Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich nur einzelne Buchstaben entziffern konnte, aber den Zusammenhang und den Sinn nicht kapiert habe“, sagt Charlotte Ziegler. Die heute 16-jährige Jugendliche war Schülerin der ersten Leseklasse, die Christel Rott vom Jahr 2004 an in der Kirchheimer Freihof-Grundschule unterrichtete. „Verunsichert, ängstlich und irritiert von sich selbst“ sei das Mädchen ursprünglich gewesen, so die Lehrerin. Noch als Achtjährige habe Charlotte Buchstaben vertauscht oder gedreht, Silben nicht erkannt, sie wusste nicht, wo Wörter anfangen oder aufhören. „Das alles gab es bei ihren drei älteren Geschwistern nicht“, berichtet die Mutter.
Leicht sei es ihr damals nicht gefallen, den gewohnten Klassenverband an der Freihof-Grundschule zu verlassen und in die Leseklasse zu wechseln, sagt Charlotte heute. „Es hat eine Weile gebraucht, bis ich Vertrauen gefasst hatte und mich aufs Lesenlernen einlassen konnte. Aber ich hatte Zeit, mich zu entwickeln“, so die Kirchheimerin rückblickend.
Nach zwei Jahren in der Leseklasse hatte sich die Schülerin Christel Rott zufolge extrem verändert: Ausdauerndes und konzentriertes Arbeiten zeichneten die inzwischen sehr selbstbewusste Schülerin aus. Auch hatte sie einen sehr guten Lesestand erreicht und ein gutes Rechtschreibgespür entwickelt.
Dem Übergang an die Realschule stand damit im Jahr 2006 nichts entgegen. Auf die Lese-Rechtschreib-Schwäche wurde dort Rücksicht genommen: „Bis zur siebten Klasse haben die Lehrer meine Diktate und Aufsätze anders gewertet“, sagt Charlotte. Im vergangenen Sommer hat sie die mittlere Reife mit sehr guten Noten auch in Deutsch abgelegt. „Nur Englisch ist mir bis zum Schluss nicht so leicht gefallen“, erzählt sie.
Heute liest Charlotte viel, charakterisiert sich selbst als „diszipliniert und strukturiert“ und besucht das Sozialwissenschaftliche Gymnasium in Nürtingen, um – wenn auch auf einem anderen Weg als ihre Geschwister – das Abitur zu machen und später zu studieren.ank
