Dettingen. Marin Braun blickt nach oben zu dem hohen, kantigen Fels, der bedrohlich in die Lüfte ragt. Der 24-Jährige hat Höhenangst – dennoch stellt er sich der Herausforderung. Seine Hände greifen ruhig von einem Stein zum nächsten. In seinem Gesichtsausdruck spiegeln sich Mut und Konzentration. Der Dettinger klettert höher und höher – solange, bis er schließlich sein Ziel erreicht hat. Stolz reckt er oben angekommen seine Fäuste gen Himmel und präsentiert ein strahlendes „Siegerlächeln“. Geschafft!
Während die Mädchen und Jungs im neuen Gemeindehaus in Dettingen gebannt auf die Leinwand schauen und den Videoclip mit Marin Brauns Kletterexperiment verfolgen, baumelt der „Aufsteiger“ mit Höhenangst im hinteren Teil des Raumes sicher in einem Seil „sitzend“ in der Luft. Vom Balkon aus, der in den Raum integriert ist, schwebt er in voller Klettermontur nach unten. Dort erwarten ihn bereits die jugendlichen Zuschauer und Markus Eichler. Der Jugendreferent der evangelischen Kirchengemeinde Dettingen löchert den Sportler sogleich mit Fragen: Ist das Klettern mit hohem Risiko verbunden? Braucht man überhaupt eine Sicherung? Wie kann man die Höhenangst überwinden? Und welche Rolle spielt der Glaube?
„Ich klettere unter anderem deshalb, weil ich Höhenangst habe“, erzählt Marin Braun. „Ich sage mir einfach immer wieder aufs Neue, dass alles sicher ist. Und ich weiß: Wenn ich falle, dann falle ich ins Seil.“ Ganz ähnlich verhalte es sich mit dem Glauben, fügt der junge Mann hinzu: „Denn im reellen Leben kann ich nicht tiefer als in Gottes Hände fallen.“
Marin Braun hat im Klettern sein persönliches „Jesus-Experiment“ entdeckt – und genau darum geht es bei dem gleichnamigen sechswöchigen Projekt der evangelischen Kirchengemeinde Dettingen, an dem 30 Jugendliche und junge Leute noch bis zu den Pfingstferien teilnehmen. Die zwölf bis 20 Jahre alten Mädchen und Jungs sind alle auf der Suche nach ihrem individuellen Experiment, das einerseits zwar Mut und Kraft erfordert, andererseits aber ihren Glauben vertiefen und sie „näher zu Gott führen“ soll, erklärt Markus Eichler. Bei wöchentlichen Treffen im Gemeindehaus erhalten die Teilnehmer Impulse – sei es durch das „Video der Woche“, das an diesem Mittwochabend den Kletterer Marin Braun zeigt, bei Geocaching-Touren mit Michael Hack, der während der Schnitzeljagd mit Bibelquizfragen von sich und seinem Leben mit Gott erzählt, oder bei den Gruppengesprächen, die ehrenamtliche Referenten leiten.
Einer dieser Ehrenamtlichen ist Thommy Krimmer, Sohn des früheren Dettinger Pfarrers Dr. Heiko Krimmer. Er spricht in lässigem Plauderton vor acht Mädchen über das Thema „Beziehungen und Sexualität“. Auf den Tischen liegen kleine Zettel. Darauf notieren die Teilnehmer Stichworte und Fragen, die ihnen schon immer unter den Nägeln brannten. Da gibt es zum Beispiel den Bereich „Sex vor der Ehe“ oder die Fragen „Wie ticken Männer?“ und „Warum sind Männer manchmal so gefühllos?“. Thommy Krimmer geht auf jeden Bereich ein und zieht dabei auch die Bibel zurate. „Die Bibel gibt uns die klare Anweisung: Seid fruchtbar und mehret euch“, betont der Referent. „Gott hat sich dabei gedacht, dass Kinder entstehen sollen“, fügt er hinzu und schlägt auch kritische Töne an: „Heute ist alles erlaubt, was Spaß macht. Man legt sich nicht mehr auf etwas fest.“ Die Ehe habe keinen großen Stellenwert mehr, jede zweite werde mittlerweile geschieden. „Die traditionelle Familie, die unsere Gesellschaft stützt, geht verloren.“
Ein Stockwerk höher beschäftigen sich sechs Jungs um Referentin Ann-Kathrin Seitz mit einem nicht minder nachdenklich stimmenden Themenkomplex: dem Bereich Armut. Die 20-Jährige, die in einer Hartz-IV-Familie lebt, erzählt von den Problemen, die Armut mit sich bringt. „Ein Auto ist nicht drin, Urlaub können wir uns nicht leisten, keine Tageszeitung, keine Vereinsmitgliedschaften . . . Und am schlimmsten ist, dass wir keine Rücklagen haben.“ Für ihre Schwester sei besonders tragisch, dass sie bei Geburstagen innerhalb der Familie keine Geschenke kaufen könne, fügt Ann-Kathrin Seitz hinzu. Die junge Frau strahlt dennoch eine positive Lebenseinstellung aus und bekennt bescheiden: „Ich habe Glück. Es gibt Leute, denen es schlechter geht.“ Um zu dieser Überzeugung zu gelangen, habe ihr Glaube eine entscheidende Rolle gespielt. „Ich vertraue darauf, dass Gott es gut macht, dass ich geborgen bin und dass er einen Weg für mich hat.“
Ann-Kathrin Seitz gibt ihren Zuhörern schließlich ein Experiment mit auf den Weg: Jeder erhält einen Euro, der sieben Tage lang als Taschengeld dienen soll. „Die Herausforderung ist, dass ihr mit diesem Euro eure komplette Freizeit bestreitet.“ Dieser Aufgabe stellen will sich auf jeden Fall der 17 Jahre alte Sean aus Kirchheim: „Ich hab‘ schon ein bisschen Angst davor, denn ich bin Raucher – wenn der Tabak ausgeht, wird‘s schwierig“, sagt er schmunzelnd.
Sein Experiment gefunden hat auch der 15-Jährige Valentin aus Dettingen, der an diesem Abend bei der Gesprächsgruppe zum Thema „Identität und Selbstfindung“ mit Referent Stefan Fink dabei ist. „Ich habe mir vorgenommen, öfter in der Bibel zu lesen“, verrät Valentin. Noch unentschieden sind hingegen Marina (16), Karina (16), Jessica (15) und Luisa (15) aus Dettingen. Auch bei einigen anderen Teilnehmern des Projekts steht ihr persönliches „Jesus-Experiment“ noch nicht fest – oder soll nicht verraten werden, weiß Markus Eichler. „Schließlich ist es etwas ganz Persönliches.“
