Gelebte Kooperation: Intercity Stuttgart-Kirchheim im Kornhaus-Obergeschoss
Aufreizend spannende Angebote

Kirchheim. Zahlreiche Besucher waren am Sonntag trotz des traumhaft schönen Wetters in das erste Obergeschoss des Kornhauses gekommen, um die Eröffnung der Ausstellung „Intercity Stuttgart-Kirchheim“ zu sehen. Zu diesem Kooperationsprojekt hatte der Kunstverein 


Kirchheim die Inter-Art Galerie in der Stuttgarter Rosenstraße eingeladen. Im Gegenzug sollen im Juli Künstlerinnen und Künstler des Kirchheimer Kunstvereins in Stuttgart ausstellen. „Ich spreche gerne im Plural von den städtischen Galerien in Kirchheim, da das Kornhaus mehrere Stockwerke für unterschiedliche Kunstausstellungen anzubieten hat“ so Oberbürgermeis­terin Angelika Matt-Heidecker in ihrer Begrüßung. „Kunst hat die Aufgabe, Neugierde zu wecken, Ideen zu überbringen und gelebte Kooperationen zu eröffnen. Ich freue mich, dass der Kunstverein Kirchheim mit seiner neuen Führung damit auf gutem Wege ist“, so Matt-Heidecker weiter.

Im ersten Obergeschoss des Kornhauses werden zwei der sechs Ausstellungen im Jahr vom Kunstverein veranstaltet. Von Klaus Bushoff, Jahrgang 1937, ist „Fräulein Holle“ zu sehen, die dabei nur silhouettenhaft als Akt zu erahnen ist, dargestellt aus zerschnittenen und übereinander montierten Polystyrolscheiben in einem Bildkas­ten von 1979. Von vorne ist die Figur als hell-dunkler Akt, von der Rückseite als farbenfrohe Abstraktion zu erkennen. Weitere Arbeiten des Künstlers sind Gerüstplastiken von 2010, die wie bemaltes Geäst wirken. Ulli Heyd, Vorsitzende des Künstlerbundes Baden-Württemberg, Jahrgang 1948, zeigt mit „blue trees“ eine Installation, bei der auf Acrylglas blaue, gespinstartige Strukturen in Fine Art Print, einer digitalen Direktdrucktechnik, aufgebracht wurden. In einen Granitsockel eingelassen, stehen sie im Licht eines Fensters, an dessen Nische sich das „graue Gespinst“ als Applikation aus Stahlwolle ausbreitet. Mit blauen, rotgrauen und graugelben Abstraktionen, die in Aquatintatechnik ausgeführt sind, ist der Künstler Georg ­Ozory von der Inter-Art Galerie vertreten, der Union freischaffender Künstler und Kunstfreunde Stuttgart. Die abstrakten Werke des 1945 in Budapest geborenen Ozory stehen mit ihrem informellen Gestus in der Tradition von Wols oder Cy Twombly. Von Heinrich Rohwedder, Jahrgang 1936, werden abstrakte Bronzeskulpturen auf Sockeln präsentiert. Teilweise arbeitet der Künstler auch figürlich, wie in der Bronzeskulptur „Mann vor Sonne“. Die in der Ausstellung vertretenen Jahrgänge 1936 bis 1948 gehören der Künstlergeneration an, zu deren Vorbildern die „L‘Art Informel“ in Paris, oder in Deutschland die Neue Abstraktion mit Schumacher, Wols und anderen zählten.

Die Pioniere einer abstrakten, internationalen Kunstsprache öffneten nach der Nazidiktatur und dem Zweiten Weltkrieg die Rückkehr deutscher Künstler in den Kreis der internationalen Avantgarde. Freiheit und Kunst nach der Stunde Null, Paris als internationales Zentrum der Kunst und „savoir vivre“ waren die Ideale einer ganzen Generation. In der Ausstellung finden sich jedoch auch Werke jüngerer Künstler, wie der 1964 geborene F.-Michael Starz, der sich mit dem Feld der Abstraktion, der reinen Farbe und dem autonomen Bild befasst. Starz zeigt mit Werken wie „Spanischer Bogen“, „Schwimmer“ oder „Kern“, informelle und gestische Malerei mit dicker Ölfarbe auf Leinwand. Die Farbe wirkt hier durch ihre Leuchtkraft und als Farbsubstanz, die heftige Bewegungsspuren des Malers wiedergibt.

In seiner Einführung verwies Professor Klaus Bushoff auf das Phänomen, dass „in den Fernsehkrimis die Nuscheleien das Spannende sind. Nicht spannend sind die verstehbaren Dialoge.“ Und in den Ausstellungen kleiner Kunstvereine seien die verwirrenden Kreuz-und-quer-Angebote aufreizend spannend. Bushoff verwies allerdings auch auf die Nachwuchsprobleme des Kunstvereins Kirchheim. Vor allem schwänden die fördernden Mitglieder dahin und „die bindungsscheuen Jüngeren zieht es nach Berlin, dem gelobten Land der Sozialhilfe.“