Nach den Schüssen am Silvesterabend in Nürtingen sind zwei Tatverdächtige in Haft
Aus Langeweile drauflosgeballert?

Eine Rakete, die außer Kontrolle geraten ist und ihr Ziel verfehlt hat: Das dachte die Silvestergesellschaft, als sie am Montag kurz nach 22 Uhr zu Tisch saß und es in der Küche einen lauten Knall tat. Kurze Zeit später stellte sich heraus: Es war mit einer Faustfeuerwaffe geschossen worden. Vermutlich aus Langeweile.

Nürtingen. Zwei tatverdächtige Personen waren unmittelbar nach der Tat festgenommen worden. Die Hintergründe des mysteriösen Vorfalls liegen jedoch weiterhin im Dunkeln. Die Polizei ermittelt noch, doch wie aus gut informierten Kreisen zu hören ist, geht man wohl nicht von einem gezielten Anschlag aus.

Das sieht auch der Besitzer der Wohnung so, in dessen Küche das Projektil einschlug. Er schildert, wie er diesen Silvesterabend am Rande des Ersbergs erlebt hat, den die Familie wohl nicht so schnell vergessen wird: Zu neunt sei man im Wohnzimmer gesessen und habe bei Speis und Trank den letzten Abend des Jahres 2012 genossen. „Plötzlich hat es in der Küche nebenan einen Riesenschlag getan“, erzählt der Mann aus der Kirchheimer Vorstadt. Er rannte sofort in die Richtung, aus der das Geräusch kam: „Ich dachte zuerst an eine Rakete. Alles lag voller Glasscherben.“

Die Fensterscheibe war nicht etwa in Tausend Stücke zersplittert, sondern habe ein seiner Einschätzung nach etwa faustgroßes Loch aufgewiesen: „Dann habe ich nach draußen geguckt und gesehen, dass da einer aus einem Haus in der Werastraße ballert.“ Da habe er natürlich sofort die Polizei gerufen.

Um eine Kurzschlusshandlung mit einem einmaligen „Ausraster“ handelte es sich offensichtlich bei der Sache nicht: „Auch nach meinem Anruf bei der Polizei, hat der munter weitergeballert.“ In Nachbarhäusern gebe es ein Loch in der Wand und eine durchlöcherte Dachrinne, auch ein Holzschuppen sei getroffen worden.

Den mutmaßlichen Täter kenne er persönlich nicht: „Ich glaube nicht, dass das gezielt uns galt. Der hat einfach willkürlich in die Gegend geschossen.“ Das deckt sich übrigens mit der Einschätzung des Pressesprechers der Polizeidirektion Esslingen, Matthias Bellmer. Das Motiv für die Schüsse sei „möglicherweise Langeweile“, sagte er.

Dennoch wurde es dem Familienvater im Nachhinein schon mulmig: „Das Loch im Küchenschrank war so richtig auf Kopfhöhe. Wenn meine Frau oder ich an der Spüle gestanden wären, hätte das übel ausgehen können.“

Daran liegt es wohl auch, dass Staatsanwalt und Haftrichterin die Sache nicht als „dummen Silvesterstreich“ abtun wollten. Die Ermittlungen laufen auf jeden Fall in Richtung „versuchter Totschlag“. Und wegen Fluchtgefahr verhängte die Haftrichterin Haftbefehle gegen die beiden 23 und 45 Jahre alten Tatverdächtigen, so Presse-Staatsanwältin Claudia Krauth.

Warum gegen zwei, wenn doch nur einer schoss? Nach bisherigem Erkenntnis- und Ermittlungsstand habe einer der beiden die „Faustfeuerwaffe“ illegal in der Wohnung gehabt, so Matthias Bellmer. Dann habe der andere sie genommen und damit losgeschossen, so Claudia Krauth. Auf jeden Fall handle es sich um unerlaubten Waffenbesitz, und wenn der Besitzer der illegalen Knarre seinen Gast an seinem Tun nicht gehindert und sogar dazu ermutigt habe, komme Beihilfe zum versuchten Totschlag in Betracht. Es war übrigens von bis zu 80 Patronenhülsen die Rede, die die Kriminalpolizei bei ihren Ermittlungen gefunden habe.