Kirchheim. Die Botschaften aus deutschen Klassenzimmern sind alarmierend: Acht Prozent eines Jahrgangs verlassen laut Bildungsbericht der Bundesregierung die Schule ohne Abschluss, jeder fünfte 15-Jährige kapituliert vor einfachen Lese- oder Mathematikaufgaben. Stand 1971 bei der Gründung des Arbeitskreises Lern- und Hausaufgabenhilfe die Förderung von ausländischen Kindern im Vordergrund, um ihnen die Eingliederung ins deutsche Schulsystem und somit die Integration zu erleichtern, so hat sich im Lauf der Jahre vieles verändert. Immer mehr deutsche Kinder sind dazugekommen. Haben sich doch die entwicklungs- und sozial- bedingten Zustände der Kinder drastisch verändert.
In spannungsgeladenen Zeiten, in denen sich Lehrer immer mehr als Sozialarbeiter sehen, Erwartungshaltungen von Eltern ständig steigen und das große System Schule sich im Umbruch befindet, kann man dem ehrenamtlichen Engagement der Lern -und Hausaufgabenhilfe nur mit Hochachtung begegnen.
Bei der Jubiläumsfeier der Hausaufgabenhilfe im Bohnauhaus, die bestens musikalisch umrahmt wurde vom Saxofon-Quartett der Kirchheimer Musikschule, dankte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Hei- decker im Besonderen den anwesenden Gründungsmitgliedern Ursula Hornischer und dem Ehepaar Kneher für deren unermüdliches Engagement. Ebenso galt ihr Dank den derzeit 50 Betreuern, die 263 Schüler an sieben Kirchheimer Grundschulen und an der Förderschule betreuen. „Solch ein Angebot über 40 Jahre anzubieten, das ist aller Ehren wert“.
In einer schnelllebigen Arbeits-, Freizeit- und Medienwelt, in der immer mehr Werte verloren zu gehen drohen, liegt ein Hauptaugenmerk auf dem Bildungssystem, bei dem es nach Ansicht von Angelika Matt-Heidecker immer noch zu viele Verlierer gibt. Hierzu möchte sie auch gerne die neue Landesregierung in die Pflicht nehmen. Sehen doch die getroffenen Koalitionsvereinbarungen unter anderem vor, gemeinsam mit den Kommunen ein Schulsystem zu entwickeln, in dem alle Kinder eine gute Bildung erhalten können. „Lassen sie uns also zusammen zum Wohle unserer Stadt daran arbeiten“.
Einen Einblick in die Arbeit der Lern- und Hausaufgabenhilfe vermittelte die Sozialpädagogin Sibylle Müller, deren Hauptaufgabe die Anleitung der 50 ehrenamtlichen Mitarbeiter ist. Sybille Müller, die selbst eine Gruppe von Erstklässlern betreut, ist immer auch auf der Suche nach neuen Mitarbeitern. „Da wir ausschließlich ehrenamtlich arbeiten, kommt es öfters vor, dass jemand ganz plötzlich ausscheidet. Wir geraten dann sehr unter Druck, möglichst sofort den passenden, kompetenten „Ersatz“ zu finden.“
Betreut werden die Schüler in Gruppen von drei bis sieben Kindern je Mitarbeiter, und durch diese kleine Gruppengröße kann auf die jeweiligen Probleme der Schüler individuell eingegangen werden. Die Betreuer versuchen, jedes Kind so weit zu motivieren und zu unterstützen, dass es die von den Lehrern gestellten Hausaufgaben so gut wie möglich bearbeiten kann. Dabei vermitteln die ehrenamtlichen Helfer, bei denen die männlichen Mitarbeiter sich leider in der Minderzahl befinden, nicht nur Wissen, sondern auch Werte.
Wenn auch die Arbeit mit den Kindern zuweilen kein einfaches Unterfangen darstellt und das Hausaufgaben-Team bei Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten an seine Grenzen gerät, so kann dieses Engagement nur als pädagogischer Glücksfall angesehen werden. Denn hier wird gelobt, aufgemuntert, bestärkt, motiviert, kritisiert, zuweilen geschimpft, verbessert, getröstet, Schnürsenkel werden gebunden oder Verlorenes gemeinsam gesucht, aber vor allem wird mit den Kindern viel gesprochen und gelacht. Bei soviel aufbauendem Einsatz nimmt es nicht Wunder, dass so manch eines der Kinder lieber in die Lern- und Hausaufgabenhilfe geht als in den Unterricht.
