Über 500 Gäste beim Dämmerschoppen der Stadt Wendlingen
Appell an die Verantwortung

Es war eine mutige Rede, die Wendlingens Bürgermeister Steffen Weigel beim Neujahrsempfang vor über 500 Gästen gehalten hat. Klar bezog er Stellung zur Europapolitik, forderte Unterstützung für die Asylbewerber im Landkreis und formulierte seine persönliche Sicht zur Zukunft der Johanneskirche oder zur Standortfrage des TV Unterboihingen.

Wendlingen. Wendlingens Bürgermeister hat ein Faible für die Ornithologie. Am Montagabend war es die zum Vogel des Jahres 2013 gekürte Bekassine, der „Meckervogel“, der Weigel den humorvollen Übergang zur Artverwandtschaft Mensch und zu den Meckerern schuf, die in ihrem Bestand nicht gefährdet seien.

Für Steffen Weigel gibt es „in unserem Landstrich wenig Grund, uns zu beschweren“. Die Wirtschaftslage sei trotz einiger dunkler Wolken gut, der Arbeitsmarkt stabil. Und doch seien immer mehr Menschen nicht mehr in der Lage, von ihrem Einkommen zu leben, die Altersarmut nehme zu, immer mehr Menschen seien auf Grundsicherung angewiesen.

Mit Blick auf die finanzielle Situation in Griechenland oder Spanien kritisierte Steffen Weigel „das Gemeckere“ über in Not geratene Länder in der Europäischen Union. Dies sei völlig unangemessen. Die Frage sei doch, ob „wir es in der EU zulassen wollen, dass Menschen auf der Straße verhungern müssen“. Es beschäme ihn, wie hierzulande kleinkariert darüber nachgedacht werde, ob diesen Menschen geholfen werden solle oder nicht. „Wir haben unseren Wohlstand und den Frieden in Europa der Tatsache zu verdanken, dass alle anderen europäischen Länder schon sehr kurz nach den bestialischen Verbrechen, die im Namen des deutschen Volkes begangen worden sind, bereit waren, mit uns wieder an einen Tisch zu sitzen.“ Es sei eine Selbstverständlichkeit, dass diesen Ländern ungeachtet der Frage eigenen Verschuldens in ihren extrem schwierigen Situationen jetzt geholfen werden müsse.

Wer seiner gesamtgesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden wolle, der dürfe sich auch nicht vor dem Problem des Landkreises verschließen, der in jedem Monat 70 neue Asylbewerber aufnehmen müsse. Auch die Stadt Wendlingen müsse sich bei diesem Thema aufgeschlossen zeigen, müsse Gebäude für die Unterbringung der Asylsuchenden finden oder Grundstücke bereitstellen, auf denen Unterkünfte erstellt werden könnten. Weigel hält es für eine humanitäre Verpflichtung, Menschen Schutz und Unterschlupf zu gewähren, fordert aber zugleich, das Verfahren für Asylbewerber zu beschleunigen. Für alle anerkannten Flüchtlinge aber gelte der Grundsatz aus dem dritten Buch Mose: „Der Fremdling soll bei Euch wohnen wie ein Einheimischer.“

Bürgermeister Steffen Weigel ging auf die kommunalpolitischen Entscheidungen des vergangenen Jahres ein, vor allem im Bereich der Bildung und Betreuung. Die Stadt habe hier einen erheblichen finanziellen Kraftakt geleistet. Sorge bereite ihm die Frage, wie „wir in Zukunft die ansteigenden laufenden Kosten schultern sollen“. Das gelte vor allem für den erhöhten Personalbedarf in der Betreuung. Im Blick auf den Antrag, die Ludwig-Uhland-Schule zur Gemeinschaftsschule auszubauen, rechnet der Bürgermeister noch im Januar mit der Bewilligung durch das Land.

Weigel streifte Themen wie den öffentlichen Personennahverkehr, das im Frühjahr startende Bürgerbusprojekt oder die Bewirtschaftung des Behr-Parkplatzes, den Luftreinhalteplan und die damit verbundene Einführung der Umweltzone, die Wendlingen sich angesichts der zu erwartenden aufwendigen Ausnahmekonzeption zu einem späteren Zeitpunkt gewünscht hätte.

Verkehrsentwicklung ist für den Bürgermeister Teil eines Stadtentwicklungsprozesses, den man noch 2012 angestoßen habe und der jetzt intensiv mit dem Gemeinderat und der Bürgerschaft diskutiert werde. Der Rad- und Fußgängerverkehr in der Stadt solle gestärkt und die Frage eines Stadtbusbetriebs mit einem jährlichen Zuschuss von mindestens 300 000 Euro neu untersucht werden. Die Ergebnisse dieser Diskussionen sollten konkrete und machbare Handlungsschritte sein, die „uns eine Leitschnur für anstehende Investitions-Entscheidungen geben“.

Erneut bekräftige Weigel die Forderung nach einer Südumfahrung der S-Bahn. Nur so sei die Lärmbelastung der Anwohner der innerörtlichen S-Bahn-Strecke zu verhindern. Dabei erscheint dem Bürgermeister die Realisierung der Güterzugeinschleifung auf die Neubaustrecke „der ideale Anlass, um auch den Rest der Umfahrung zu verwirklichen“.

Ein Bereich, der die Stadt auch 2013 weiter beschäftigt, ist für Wendlingens Stadtoberhaupt die Frage der Zukunft der Johanneskirche. Kirche müsse in der Innenstadt deutlich repräsentiert und erkennbar bleiben. Ob dies im das Stadtbild prägenden Gebäude der Johanneskirche möglich sei, bezweifle er. Auch wenn der Verlust nur schwer zu ertragen sei, böte ein Neubau in dieser zentralen Lage ganz andere Chancen. Hoffnungen setze man jetzt in den zugesagten Architektenwettbewerb.

Im Blick auf die Standortdiskussion innerhalb des Turnvereins Unterboihingen sieht Steffen Weigel in einer Verlagerung des TVU in den Sportpark Im Speck nicht nur aus finanziellen Gründen die bessere Alternative. Für die beiden großen Sportvereine und die Stadt insgesamt ermögliche dies alle Optionen einer zukunftsträchtigen Entwicklung der Vereine.