Kirchheim. Im Rahmen der Tasta-Tour ist es den Veranstaltern mit der Verpflichtung des Pianisten Daniel Röhm gelungen, einen bereits vielfach dekorierten und längst in der
Ernst Kemmner
Pianistenszene arrivierten „Hochkaräter“ nach Kirchheim zu holen. Der Künstler setzte bei diesem Anlass mit Werken von Franz Schubert, Ludwig van Beethoven, Franz Liszt und Ernst von Dohnanyi gleich mehrere musikalische Ausrufezeichen.
Vor der Pause erklangen zunächst Schuberts „12 Deutsche Tänze“ D 790, Beethovens Klaviersonate E-Dur, op. 109 und Liszts „Dante-Sonate“ (Fantasia quasi Sonata) d-Moll / Fis-Dur. Um die musikepochale Zusammengehörigkeit der drei Werke zu demonstrieren, intonierte sie Daniel Röhm – was aus Künstlersicht gewiss einigermaßen nachvollziehbar ist – quasi zäsurlos, was aber, wie sich in Pausengesprächen herausstellte, bei manchem Konzertbesucher zu einer gewissen Orientierungslosigkeit führte.
Schubert komponierte rund 450 Tänze, doch bedachte er darin weniger das tanzbesessene Wien mit den damals so sehr nachgefragten Walzern, sondern bevorzugte das kammermusikalische Genre. Schubert selbst schätzte seine Kompositionen auf diesem Gebiet nicht sehr hoch ein, wobei es sich durchaus nicht um seichte Gebrauchsmusik handelt. Vielmehr sind es kleine Preziosen mit unterschiedlichem virtuosem Anspruch, die Daniel Röhm mit großem Ausdruckswillen und klanggestalterischen Potenzial an diesem Abend zum Leuchten brachte. Mal quirlig perlend, mal kontemplativ zart, mit feinen agogischen Dehnungen und in gekonnt „ausgereizter“ dynamischer Differenzierung stellte er die Kontraste dieser Charakterstücke im Wechsel zwischen energisch-stürmischen und gesanglichen Passagen schön heraus. Große rhythmische Prägnanz zeigte er dabei unter anderem bei zierlichen, punktgenau musizierten Umspielungen, Vorhalten und Trillern.
Beethovens Sonate E-Dur steht unter seinen Spätwerken durch die strahlende Tonart fast einzig da und ihre Grundstimmung glücklicher Begeisterung steigert sich nach und nach zu polyphon klangpraller Ekstase. Das dreisätzige Werk ist über die Satzgrenzen hinaus als kompositorische Einheit zu verstehen, was von Daniel Röhm stringent umgesetzt wurde. So wurde zum Beispiel das Adagio espressivo des Kopfsatzes ausdrucksstark und mit großem Ton dargeboten. Mitreißend auch das Prestissimo, ein wild aufbrausendes Scherzo mit dem prägnanten Schluss einer absteigenden Basslinie mit darüber liegenden hämmernden Akkorden. Schön ausgespielt wurde das innig-schlichte Thema des Abschlusssatzes mit seinen sechs Variationen, wobei heikelste Rhythmen mit wechselnden schnellen Sextolen und Zweiunddreißigsteln trefflich bewältigt wurden.
Polyphon klangpralle Ekstase
Den Anspruch höchster Virtuosität, gepaart mit ausgeprägter Gestaltungskraft stellte auch Liszts „Dante-Sonate“, die 1849 komponiert und 1856 als Teil des zweiten Bandes der »Années de pèlerinage« veröffentlicht wurde. Zu diesem einsätzigen Werk mit Zügen von Programmmusik, das als eines der schwierigsten im Standardrepertoire für Soloklavier gilt, wurde Liszt durch die Lektüre von Dantes „Göttlicher Komödie“, vor allem des „Inferno“, inspiriert. Dabei kommen im ersten Teil in d-Moll die Klagen der zur Hölle Verdammten programmatisch in absteigender Chromatik zum Ausdruck. Daniel Röhm bot diesen Teil mitreißend und mit leidenschaftlicher Souveränität dar, bevor er zum krönenden Abschluss den choralartigen, bisweilen in seiner Fülle an einen kontrapunktischen Orgelsatz erinnernden Teil in Fis-Dur folgen ließ, der die Freude und Dankbarkeit der zum Himmel Aufgestiegenen versinnbildlichen soll. Lang anhaltender Beifall für alle drei vor der Pause dargebotenen Werke.
Nach der Pause widmete sich der Künstler einem knapp halbstündigen, weniger bekannten Werk des Komponisten und Pianisten Ernst von Dohnanyi (1877-1960), den „Vier Rhapsodien“, Opus 11, die 1902 bis 1903 komponiert und im folgenden Jahr in Wien uraufgeführt wurden. Die Rhapsodien sind brillant gesetzt und spätromantisch geprägt, wie Dohnanyi in seinem Schaffen überhaupt von Vorbildern wie Schumann und Brahms inspiriert wurde.
Auch in dieser Darbietung bewies Daniel Röhm sein in puncto pianistischer Raffinesse, Ausdruckskraft und interpretatorischem Gestaltungswillen stupendes Vermögen. Pianistisches Pathos und leidenschaftlicher Gestus beim fast explosiven Schluss der ersten Rhapsodie waren da ebenso zu vernehmen wie Tremolo-Kaskaden, alternierend mit fein ausgespieltem Parlando im lyrischen Intermezzo der zweiten Rhapsodie, wobei hier der tremolierend im Pianissimo verebbende Schluss besonders bestach. Der gut gelaunten, spielfreudig dahin huschenden dritten Rhapsodie folgte schließlich die abschließende vierte, in der das „Dies Irae“-Motiv aus der Totenmesse der römischen Liturgie zitiert wird. Daniel Röhm spielte das pulsierende Motiv des Beginns höchst spannungsvoll und dynamisch aufblühend bis zu heftigem Fortissimo mit donnernden Akkordschlägen, bis hin zu den pompös-wuchtigen Dur-Harmonien des von ihm grandios und höchst publikumswirksam musizierten Schlusses. Das restlos begeisterte Publikum reagierte mit Bravorufen und euphorischem Beifall, was vom Künstler noch mit zwei Schubert-Zugaben der leisen, aber melodiös schmeichelnden Art honoriert wurde.
