Deizisau/Kirchheim. Blauer Himmel, Sonnenschein, kaum ein Lüftchen weht über die Felder. Peer Schmidt blickt gut gelaunt nach oben. „Besser könnte das Wetter nicht sein“, sagt der Mann von der EnBW. Denn für die Arbeit vom Helikopter aus braucht es optimale Bedingungen.
Ein paar Meter weiter, mitten in den zarten Halmen des Weizenfeldes bei Deizisau, hat sein Kollege Tobias Wiegmann ein rot-weißes Hütchen in den Boden gesteckt. Orientierungsmarke für den Hubschrauberpiloten, damit er die schadhafte Stelle am sogenannten Erdseil-Luftkabel schnell findet.
Bei der routinemäßigen Kontrollbefliegung ist der Schaden entdeckt worden. Im Zweijahresrhythmus wird das komplette Freileitungsnetz im Ländle überprüft und instand gesetzt. Vor allem Blitzschäden sind es, die dabei gefunden werden. Der Einschlag hinterlässt wie hier bei Deizisau deutliche Spuren an den Erdseil-Luftkabeln: Selbst vom Boden aus ist die lose Kabelfaser auszumachen. „Würde man nichts dagegen tun, ist das wie ein loser Faden an einem Strickpulli. Es würde sich immer weiter aufspleißen und irgendwann reißen“, so Schmidt.
Bevor der Reparaturtrupp jedoch beginnen kann, muss der Stromkreis der 380 Kilovolt-Leitung erst einmal vom Netz. „Das passiert drüben in Wendlingen“, erklärt Schmidt. Von dort wird dem Reparaturteam auch der Zeitplan diktiert: „Wir bekommen nicht immer und überall eine Abschaltung genehmigt“, erklärt Schmidt. Selbst kurzfristig kann es da zeitlich zu Verschiebungen kommen. „Wir können einen Stromkreis nur dann abschalten, wenn die Stromversorgung absolut gesichert ist – auch, im Falle eines weiteren Ausfalls“, so der Fachmann. „N-1“ heißt das in der Fachsprache. Gestern früh beispielsweise gab die Schaltstelle in Wendlingen erst mit Verzögerung die Traverse zur Abschaltung frei.
Nun aber ist es so weit: Thomas Tallerschuß aus dem Team klettert hoch auf den gewaltigen Überlandmasten, um zu prüfen, ob der Strom auch wirklich weg ist. Mit einem Erdungsstab sorgt er für zusätzliche Sicherheit. Dann winkt er: „Also Walter, Stromkreis abgeschaltet. Geprüft und geerdet“, gibt Tobias Wiegmann daraufhin zum Team am Helikopter durch, das jenseits des Neckars am Landeplatz bei Aichschieß auf das „Go“ wartet.
Wenig später kündigt lautes Knattern das Nahen des Hubschraubers an. Unten hängt die Arbeitsbühne, rund 15 Meter unter dem Bauch der Maschine. Ruhig und zentimeterweise manövriert der Pilot die AS 355 N an das schadhafte Kabel heran. Im 60 Kilo schweren Korb stehen die beiden Techniker. Wer hier einsteigt, muss körperlich absolut fit sein. „Außerdem bekommen wir einmal im Jahr eine Schulung im Besteigen und Bergen vom Mast“, sagt Tobias Wiegmann.
Jörg Berger von der Firma meravo, seit 1995 Partner der EnBW bei der Wartung der Überlandleitungen, hat den Hubschrauber genau im Blick. Per Funkgerät weist er vom Boden aus den Piloten genau ein. Ist der Korb mit den zwei Technikern an Bord in der optimalen Position, verharrt das 1,8 Millionen Euro teure Spezial-Fluggerät nahezu zentimetergenau. Dann beginnen die beiden Monteure, das beschädigte Kabel zu reparieren. Die Spleiße werden wieder an die Aluminiumader gebracht, die nicht nur dem Blitzschutz der Hochspannungsleitung dient, sondern zugleich auch dem Datentransfer zwischen den Schaltpunkten und Umspannwerken. Anschließend wird das Ganze mittels Reparaturspirale fixiert.
Eine Sache von Minuten. „Früher mussten wir für die Reparatur einen wesentlich größeren Aufwand betreiben“, sagt Dagmar Jordan von der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation beim EnBW Regionalzentrum Schwarzwald-Neckar. Teilweise habe parallel zum defekten Kabel ein befahrbares Beiseil gezogen werden müssen, von dem aus repariert werden konnte. Oder das Kabel musste heruntergelassen und am Boden instand gesetzt werden. Beide Varianten jedoch erfordern lange Abschaltungen: „So können wir innerhalb von maximal einer halben Stunde die Leitung wieder freigeben“, sagt Schmidt. Und in Zeiten des internationalen Stromhandels ist das bares Geld.
In Deizisau klappt das diesmal nicht ganz reibungslos. Nach 15 Minuten sitzt zwar die erste Spirale, aber ein Teil des gespleißten Kabels ist noch deutlich zu erkennen. „Da werden wir noch mal ran müssen“, sagt Schmidt. Vorher muss der Hubschrauber erst mal zurück zum Landeplatz - auftanken. Und auch entsprechendes Material muss noch nachgebunkert werden.
Das bringt den Tagesplan etwas in Verzug. Bei Altbach und Kirchheim wird das Team noch drei schadhafte Stellen beseitigen müssen, danach steht bei Wiesensteig ein Einsatz an. Bis zu sechs Arbeitseinsätze kann das fünfköpfige EnBW-Team pro Tag im Schnitt bewältigen. Innerhalb einer Woche werden sie die schadhaften Stellen am rund 6 500 Kilometer langen Hoch- und Höchstspannungsnetz in ganz Baden-Württemberg behoben haben.
