Beförderung von Kindern mit Behinderung zur Schule – „Ausbildung wäre wünschenswert“
„Anforderungen sind sehr hoch“

Sollen Menschen, die Kinder mit Behinderung in Kleinbussen zur Schule und wieder nach Hause fahren, über eine spezielle Ausbildung verfügen? Diese Frage ist nach einem tragischen Vorfall in Stuttgart aufgekommen. Im Esslinger Landratsamt sieht man sich beim Thema Schülertransport – auch, was die Dettinger Verbundschule anbelangt – gut aufgestellt.

Kreis Esslingen. Ein trauriger Vorfall in Stuttgart hat in den vergangenen Wochen eine emotionsgeladene Diskussion ins Rollen gebracht: Eine sechsjährige Schülerin einer Körperbehindertenschule hatte sich für kurze Zeit alleine und unbeaufsichtigt in einem Kleinbus auf dem Schulgelände aufgehalten, in dem sie jeden Tag zur Schule gefahren wurde. Das Mädchen bekam es in dem Bus mit der Angst zu tun, es erlitt einen Anfall und verstarb kurze Zeit später im Krankenhaus. Elternvertreter kritisieren nun, dass die Fahrer der Kleinbusse und die Begleitpersonen über keine spezielle Ausbildung im Umgang mit den Kindern verfügen. Sie fordern höhere Standards beim Transport der Kinder und höhere Stundenlöhne für die Fahrer und Begleitpersonen, die oft nur auf 400-Euro-Basis angestellt sind.

Für die Verbundschule in Dettingen übernehmen die DRK-Kreisverbände Nürtingen-Kirchheim und Esslingen sowie das Unternehmen Kraft aus Frickenhausen die Schülerfahrten. Beauftragt werden diese vom Landkreis Esslingen, in dessen Trägerschaft die Dettinger Schule für sprach- und körperbehinderte Kinder steht.

„Diese Unternehmen kennen wir seit mehr als drei Jahrzehnten. Mit ihren Leistungen sind wir sehr zufrieden“, betont Peter Keck, Pressesprecher des Esslinger Landratsamts. Ihm ist kein Fall bekannt, bei dem die Fahrer und Begleitpersonen ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen wären. Probleme gebe es hin und wieder nur „im zwischenmenschlichen Bereich“. Dies sei aber normal, gibt Keck zu bedenken. Es würde an ein Wunder grenzen, wenn bei den zahlreichen Kindern, die täglich befördert werden, „immer alles reibungslos laufen würde“, fügt er hinzu. Regelmäßig suche ein Mitarbeiter des Amts für Kreisschulen das Gespräch mit den Lehrern, Schulleitern oder Eltern. Gebe es Probleme hinsichtlich der Schülerbeförderung, würden diese schnellstmöglichst behoben.

Ähnlich äußert sich Axel Krauß, Elternbeiratsvorsitzender der Verbundschule: „Ich habe den Eindruck, dass bei uns beim Schülertransport alles gut klappt. Es ist mir zumindest nichts Gegenteiliges zu Ohren gekommen.“ Dass die Fahrer und Begleitpersonen der DRK-Kreisverbände und des Unternehmens Kraft nicht über eine spezielle Ausbildung verfügen, hält er für unproblematisch. Auch Peter Keck betont, dass es in den vergangenen Jahren „noch nie eine Veranlassung gegeben hat, eine spezielle Qualifikation zu fordern“.

Jürgen Effing, Kreisgeschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Esslingen, fügt hinzu, dass die Begleitpersonen dafür zu sorgen hätten, dass im Fahrzeug „Ruhe und Ordnung“ herrscht. Ihnen und den Fahrern würden bestimmte Verhaltensregeln an die Hand gegeben.

Eine andere Ansicht in punkto Ausbildung vertritt indes Klaus Roth, Abteilungsleiter für die Rotkreuzdienste des DRK-Kreisverbandes Nürtingen-Kirchheim. Weil die Tätigkeit der Fahrer und Begleitpersonen mit sehr hohen Anforderungen verbunden sei, wäre zumindest eine gewisse Grundausbildung wünschenswert. „Bei uns wird dies intern gemacht“, sagt Roth. Dies sei allerdings nicht bei allen Unternehmen üblich.

Grundsätzlich sei aber der Landkreis Esslingen im Vergleich zu Stuttgart, wo beim Transport von Kindern mit Behinderung „extrem gespart“ werde, relativ großzügig – sowohl bei den Kilometer-Pauschalen, die erstattet werden als auch bei der Anzahl der Begleitpersonen, lobt Roth. Er sieht trotzdem Verbesserungsbedarf. Wichtig wäre seiner Ansicht nach auch, dass die einzelnen Touren immer von zwei Mitarbeitern begleitet werden – sprich: vom Fahrer und einer Begleitperson. Letztere wird laut Peter Keck „nur dann zur Verfügung gestellt, wenn ein Amtsarzt oder die Schule einem Kind bescheinigt, dass es eine Begleitung benötigt.“

„In Stuttgart kommt es öfter mal vor, dass die Kinder allein im Bus sitzen“, weiß Klaus Roth. Das liege aber in der Natur der Sache – schließlich könne sich der Fahrer nicht zerreißen. Wenn keine Begleitperson dabei sei und sich der Fahrer zum Beispiel auf dem Schulgelände um ein Kind im Rollstuhl kümmern müsse, dann könne dieser „unverantwortliche“ Fall eintreten.

Peter Keck verweist auf die vertraglichen Vereinbarungen im Kreis Esslingen, die vorgeben, dass die Kinder grundsätzlich nicht unbeaufsichtigt sein dürfen. Wenn der Bus an der Schule ankomme, würden die Kinder vom Schulpersonal abgeholt; zu Hause seien gleich die Eltern oder Betreuer zur Stelle. Auch Thilo Kraft, Geschäftsführer des Frickenhausener Unternehmens, stellt klar: „Es ist selbstverständlich, dass die Kinder nicht alleine gelassen werden.“

Die Kosten für die Schülerbeförderung belaufen sich für den Landkreis, in dessen Trägerschaft neben der Verbundschule noch die Rohräckerschule in Esslingen und die Bodelschwinghschule in Nürtingen steht, auf 5,4 Millionen Euro im Jahr. Welchen Stundenlohn die Mitarbeiter erhalten, wollten weder Thilo Kraft noch Jürgen Effing verraten. Sie betonen aber: „Die Löhne sind auskömmlich.“ Laut Klaus Roth erhalten die Mitarbeiter des DRK-Kreisverbandes Kirchheim-Nürtingen acht Euro pro Stunde. „Damit liegen wir im oberen Bereich.“ Von der Stadt Stuttgart weiß Roth, dass die Stundenlöhne „teilweise unter fünf Euro liegen“. Solche Dumpinglöhne würden sich freilich auf die Qualität des Personals auswirken.

Doch gerade beim Transport von Kindern mit Behinderung sei eine möglichst hohe Qualität überaus wichtig. Mitarbeiter, die mit Menschen umgehen können, die über Einfühlungsvermögen und ein hohes Verantwortungsbewusstsein verfügen und die flexibel und verlässlich sind, erhalte man nicht zum „Billigtarif“.