Kreis Esslingen. Für die zahlreichen Zuhörer aus dem Raum Plochingen war die Entscheidung des Kreistags sicherlich nicht so leicht zu verdauen. Doch sie war, wie nicht nur Landrat Heinz Eininger glaubhaft versicherte, „zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit unumgänglich“. Die Klinik schrieb im operativen Tagesgeschäft keine schwarze Null mehr. Doch der Landrat betrachtete nicht nur den wirtschaftlichen Aspekt als alleinigen Entscheidungsfaktor. Handlungsnotwendigkeit bestehe auch im medizinischen Bereich.
Für einige anspruchsvollen rheumatologischen Leistungen fehlten auf Grund der Größe des Hauses die strukturellen Voraussetzungen, die in Kirchheim gegeben sein werden. „Das ist auch für die Patienten ein Gewinn“, versicherte der Landrat, den die Zukunftsfrage des Klinikverbunds bewegte.
„Die Verlagerung der Inneren Medizin nach Kirchheim stärkt das Kirchheimer Haus“, sagte Heinz Eininger. Dort könne im Zusammenspiel mit der Kardiologie eine starke Einheit entstehen, die eine breitgefächerte internistische Patientenversorgung gewährleiste. Auch die übrigen Fachabteilungen profitierten von dieser Struktur.
Freilich reiche die Verlagerung der Somatik von Plochingen nach Kirchheim zur Gesundung der Kreiskliniken nicht aus. „Es ist ein wichtiger Baustein.“ Weitere müssten an allen Standorten folgen, unabhängig von jedem Fusionsgedanken mit dem Städtischen Klinikum Esslingen. Ziel müsse es sein, an allen Standorten schwarze Zahlen zu schreiben. Deshalb werde die Krankenhauslandschaft im neuen Jahr neu aufzustellen sein.
„Plochingen ist jetzt der erste, aber nicht der entscheidende Schritt“, sagte der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, Alfred Bachofer, und kündigte weitere „schmerzhafte Veränderungen, vor allem in Ruit, an. „Erst dies schafft die Basis für eine Gesamtklinik ‚Stadt und Landkreis Esslingen‘“.
Wie Bachofer, so lehnte es auch CDU-Chef Martin Fritz für seine Fraktion ab, dass der Landkreis auf Dauer die Defizite der Kreiskliniken finanziert. Auch er bezeichnete die Veränderungen für das Plochinger Krankenhaus als einen ersten, alternativlosen Schritt, und versicherte, „ganz bestimmt würden wir heute nicht entscheiden, wenn sich die Gutachter nicht schon vorab zum Standort Plochingen klar positioniert hätten“. Für die Somatik in dem kleinen Krankenhaus werde kein Bedarf mehr gesehen.
Sich für ein „Aus“ für Plochingen zu entscheiden, damit taten sich die Sozialdemokraten schwer, wie ihre Fraktionsvorsitzende Sonja Spohn eingestand. Sie hätten sich gerne auf ein Gutachten und ein Gesamtkonzept gestützt, das alle Kliniken berücksichtigt. Nur auf Grund des Entscheidungsdrucks, der sich in den vergangenen Monaten verschärfte, stimmte eine Mehrheit der SPD-Kreistagsriege der Schließung der Kreisklinik Plochingen zu.
„Der Kreistag hat das Gesamte zu verantworten“, wollte Grünen-Chefin Marianne Erdrich-Sommer das „Aus“ für Plochingen nicht ohne den Zusammenhang sehen. Für sie war die Sache beschlussreif, „alle Fakten, die auf dem Tisch liegen, sprechen für eine Verlagerung“. Damit werde endlich auch die Zitterpartie für die Mitarbeiter beendet.
Plochingen sei zwar nicht das Millionengrab der Kreiskliniken, trage aber zu 50 Prozent des Verlustes bei, meinte FDP-Fraktionsvorsitzender Ulrich Fehrlen, der für seine Liberalen ebenfalls einer Schließung zustimmte. Dagegen für voreilig hielt Ulrich Deuschle, Chef der Republikaner im Kreistag, die Verlagerung der Inneren Abteilung nach Kirchheim.
Gegen die Schließung des Plochinger Krankenhauses wehrte sich der Plochinger Kreisrat Gerhard Remppis, SPD. „Warum wartet man das Gesamtgutachten, das im Januar vorliegt, nicht ab und entscheidet dann in einer Sondersitzung des Kreistags?“, fragte er die Kreisverwaltung. Er hätte auch gerne wegen der Nachnutzung gewartet. Sollte der Kreistag das „Aus“ entscheiden, so werde sich die Welt dennoch weiterdrehen, „für die Menschen in diesem Raum aber geht ein Stück Nähe und Vertrauen verloren“.
Auch Gerlinde Ziegler, Christdemokratin aus Plochingen, hielt es für falsch, „das kleinste Glied zu amputieren“. Für sie jedenfalls lägen weder nachprüfbare Zahlen und Daten für eine Schließung der Plochinger Klinik noch ein schlüssiges Gesamtkonzept für die Kreiskliniken vor.
„Mit der heutigen Entscheidung treffen Sie empfindlich den Nerv des bürgerlichen Selbstverständnisses der Stadt Plochingen“, wies der Bürgermeister der Hundertwasser-Stadt am Neckarknie, Frank Buß, Freie Wähler, auf die fast 150-jährige Geschichte des Krankenhauses hin. Er hielt es, wie Gerlinde Ziegler, für falsch, auf Grund „dürftiger Informationen eine so weitreichende Entscheidung vorzuziehen“. Denn der Kreistag entscheide ohne Kenntnis detaillierter Fakten.
Nach diesen Gegenreden stellte Walter Bauer, SPD, einen Vertagungsantrag auf eine Sondersitzung des Kreistags Ende Januar 2013. Ulrich Deuschle, Republikaner, beantragte, erst zu entscheiden, wenn das Ernst & Young-Gutachten vorliegt. Beide Anträge wurden mehrheitlich abgelehnt.
