Stadtarchiv gibt Einblicke in die Machtverhältnisse gestern und heute
Auf der Spur Kirchheimer Frauen

Eine Frau an der Spitze einer Stadtverwaltung? Was heute in Kirchheim völlig normal ist, war bis vor wenigen Jahrzehnten eine echte Sensation. Stadtarchivar Dr. Joachim Brüser begab sich zu den Kirchheimer Frauen-Kultur-Tagen mit seinem Team auf Spurensuche und zeigte am gestrigen Sonntag am „Tag der Archive“, wie sich die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen im Laufe der Jahrhunderte verändert hat.

Kirchheim. Einmal im Jahr öffnet das Team des Kirchheimer Stadtarchivs seine Schatzkammer und gibt den Blick frei auf die rund anderthalb Kilometer Papier, die Auskunft über das Leben, die Machtverteilung und die Politik in der Teckstadt geben. Von den Rechnungsbüchern über die Kataster bis hin zu den Taufregistern und Standesamtdaten erzählen hier Dokumente aus der Vergangenheit der Stadt. Sie berichten auch über interessante Frauen, die die Geschichte Kirchheims mitgeprägt haben.

Eine dieser Frauen ist die „Bacherin“. Unter diesem Namen war die Ehefrau des Schlossers Johannes Bacher im Kirchheim des 19. Jahrhunderts bekannt. In der Marktstraße 7 stand sie als Wirtin in der Bierschenke, die damals als Treffpunkt der Republikaner galt. Ein würziger Duft aus Tabakrauch und Limburger Käse, so heißt es in einem zeitgenössischen Bericht dazu, beize Nase und Augen. Auf dem Papier lief die Schenke unter dem Namen ihres Mannes. „Dass eine Frau eine Wirtschaft führte, war zu dieser Zeit undenkbar“, erklärte Archiv-Mitarbeiterin Renate Schattel. Zusammengetragen hat das Archiv-Team diese Information übrigens in Kleinarbeit: Neben dem Kataster zogen die Mitarbeiter dazu auch das Familienstammbuch und das Güterbuch heran. „Man braucht Geduld“, sagte Renate Schattel über die Recherchearbeit im Archiv.

Aus den alten Ausgaben des Teckboten, der von der ersten Ausgabe 1832 bis heute komplett ebenso als wertvolle Quelle im Stadtarchiv ruht, erfahren die Besucher im Lesesaal auch etwas über die erste Kirchheimer Stadträtin Frieda Keppler. 1947 rückte sie in das städtische Parlament – fast zwei Jahrzehnte nachdem die Frauen in Deutschland ihr Wahlrecht erhalten hatten. „Auch mehr ein Zufall“, so Renate Schattel. Denn eigentlich war es der Sohn des renommierten Gatten, dem Gewerbeschulrat Johannes Keppler, den die CDU damals für die Liste gewinnen wollte. Als der dankend ablehnte, ergriff Frieda Keppler die Chance und zog als Stimmenkönigin in das Gremium ein. Denn auch die engagierte Kirchheimerin war in der Teckstadt keine Unbekannte: „Frieda Keppler war Hebamme. Man kannte sie in der Stadt“, erklärte die Expertin.

Ohne Zweifel dürften auch die Dominikanerinnen, die über Jahrhunderte in Kirchheim ein großes und reiches Kloster führten, ein nicht zu unterschätzendes Gewicht in der Stadt gehabt haben. Vom Reichtum des Klosters zeugen heute noch die Fragmente, die Brüser beim Rundgang durch das Archiv zeigte: Kostbar gestaltete Liturgie-Blätter oder auch ein Stück aus einer lateinischen Bibel aus dem zehnten Jahrhundert hat man bergen können. Die Seiten fanden sich übrigens durch Zufall: Da Pergament und Papier kostbar waren, recycelten die Menschen die Bücher aus dem Kloster nach der Auflösung 1534 und machten daraus Einbände für die Akten der Stadt. Auch einen Blick auf das wohl wertvollste Stück gewährte der Stadtarchivar den zahlreichen Gästen: Ein Fragment aus einer auf Pergament gedruckten Gutenberg-Bibel.

Dass sich zwischen den trockenen Zahlen und Ausgabenlisten interessante Details finden, beweist unter anderem die Geschichte der Kunstmalerin Anna Maria Benz. Sie schuf die beiden Medaillons, die auch heute noch die Epitaphe des Vogtes Widerholt und seiner Gattin in der Martinskirche schmücken. „Es ist ungewöhnlich, dass eine Frau solch prominente Dinge malen durfte“, sagte Brüser. Acht Gulden stellte die Malerin in Rechnung. Auch im Inventar- und Teilungsverzeichnis ist vermerkt, dass sie die beiden Bildnisse schuf.

Ohnehin sind diese Aufstellungen, die ein Beamter nach dem Tode eines Bürgers präzise ermittelte, ein wichtiger Fundus für Historiker. Vom Schnupftuch bis zur Socke wurden alle Besitztümer peinlich genau notiert und auf ihren Wert geschätzt. Früher diente dies dazu, Erbstreitigkeiten zu vermeiden und dafür zu sorgen, dass die Steuer ordentlich bezahlt wurde. Heute geben sie Forschern darüber Auskunft, ab wann in Kirchheim Kaffee getrunken wurde, welche Bürger sich Porzellan leisten konnten und welche von Holzgeschirr aßen.

Neben dem Blick auf die Geschichte der Frau in der Gesellschaft gaben Brüser und sein Team zugleich die Möglichkeit, sich mit den Aufgaben des Stadtarchivs näher zu befassen. Denn hier lagern nicht nur Dokumente aus der Geschichte, sondern auch Akten aus der jüngsten Vergangenheit der Stadt. „Wir sind regelmäßig in der Stadtverwaltung unterwegs, um Akten einzusammeln“, erklärte der Archivar. Gerade wenn ein Umzug oder eine Pensionierung anstehe, müsse genau geprüft werden, welche Dokumente aus rechtlicher Sicht noch aufbewahrt werden müssen – und welche aus historischer Sicht aufbewahrt werden sollten.

Zwar unterliegen insbesondere Personalakten oder auch wichtige Unterlagen einer Sperrfrist, dennoch können die Bürger das Archiv auch für eigene Recherchen nutzen. So arbeitet das Archiv derzeit daran, die wertvollen Fragmente und historische Urkunden zu digitalisieren und den Internetnutzern zur Verfügung zu stellen. Viele einsehbare Unterlagen wie auch das komplette Archiv des Teckboten sind als Mikrofilm einsehbar. Die Frauen-Geschichten, mit denen das Team den Tag des Archives füllte, machen jedenfalls Lust, sich tiefer in die Geschichte der Stadt und ihrer Menschen einzulesen. Allein der Lesesaal mit seinen Mikrofilmen alter Teckboten-Ausgaben und den rund 5 000 Büchern zur Stadt- und Landesgeschichte ist ein wahrer Schatz an Wissen.