Weilheim. „Er konnte so schöne Briefe schreiben“, schwärmt Emilie Zweiböhmer heute noch, wenn sie an den Beginn ihrer großen Liebe denkt. Die poetische Ader ließ sie schließlich auch darüber hinwegsehen, dass ihr zukünftiger Mann etwas kleiner war als sie selbst. Johann (Hans) Zweiböhmer wiederum ließ sich wohl vor allem von der Schönheit seiner Auserwählten gefangennehmen. „Ich glaube, an ihr konnte ein Mann einfach nicht vorbeigehen, so gut sah sie aus“, sagt Ursula Hofbauer, die Tochter der beiden. Sie wohnt mit ihrem Mann im angrenzenden Haus an der Oberen Mühlstraße in Weilheim und versorgt ihre hochbetagten Eltern.
Eher zufällig landete Hans Zweiböhmer nach dem Krieg nach einem Fußmarsch aus dem Lechtal in Weilheim. Dort wurde er in der Nachbarschaft von Emilie Zweiböhmer einquartiert. Geboren in Recklinghausen, hatte er als Kind zwölf Jahre in Holland verbracht. Weitere Stationen waren Aachen und Thüringen. Anfangs hielt sich der einstige Stadtmensch in seiner neuen Heimat Weilheim als Waldarbeiter über Wasser und packte auch in der Landwirtschaft seiner Schwiegereltern mit an. „Meine Frau hat mir geholfen, hier Fuß zu fassen“, betont der 90-Jährige. Eine Kirchheimer Firma gab dem gelernten Bankkaufmann schließlich eine Chance, obwohl er keine Papiere bei sich hatte. „Die waren sehr fair zu ihm. Nach kurzer Zeit bekam er einen besseren Lohn, weil er seine Arbeit gut machte“, weiß Tochter Ursula Hofbauer.
Schon bald, am 6. April 1946, gaben sich die damals 22- und 25-Jährigen das Ja-Wort. Noch heute muss Emilie Zweiböhmer lachen, wenn sie darüber nachdenkt, unter welch schwierigen Bedingungen das Fest über die Bühne ging: „Brautkleid, Strümpfe und Schuhe musste ich mir ausleihen. Und mein Mann hatte nach dem Krieg ja nur das, was er auf dem Leib trug.“ Hans Zweiböhmers Eltern lebten mittlerweile in Leipzig, weshalb nicht einfach ein Anzug per Post verschickt werden konnte. „Hundertgrammweise kam der Hochzeitsanzug bei uns an“, erinnert sich Emilie Zweiböhmer. Schritt für Schritt musste sie das gute Stück schließlich zusammennähen.
Als Zweitjüngste von insgesamt sechs Kindern blieb sie im Haus ihrer Eltern und kümmerte sich mit um die Landwirtschaft. Nach der Geburt ihrer Tochter Ursula im Jahr 1948 sah sie ihre Aufgabe vor allem als Hausfrau und Mutter. Inzwischen hatte Hans Zweiböhmer bei der Weilheimer Firma Erdbau Fischer eine Anstellung bekommen. Bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1984 arbeitete er als Prokurist in dem Unternehmen. Neben Hans Zweiböhmers Beruf spielte für das Familienleben 25 Jahre lang auch sein Vorstandsposten bei der Weilheimer Bank eine große Rolle. Zu dem Ehrenamt gehörte unter anderem, Mitgliederreisen zu organisieren. „Wir waren auf Gran Canaria, Mallorca, Kreta, in Tunesien und Athen“, erinnert sich Emilie Zweiböhmer. „Wenn wir von einer Reise zurückkamen, haben die Leute schon gefragt, wo‘s im nächsten Jahr hingeht“, sagt die 87-Jährige schmunzelnd. Dass sie ihren inzwischen 90-jährigen Mann auf all den Reisen begleitete, verstand sich für die Weilheimerin von selbst. „Noch heute gehen meine Eltern Hand in Hand“, erzählt Ursula Hofbauer und ihre Mutter fügt hinzu: „Bei uns gab es nie ein schlechtes Wort.“ Auch wenn der Aktionsradius der Jubilare inzwischen eingeschränkt ist – die Teilnahme am Gottesdienst der Neuapostolischen Kirche zweimal in der Woche steht nach wie vor unverrückbar im Kalender.
Das eigentliche Ehejubiläum steht zwar erst morgen ins Haus. Groß gefeiert wurde jedoch bereits am Sonntag. 60 Leute waren zu Gast, darunter natürlich auch der 40-jährige Enkel, der Ursula Hofbauer genauso wie die Nachbarn bei der Versorgung ihrer Eltern immer wieder gerne unter die Arme greift.
