Kirchheim. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie innerhalb kürzester Zeit aus balgenden und im
positiven Sinne frechen Jungs gestriegelte Chorsänger werden können, die voller Disziplin und Inbrunst Schütz, Mendelssohn und Bruckner musizieren. Und man ist dabei immer geneigt zu fragen, welche dieser beiden Rollen wohl stärker voneinander profitiert.
Schon im Konzerttitel „Chormusik zum Muttertag“, den sich der Knabenchor „Capella Vocalis“ am letzten Sonntag in der Martinskirche gab, lag diese Divergenz verborgen. Denn, wer einen „Strauß bunter Chorstücke für alle Mütter dieser Stadt“ erwartete, wurde – glücklicherweise – enttäuscht. Nach dem einstimmenden „Alta Trinita beata“ zum Einzug wurden mit Knut Nystedts „Missa brevis“ gleich die Grenzen der Hörgewohnheiten ausgelotet. Und die strahlend klaren Knabenstimmen machten Lust dazu. Überhaupt: Die Nüchternheit und Konzentration im angenehm kühlen Martinskirchenraum am Ende eines sonnigen Ausflugstages „taten der Seele gut“, wie ein Konzertbesucher am Ende des Konzerts ergriffen feststellte.
Mal war es das rhythmisch anspruchsvoll skandierte „Crucifixus“, mal die flirrenden Cluster-Klänge beim „Kyrie“ oder „Credo“, der Chor wusste sowohl durch lebhaften Kontrast als auch durch das Halten der Spannungsbögen in einem Chorwerk zu überzeugen, das man eigentlich sonst nicht als „Türöffner“ bei einem Konzert bezeichnen kann. Dass dabei zum Teil noch über große Strecken hinweg auswendig gesungen wurde, unterstreicht, das „Capella Vocalis“ durchaus den namhaften Chören des Landes zuzuordnen ist. Gleichsam als Entspannung nach konzentrierter Schwerstarbeit ließ Chorleiter Eckhard Wyand die Nystedt-Messe mit dem eher romantisch gefärbten „Agnus Dei“ des lettischen Komponisten Rihards Dubra ausklingen. Oder war es eher die Sehnsucht nach einer harmonischen Bitte um den Frieden angesichts bedrohlicher Tagesnachrichten? „Er stößt die Gewaltigen vom Thron“ sangen die Knaben eindrucksvoll im Anschluss gleichsam als Antwort auf diese Friedenbitte. Und weit gefasst könnte man Heinrich Schütz‘ „Deutsches Magnificat“, mit dem Maria die Niederkunft Jesu besingt und dem dieses Zitat entnommen ist, durchaus als musikalischen Beitrag zum Muttertag werten. Ebenso wie dessen weihnachtliche Motette „Also hat Gott die Welt geliebt“.
Die verschränkte Kontrapunktik bei „Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskind‘“ ließ den akustisch faszinierenden Martinskirchenraum in atemberaubenden Tonfarben schillern und man kann die Anforderung an Intonation und Artikulation bei dieser Stelle nicht hoch genug bewerten, um das musikalische Vermögen der jungen Sänger recht bewerten zu können. Dagegen waren manche Präzisionsprobleme bei den Übergängen gern vernachlässigende Größen, zumal der dafür auswendig vorgetragene Gesang dem Chorklang eine anrührende Präsenz verlieh.
Es war im Ganzen überhaupt nicht unbedingt die Programmauswahl, die zum Hören lockte. Mit den beiden Mendelssohn-Motetten „Richte mich, Gott“ und „Jauchzet dem Herrn, alle Welt“ sowie dem „Locus iste“ von Anton Bruckner wurden im Gegenteil Vertreter des gängigen Chorrepertoires dargeboten. Und ausgerechnet die beiden prominenten Mendelssohn-Motetten gerieten durch eine drehbuchreife Ausgestaltung der dargestellten Bilder und den bewusst in Kauf genommenen Tempoforcierungen zum Höhepunkt des Abends. Ob man das „Warum betrübst du dich, meine Seele“ so aus dem Metrum herausnehmen darf oder nicht, beantwortete sich durch den berühmten „Rückenschauer“ an dieser Stelle allgemein wohl ganz von selbst. Und als dann noch beim „Ubi caritas“ Maurice Duruflés mit einem Soloaltus aus dem Chor der Martinskirche heraus die Abendsonne den Kirchenraum in ein rötliches Licht tauchte, inszinierte die Natur diesen wunderschönen Abend gleichsam mit, der mit dem Dank an alle Mütter und lieben Menschen endete, indem „Capella Vocalis“ sich mit dem schlichten Gesang „Gott hat uns längst einen Engel gesandt“ wieder in Richtung Reutlingen verabschiedete.
