Kirchheim. „Zwei Pole stehen einander gegenüber“, fasst Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker die Situation zusammen anlässlich eines Gesprächsabends, zu dem die Bewohner des Paradiesles eigens von der Stadt eingeladen wurden. Vor mehr als einem Jahr schon schlugen nämlich bei der Stadtchefin Beschwerden auf über zu viel Lärm und Leben am Paradiesplatz. Auf der anderen Seite zeigen sich aber auch viele Anwohner erfreut über die Nutzungsmöglichkeiten für den Platz. Neben Sitzbänken gibt es beispielsweise auch eine Boulebahn.
Fast in zweistelliger Personenzahl war die Verwaltung angereist, um an einzelnen Tischen mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen. Ihre Statements machten schnell klar, dass im Paradiesle mitunter höllisch gestritten wird. Heftig beklagt wurde der Krach, der vom Spielplatz ausgeht. Selbst zwischen 12 und 14 Uhr sei an ein Mittagsschläfchen nicht zu denken, merkte eine Anwohnerin an. Eine weitere berichtete von ledernen Fußbällen, die unermüdlich gegen ihre Wand „gedonnert“ würden.
„Das ist längst kein Platz der Begegnung mehr, sondern einer der Konfrontation“, fasste ein Bürger zusammen. Er habe dreifach verglaste Scheiben und könne dennoch kein Buch lesen, wenn auf dem Spielplatz Remmidemmi herrsche. Andere fühlen sich auf den höheren Terrassen von Kindern, die auf den hohen Spielgeräten sitzen, beobachtet. Wer ebenerdig wohnt, muss damit rechnen, dass Mädchen und Jungen hinter ihrem Ball her durch die Hecke hechten oder gar im Gras ihre Blase leeren.
Interessant jedoch auch die andere Seite: Beim Spielen fehle der Schatten, bedauerte eine junge Mutter. „Kinderlärm stört mich nicht!“, lautete die Aussage einer weiteren Anwohnerin. Sie hatte eher die Autos im Visier: Wer direkt am Quartiersplatz wohne, sollte wissen, dass er dort extrem verkehrsberuhigt lebe. Andere müssten schon aufgrund der Zufahrt zur Grünschnittsammelstelle viel Verkehr ertragen: „Mit wäre Kinderlärm lieber als Autolärm“, gab die Frau zu bedenken.
Rechtsamtsleiterin Christine Riesener räumte zunächst mit einigen Missverständnissen auf und sorgte juristisch für Klarheit. So gelten reine Spielplätze als „privilegiert“, Kinderlärm sei demzufolge keine verwertbare Größe. „Wir dürfen dort auch keine Mittagspause bestimmen“, machte Riesener klar. Wohl aber sei die Nutzung aus Gründen des Jugendschutzes auf die Zeit bis 22 Uhr begrenzt. Würden Ältere des nächtens oder unter Einfluss von Alkohol für Lärm sorgen, dürfe man durchaus den Vollzugsdienst einschalten.
Auch Ballspiel ist nicht einfach Ballspiel: Mit dem Ball zu spielen, ist nach Erläuterung der Rechtsfachfrau grundsätzlich auf Spielplätzen erlaubt. Anders sieht die Sache aber aus, wenn sich ganze Gruppen zum Fußballspiel treffen. Davor, etwaige Übeltäter filmisch festzuhalten, warnte Riesener allerdings eindringlich: Filmen sei nur dann erlaubt, wenn klare Ordnungswidrigkeiten und Straftaten begangen würden.
Insgesamt war die Stimmung nach regem Meinungsaustausch gut: „Bei der Aussprache sind sich Menschen wieder nahegekommen, die vorher viele Aggressionen aufgestaut hatten“, lautet die Bilanz von Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. Auch die Verwaltung habe in Sachen Paradiesle klare Aufträge mitgenommen. So wird beispielsweise die verkehrliche Situation gezielt unter die Lupe genommen, nachdem vielfach Klagen darüber laut wurden, dass Tempo 7 am Platz nicht eingehalten werde. Weiter werden Fachleute die Gestaltung des Spielplatzes überdenken. So könnte beispielsweise die Distanz der Klettergeräte zu den Wohnungen verändert werden. Die Privatbereiche der Wohnungen im Erdgeschoss lassen sich möglicherweise besser abgrenzen durch dichte Hecken und Ähnliches mehr. Auch über die Toilettenfrage wollen sich die Verantwortlichen Gedanken machen. – Viele Impulse hat die Veranstaltung also ergeben, die jetzt im Rathaus sondiert werden.
Was die Stadtchefin besonders freut, ist das große Interesse der Paradiesles-Bewohner, die zahlreich zur Aussprache strömten. Speziell der „Initiative Paradiesle“ könnte künftig in einer Art Mittlerrolle zwischen Bürgerwünschen und Verwaltungsvorhaben große Bedeutung zukommen. Bei der Initiative handelt es sich um eine Gruppe engagierter Anwohner. Sie setzen sich seit Jahren genau für die Ziele ein, die sich eigentlich jedermann für sein Wohnumfeld wünscht: Mehr Nachbarschaftlichkeit, eine gute Verkehrssituation und optimale Spielmöglichkeiten.
