vor allem das Reisen, das in ihrem Leben schon immer einen großen Platz einnahm. So bereisten die beiden zum Beispiel Chile, die Antarktis, China, Indonesien, Tibet, Nepal, Mittelamerika und Südindien. Sie waren im Iran, fuhren mit dem VW-Bus auf eigene Faust durch einen Teil der algerischen Sahara und können auf zahlreiche Touren mit dem Hausboot zurückblicken.
Die gastfreundlichen Eheleute laden aber auch gerne Freunde zu sich nach Hause zum Essen ein. „Sie müssen dann nicht zwangsläufig Filme gucken“, verrät Barbara Ibsch schmunzelnd, die sich darüber hinaus ehrenamtlich bei der Lebenshilfe und beim gemeinnützigen Verein „buefet“ engagiert. Regelmäßig gehen sie und ihr Mann außerdem mit Freunden ins Theater, zum Ballett, in die Oper und zu Konzerten.
„Es macht einfach Spaß, im Alter gemeinsam etwas tun zu können“, schwärmt Barbara Ibsch und blickt zu ihrem Mann, der begeistert hinzufügt: „Das ist ein absoluter Glücksfall.“
