Kirchheim. Das Wort „Hospiz“ löst unangenehme Empfindungen aus, Bilder von Rollstühlen, Krankheiten und Todesängsten. Wenn man der
Einladung des Arbeitskreises Hospiz am Volkstrauertag in den Kirchheimer Spitalkeller gefolgt war, bekam man Hinweise, wie man mit diesen Ängsten umgehen kann. Zwei Rezitatoren und eine Flötengruppe sorgten dafür, dass die Veranstaltung nicht in Resignation versank, die innerhalb der Reihe „Stille Tage – Lebendig Abschied nehmen“ stattfand. Es soll nicht verdrängt werden, dass das Leben des Menschen endlich ist, und manche Menschen unmittelbar vor diesem Ende stehen. Doch die Verzweiflung hat nicht das letzte Wort. Die beiden Rezitatoren Bernd Löffler und Marius Schünke kündigen an, dass sie bei den „Texten der Hoffnung“ vor allem auf die Kraft der Stille verweisen. Diese heute so selten gewordene Existenzform bildete den roten Faden ihrer vielschichtigen Textauswahl.
Marius Schünke erzählte sehr beeindruckend von seinen regelmäßigen Aufenthalten in einem Kloster. Dort habe er das Stillsein gelernt. In den ersten drei Tagen würden die Außenreize noch nachwirken; man meine, Entscheidendes zu versäumen. Danach kehre sich der Prozess um. Aus der Stille komme man zu sich selbst und zu einer Glaubensgrundlage. Das Rilke-Gedicht „Wenn es nur einmal still wäre“ bringt dies poetisch zum Ausdruck.
Die Darbietungen waren in vier Abschnitte eingeteilt. Zu Beginn eines jeden Abschnitts wurde aus Christoph Schlingensiefs Krebstagebuch „So schön kann‘s im Himmel gar nicht sein“ zitiert. Der Regisseur und Aktionskünstler machte sich angesichts seines bevorstehenden Todes Gedanken über Gott und die Welt. Er klagte nicht über die Aussicht, bald sterben zu müssen, sondern pries das gelebte Leben. Damit gab er Schicksalsgenossen – zum Beispiel in einem Hospiz – einen Hinweis, wie man mit einer hoffnungslosen Lage umgehen kann.
Bei der Frage nach Gott kamen zwei Mönche zu Wort: David Steinl-Rost und Thomas Merton, von denen die „beata solitudo“, die „selige Einsamkeit“, als Quelle der Gottessuche gepriesen wird. Zu szenischen Mitteln griffen die Rezitatoren beim „Märchen von der traurigen Traurigkeit“, um die Traurigkeit und die Hoffnung dialogisieren zu lassen. Traurigkeit soll nicht unterdrückt werden, soll aber auch nicht das letzte Wort haben.
Wenn man bewusst lebt, kann die Natur Trost spenden. Das kommt in den Gedichten der jüdischen Dichterin Meerbau-Eisinger zum Ausdruck, die mit gerade einmal 18 Jahren in einem Arbeitslager starb. Hölderlins anspruchsvolles Distichon-Gedicht „Gang aufs Land“ schloss sich an.
Stille gewinnt man durch Meditation. Der Philosoph Max Picard formulierte einprägsam: „Das Schweigen ist für das Wort wie ein Netz/das unter dem Seiltänzer ausgespannt ist“. Bei Rilkes Gedicht „Blaue Hortensie“ legten die Rezitatoren tatsächlich Pausen der Stille ein.
Der letzte Teil brachte mit heiteren Hoffnungstexten einen stimmungsmäßigen Aufschwung. In einer Kurzgeschichte von Ljudmila Ulitzkaja wird ein Junge durch eine gelungene Initiative seiner Mutter nicht mehr gemobbt. Rose Ausländer ermutigt („Noch bist du da“), und Fontanes Effi Briest stirbt keineswegs verzweifelt. Damit klang der außerordentlich anregende Textteil aus.
Für die Zwischentöne sorgte eine stattliche Anzahl von Damen: das Flötenensemble der Familienbildungsstätte. Der Bogen spannte sich von Kompositionen aus der Renaissancezeit über ein Menuett von Händel bis hin zu einem schmissigen indianischen Sound im Finale („River“). Eine Kleingruppe, das „Gemshornquartett“, zauberte ungewöhnliche Klänge aus Hörnern von südafrikanischen Zebrarindern.